Kunstsache

Auf den Wandtapeten der Gewalt

Das neue Jahr ist kaum ein paar Tage alt, und schon gibt es eine gewichtige Neuigkeit im Programm von Contemporary Fine Arts.

Die Galerie am Kupfergraben hat Ralf Ziervogel eingelassen, der offensichtlich gerade ohne feste Bleibe war. Das ist erstaunlich für einen Künstler, der vom Museum of Modern Art in New York gekauft und von einflussreichen Sammlern wie Dakis Jouannou oder Harald Falckenberg geschätzt wird. Noch vor ein paar Jahren schien kaum eine Berliner Gruppenausstellung ohne eine riesige Ziervogel-Zeichnung auszukommen, auf der es von Menschen wimmelt, die sich unaussprechliche Dinge antun. Bei CFA zeigt der Berliner Künstler nun Arbeiten, die wirklich einen neue Schritt für ihn bedeuten. Es wird zwar immer noch fleißig in Körper gepiekst, geschnitten und geschossen. Doch Ziervogel hat diesmal in seine Wandtapeten der Gewalt hineingezoomt und Einzelschicksale herausgegriffen. Das Ornamentale ist zum Anekdotischen verdichtet, und der Betrachter kann sich nun stärker auf die virtuosen Details konzentrieren: Zwei Lungenflügel, die aus einem geplatzten Brustkorb hervorschießen. Oder das Überraschungsei, das aus einem angebohrten Knie fliegt. Ziervogels spielerischer Sado-Maso-Reigen ist noch genauso unterhaltsam wie früher. Die Preise der Bilder beginnen bei knapp unter 30.000 Euro. Bis 4. Februar, Am Kupfergraben 10, Mitte

Mit seiner sechsten Einzelausstellung ist Tobias Rehberger nun wirklich kein Neuzugang bei Neugerriemschneider mehr. Man fragt sich eher, ob der Frankfurter Künstler vielleicht schon einen unkündbaren Arbeitsvertrag in der Galerie unterschrieben hat, die sich wie keine zweite in Berlin den "Relational Aesthetics" - also der stärkeren Verbindung von Kunst und Lebenspraxis - widmet. Rehberger zeigt in seiner aktuellen Ausstellung eine Reihe selbstentworfener Werbeplakate. Wobei: Von Werbung im klassischen Sinne kann man nicht sprechen, wenn der Künstler Produkte und Dienstleister, die ihn berühren, mit überenthusiastischen und dadurch recht ironischen Kommentaren anpreist. Ein Grazer Delikatessengeschäft lobt er für seine "schönstens angerichteten Brötchen, die Magenwände wie mit Pfirsichhaut streicheln. Ein blaues Poster für Rainald Goetz' Gegenwartsbericht "Loslabern", das in seiner Anmutung an eine Taschentuchverpackung erinnert, versieht er mit dem Slogan: "Bitte !!! unbedingt kaufen und auch lesen." Der Künstler hat seine Werke auch auf den Straßen in Mitte plakatiert. Wer also Glück hat, kann irgendwo noch einen echten unsignierten Rehberger abziehen. Bis 28. Januar, Linienstraße 155, Mitte

Sprüth/Magers gehört zu den wenigen Galerien, die regelmäßige Ausstellungen von Blue-Chip-Künstlern wie Andreas Gursky oder Cindy Sherman mit einem Galerieprogamm verbinden, das genug Raum für Überraschungen lässt: Robert Therrien etwa ist hierzulande den wenigsten ein Begriff. Doch wer der Kunst des 64-jährigen Amerikaners zum ersten Mal begegnet, der lernt wieder zu staunen. Es beginnt in einem kleineren Raum, in den der Künstler drei gigantische Gartenstühle aus grünem Stahl gepfercht hat. Die Stühle wirken riesig, sie müssen fast vier Meter hoch sein, und doch hat ihr Monumentalismus nichts artifizielles sondern eher etwas magisches. Man fühlt sich wie in Alice' Geräteschuppen. Die Alice aus dem Wunderland, wohlgemerkt. Im Hauptraum der Galerie steht dann eine Art Gewächshaus, gefüllt mit transparenten Alltagsgegenständen wie Kleiderbügeln, Eimern, Frischhaltefolie. Das Haus sieht aus, als würde gute Putzfeen darin wohnen. Bis 21. Januar, Oranienburger Straße 18, Mitte

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien