Musiker

Die hohe Kunst des Rücktritts

"Ich gehe ohne Bitterkeit", so hat sich eben ein ganz Großer des Liedgesangs verabschiedet. Der Bassbariton Thomas Quasthoff. Mit 52 Jahren. Eine noble Geste. Aber so schwer. Wann ist der richtige Moment, abzutreten, eine glanzvolle, auf ihrem Höhepunkt leuchtende Karriere zu beenden?

Thomas Quasthoff hat sie, nach einem Dreivierteljahr der Absagen und immer wieder verschobenen Auftritte, jetzt sehr konsequent für sich beantwortet. Sein Abschied ist sofort und unwiederbringlich.

Der Künstler ist selbst sein härtester Kritiker. Heißt es. Brigitte Fassbaender, bereits mit 22 an der Bayerischen Staatsoper engagiert, in den Siebziger- und Achzigerjahren eine unverzichtbare Mezzogröße in der Oper, im Konzertsaal und bei Liederabenden, hörte 1995 einfach auf - nach einem Liederabend im Kulturbahnhof Rolandseck. Die dunkelsamtige Stimme der 56-Jährigen war völlig intakt. Sie hatte sich über die neue Intendanz in München geärgert, haderte mit den langsam auf sie zufahrenden Mütterrollen, war des Reisens müde. Außerdem interessierte sie sich für Regie. Heute ist Brigitte Fassbaender 72, hat sich als Opernchefin und Inszenatorin von mehr als 60 Werken bewährt. Für sie hat es sehr wohl ein Leben nach dem Singen gegeben, und ihre zahlreichen Platten sind noch genauso hochgeschätzt wie in ihren Glanztagen; besonders ihr Octavian im "Rosenkavalier" gilt nach wie vor als unübertroffen.

"Die Zeit ist ein sonderbar Ding", singt darin die Marschallin. So manche Interpretin dieser Fürstin Werdenberg musste das selbst erfahren. Besonders heute, wo gern nach Typ besetzt wird, wo gerade für die verstärkte Kinoübertragung in porentiefem HD die Brünnhilde auch in der Nahaufnahme möglichst eine Wunschmaid zu sein hat. Besonders die Damen haben es da immer schwerer. Manche sind plötzlich weg vom Fenster.

Renée Fleming, Amerikas regierende Sopran-Queen, kultiviert deshalb schon lange sorgfältig mit selbst bei Liederabenden wechselnden Glamourroben ihre Divenauftritte und hält sich - jetzt schon - viele Optionen offen. Sie ist Herrin ihres Images, das sich treu bleibt und doch wandeln muss. Sie versucht sich einerseits als Indierock-Chanteuse, nimmt an der Chicago Opera bereits administrative Aufgaben wahr und schenkt sich zum baldigen 53. Geburtstag ihre erste "Ariadne auf Naxos" in Baden-Baden. Vor allem die lyrischen Sopranistinnen haben es heute schwer. Sie sollen Modelmaße haben, aber auch in die letzte Reihe der Metropolitan Opera mit ihren 3800 Plätzen durchdringen. Das Business sortiert da mitunter unbarmherziger aus, als die einzelne Sängerin selbst mit sich umgehen würde.

Wie die von ihr oft gespielte, vom Octavian zu seiner Geliebten graduierte Marschallin hat hingegen Christa Ludwig die Zeit anzuhalten vermocht. Und mehr noch: die wohl größte, auf jeden Fall vielseitigste Mezzosopranistin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand auch - "abtreten, die Leut"- den rechten Moment für den grandiosen Schlussakkord ihrer fast 50-jährigen Karriere. Ab 1993 gab sie zwei Jahre lang eine weltweite Abschiedstour mit Liederabenden und als Klytämnestra, bis zum finalen Strauss-Ton am 14. Dezember 1994 in Wien. Das hatte Größe und Souveränität.

Die, die früh sterben - Maria Cebotari, Fritz Wunderlich, Lucia Popp - bleiben wie auch die toten Filmstars ewig junge Idole der Opernwelt. Die andern aber müssen mit schwindenden Ressourcen und sich änderndem Publikumsgeschmack umgehen. So wie an sich schon kurze Tänzerkarrieren aufgrund der gestiegenen körperlichen Leistungen heute meist noch zehn Jahre eher vorbei sind als früher (in Berlin liefert der 43 Jahre alte Vladimir Malakhov gerade ein Musterbeispiel des Nichtaufhören-Könnens), so sind auch die Sänger verstärkt unter Druck, die Architektur ihrer aktiven Jahre klug zu entwickeln.

So wie der Kunstmarkt schon aus kommerziellen Gründen etwa einen Andy Warhol sich ewig wiederholen ließ, so sehen unsere Eltern nicht immer nur vergnügt zu, wie die Stones oder Bob Dylan als Greise immer neue Generationen melken. Sie wollen nicht loslassen, und der Betrieb verdient noch immer gutes Geld.

Mitunter verklärt die Erinnerung. Maria Callas hat man ihre schreckliche Comeback-Tournee Anfang der Siebziger längst verziehen. Sie unternahm sie wider besseres Wissen vor allem, um ihren damaligen, von Spielschulden bedrängten Liebhaber Giuseppe di Stefano zu unterstützen. Manche brauchen selbst im Alter noch das Geld, andere können vom Scheinwerferlicht nicht lassen. Plácido Domingo ist im 72-Lebensjahr längst zum Bariton abgestiegen, hat aber eben einen neuen Plattenvertrag unterzeichnet und seine dritte DVD als Simon Boccanegra veröffentlicht. Keiner weiß wirklich, wann Schluss sein muss. Thomas Quasthoff schon.