Friedrich II.

Nicht glorifizieren, nicht verdammen

Jedes der vier jetzt vorliegenden neuen Werke wirft einen kritischen Blick auf Friedrich den Großen und sieht seine Größe mehr im Staatsmann und Philosophen als im Feldherrn. Statt mit den früher üblichen Schlachtenbeschreibungen gelangweilt zu werden, wird der Leser ausführlicher mit den Briefen Friedrichs, seinen Dichtungen und historischen Schriften bekannt gemacht.

An die gut erforschten Etappen dieses an Wechseln so reichen Lebens von den Leiden des Kindes, über die Katte-Tragödie und die Kriege bis zu den Friedensjahren des Alten Fritzen müssen sich notwendigerweise alle halten, da aber jeweils anders erzählt wird und andere Schwerpunkte gesetzt werden, wäre auch einem Leser, der alle vier Bücher hintereinander läse, ein Erkenntnisgewinn garantiert.

So bietet der als Verfasser unterhaltsamer Geschichtsdarstellungen bekannte Tillmann Bendikowski, der sich im Jubiläumsjahr der Varusschlacht auch dieser angenommen hatte, in seinem Buch außer der chronologisch erzählten Lebensgeschichte des Königs auch die Geschichte seines Nachlebens, die bis hin zu Goebbels und Hitler eine der Nutzung zu politischen Zwecken war. Dass er darüber hinaus auch über das Schicksal von Friedrichs sterblichen Überresten nach 1945 berichtet und sich in ausführlicher Oberflächlichkeit auch über das zwiespältige Verhältnis der DDR-Ideologen zu Friedrich auslässt, zeichnet sein auf weite Verbreitung zielendes Buch vor anderen aus.

Ruhmsucht und Ichsucht

Schwierigeres, nämlich ein Charakterbild des Königs, hat sich der in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten tätige Historiker Jürgen Luh vorgenommen und dazu neben dem königlichen Autor und Briefschreiber auch jüngere und ältere Friedrich-Forscher befragt. Sein Buch, das die Kenntnis von Friedrichs Leben voraussetzt, wimmelt deshalb von Zitaten, deren Quellen manchmal nur in den Anmerkungen nachgewiesen werden, so dass für Leser, die wissen wollen, wer hier gerade redet, ein Nachschlagen im Anhang nötig wird. Seiner These entsprechend, nach der einzig und allein die Ruhmsucht Friedrichs Leben, Taten und Denken bestimmte, ist sein Werk in die Abschnitte "Ruhmsucht", "Hartnäckigkeit", "Eigensinn" und "Einsicht" gegliedert, wobei Letztere ihm weitgehend abgesprochen wird. Wie bei jedem Versuch, die unterschiedlichen Facetten eines Charakters auf einen Beweggrund zurückzuführen, kann auch Luh nicht auf gewagte Denkkonstruktionen verzichten, indem er zum Beispiele positive Züge des Königs, wie Selbstironie, Aufgeklärtheit, Pflichtbewusstsein oder Liebe zu seiner Schwester Wilhelmine entweder leugnet oder sie als kalkulierte Bestandteile seiner Ruhm- und Ichsucht erklärt. Will man Luh glauben, so war auch die geplante Flucht des Kronprinzen und ihre Entdeckung auf sein Bestreben, früh schon berühmt zu werden, berechnet, und das Aufkommen seines Beinamens "der Große" war von ihm selbst inszeniert.

Nach der Lektüre könnte sein Titel "Der Große" (erst der Untertitel sagt, um wen es sich handelt) als ironisch gemeint erscheinen, ist aber wohl so nicht gedacht. Denn in der Vorrede erklärt der Verfasser die Ruhmsucht als "durchaus nicht verwerflich", bescheinigt ihr vielmehr, ein "wichtiger Antrieb des Menschen für Veränderung und Entwicklung - zum Positiven wie zum Negativen" zu sein, "auch wenn manche das sehr skeptisch sehen".

