Roman

Trost gibt es sowieso nicht: Ein Fall von literarischer Notwehr

Pfingsten 2010: Tonio van der Heijden, 21 Jahre alt, fährt nachts mit dem Fahrrad von einer Party nach Hause und wird von einem Auto angefahren.

Seine Eltern, Miriam Rotenstreich und der große niederländische Schriftsteller A.F.Th. van der Heijden, sind bei ihm, als er am folgenden Tag an den Folgen des Unfalls stirbt. Er war ihr einziger Sohn. Zurück bleiben gebrochene Eltern. A.F.Th. van der Heijden hat ein Requiem geschrieben für seinen Sohn, ein trostloses Buch von 670 Seiten: sein Versuch, das Unglück zu verarbeiten, ohne je damit fertig zu werden. "Von jetzt an bis zum Ende meiner Tage wird Tonios Tod niemals nicht gegenwärtig sein." Für den Vater, der da schreibt, hält dieses Buch keinen Trost bereit. Für uns Leser ebenso wenig. Stattdessen wird man, insbesondere wenn man selbst Kinder hat, mit eigenen Ängsten konfrontiert. Die Selbstentblößung, die van der Heijden betreibt, macht selbst schutzlos.

Es handelt sich um einen Fall literarischer Notwehr gegen das Schicksal. Für die Dauer dieses Requiemromans gelingt der Anschein eines Aufschubs, eine Ahnung davon, was es bedeutet, wenn wir davon sprechen, dass die Toten, die wir liebten, in unserem Herzen, in unserer Erinnerung weiterleben. Der Verlust durchdringt alles und sorgt zugleich für die ungeheure Drift, die dieses Requiem in Gang setzt. "Das einzige", heißt es einmal in direkter Nachrede an den toten Sohn, "was mir von deinem Verschwinden geblieben ist, ist Freiheit - wenngleich eine von zweifelhafter Art." Diese Freiheit ist für ihn gleichbedeutend mit Nutzlosigkeit. "Ich lief umher wie ein bis ins Mark betrogener Liebhaber, in dem die Liebe immer noch wächst und wächst."

A.F.Th. van der Heijden: Tonio. Ein Requiemroman. A. d. Niederländ. v. Helga van Beuningen. Suhrkamp, 671 S., 26,90 Euro