Von der Zwanghaftigkeit dieser psychologischen Deutung, die auch die Sprache beeinflusst, hebt sich die Prägnanz und sprachliche Gewandtheit, mit der Jens Bisky die einzelnen Abschnitte seines "Lesebuchs" über Friedrich und seine Zeit jeweils einleitet, wohltuend ab. Dem Feuilletonredakteur der "Süddeutschen Zeitung", der kürzlich erst mit einer Kleist-Biografie erfreute, gelingt es darin, sowohl das Leben des Königs zu erzählen als auch den Meinungsstreit um ihn zu umreißen, der schon sein Leben begleitete und bis heute kein Ende gefunden hat. Kein anderer König ihrer Geschichte hat die Deutschen so sehr wie Friedrich beschäftigt, weshalb Bisky sein Buch etwas gewagt "Unser König" nennt. Ohne die eigene Meinung zu verhehlen, lässt er auch andere gelten, wie schon die kluge Auswahl der gebotenen Lesestücke beweist. Er vermeidet es, "den König, der das Staunen seines Jahrhunderts war, auf eine Formel zu bringen", versucht vielmehr mit den Texten anderer Autoren, die "weder der Glorifizierung noch der Verdammung dienen", Einblicke in Friedrichs Zeit zu geben und in die nie abreißende Diskussion über ihn.

Die Wege der Aufklärung

Dass der modernste Staat Europas, zu dem Friedrich Preußen gemacht hatte, in den 46 Jahren seiner Regierung mit der Entwicklung nicht Schritt halten konnte, sondern in seinen Formen erstarrte, wird in Jürgen Overhoffs Doppelbiografie "Friedrich der Große und George Washington" durch den Vergleich mit dem zukunftsträchtigen Souveränwerden der nordamerikanischen Kolonien anschaulich gemacht. Die Lebensgeschichten der beiden von der europäischen Aufklärung geprägten Staatsmänner, die sich zwar nie begegneten, sich aber bei aller gegenseitigen Kritik doch schätzten, werden von dem Kenner der amerikanischen Geschichte geschickt miteinander und mit den Zeitverhältnissen verwoben, so dass die "Zwei Wege der Aufklärung", wie der Untertitel des Buches lautet, jeweils auch von der anderen Seite her zu verfolgen sind. Während der eine Weg nach hoffnungsvollen Ansätzen in den veralteten Formen des Absolutismus endete, führte der andere in die parlamentarische Republik. Eingehend werden die direkten und indirekten Beziehungen Preußens zur werdenden USA behandelt. Die frühe staatliche Anerkennung der ersten Demokratie der Neuzeit durch Friedrich wird genau so gewürdigt wie die Rolle des preußischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben, der die amerikanischen Milizen zu einer schlagkräftigen Truppe formte, die letztlich den Armeen der Kolonialmächte überlegen war.

Auch wird auf die weniger bekannte Tatsache hingewiesen, dass im Gegensatz zum König, der sicher zu wissen glaubte, dass die Republik in der Anarchie enden müsse, sein Bruder Prinz Heinrich dem amerikanischen Experiment Sympathie entgegen brachte und ihm durchaus Chancen für die Zukunft gab. Als der General von Steuben dem Prinzen 1787 brieflich davon Mitteilung machte, dass einige amerikanische Politiker erwogen, die Republik nach britischem Muster zur parlamentarischen Monarchie zu machen und möglicherweise ihn als König vorschlagen würden, lehnte er mit der Begründung, dass die Mehrheit der Republikaner diesen Schritt nie billigen würden, das mögliche Angebot schon im voraus ab.

Overhoffs sachkundiger und gut lesbarer Arbeit gebührt in der unübersehbaren Masse der Literatur über den umstrittenen, aber doch großen König im Jubiläumsjahr ein bevorzugter Platz.