Udo Samel

Die Rückkehr des Verlorenen

Udo Samel empfängt in der Piscator-Loge. Sein blauer Pullover passt farblich gut zu den ockerfarbenen Polstern. Der Schauspieler steht auf, begrüßt den Gast per Handschlag: In der Erinnerung schien er etwas schmaler und etwas größer zu sein.

Samel kommt gleich auf das Geheimnis des Ortes zu sprechen, der wie eine Miniaturausgabe des Zuschauerraumes aussieht. "Kommen Sie", sagt er, und führt einen zu einer zweiten Tür, die er öffnet. Am Scheinwerfer vorbei kann man die Bühne und die vorderen Sitzreihen sehen. Den fensterlosen Raum, der sich etwa in Höhe des ersten Ranges hinter einer Beleuchtungsnische verbirgt, nutzte Erwin Piscator, der legendäre Regisseur und erste Intendant der Freien Volksbühne, die von Fritz Bornemann entworfen und 1963 eröffnet wurde, um von Schauspielern und Zuschauern unbemerkt die Inszenierung zu beobachten. Ein Verhalten, das Schule gemacht hat. Götz Friedrich, der kontrollsüchtige Generalintendant der Deutschen Oper, ließ sich Jahre später sogar per Standleitung die Aufführungen in sein Wohnzimmer übertragen.

Eigentlich verbindet man mit Udo Samel nicht das mittlerweile in Haus der Berliner Festspiele umbenannte Theater, sondern die Schaubühne. Aber seinen allerersten Auftritt in Berlin, erzählt der 58-Jährige, den hatte er tatsächlich an der Freien Volksbühne: Mit Hans Neuenfels' Frankfurter "Baal"-Inszenierung, die Mitte der 70er Jahre zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden war. Jetzt kehrt Samel an den Ort seines Debüts zurück. Ab Montag ist der 58-Jährige in der gefeierten Burgtheater-Produktion "Zwischenfälle" zu erleben, die im Rahmen der "Spielzeit Europa" gezeigt wird.

In Wien spielen, in Berlin leben

An der Schaubühne war Samel von 1978 bis 1992 Ensemblemitglied, also zu einer Zeit, als die Schaubühne mit den Regisseuren Peter Stein, Luc Bondy, Klaus Michael Grüber und Robert Wilson der Tempel des deutschen Theaters war. Die Stars von damals, sie sind heute selten in Berlin zu erleben. Otto Sander spielt häufiger in Bochum als in Berlin. Jutta Lampe hatte vor einigen Jahren einen Gastauftritt an der Schaubühne in einer Racine-Inszenierung von Luk Perceval. Gerd Wameling unterrichtet an der Universität der Künste. Andere wie Corinna Kirchhoff, Peter Simonischek oder Udo Samel haben eine neue künstlerische Heimat in Wien gefunden, sind dort Ensemblemitglieder des Burgtheaters. Momentan ist Samel in vier Produktionen drin, spielt im Schnitt acht bis 12 Vorstellungen im Monat - und lebt nach wie vor in Berlin. Hier fühlt er sich "verheimatet" ("ein altes deutsches Wort" wie er betont), die meiste Zeit "meines Lebens habe ich hier verbracht" - und bevor es jetzt möglicherweise melancholisch wird, flüchtet Samel sich in eine lustig gemeinte Bemerkung: "Ich bin ein arbeitsloser Berliner, der hier brav seine Steuern zahlt, obwohl ich hier keine Arbeit bekomme." Da geht es ihm nicht anders, als seinen Ex-Kollegen.

Es ist ja nicht so, dass Udo Samel nicht gern in Berlin spielen würde. Das Problem ist nur: wo? Ästhetik und Spielweise haben sich radikal verändert. Auch "der Blick auf die Menschen und die Texte", ergänzt Samel. Und fügt hinzu, dass er "nicht für alles zur Verfügung steht". Denn aus seiner Sicht ist "ein starker Text immer spannend und gehört in einer richtigen, guten Form und dem Menschen zugeneigt bearbeitet". Samel spricht davon, dass man Worte auf der Bühne nicht einfach hinpupsen darf, dass man überlegen muss, was es heißt, wenn dieses oder jenes Wort und kein anderes in den Raum gestellt wird.

Zehn Darsteller in 90 Rollen

Da klingt die alte Schule durch. In den seligen Stein-Zeiten beschäftigte man sich richtig lange mit dem Text. "Wir können ja nur ganz schwer die Bühne betreten, wenn wir nicht wissen, was wir da sollen und wollen", umschreibt Samel die alte Schaubühnen-Ernsthaftigkeit. Und erlaubt sich eine kleine Spitze auf die Regietheater-Gegenwart. Heute sei ja eher das Gegenteil opportun: "Man ist auf der Bühne und schaut, was man anfangen kann." Aber dieses "um jeden Preis neu und jung sein, das kickt eine gewisse Ernsthaftigkeit aus dem Theater hinaus", sagt Samel, der kurz vor Weihnachten ebenfalls bei "Spielzeit Europa" in "Tage unter" in Berlin zu sehen war. Ein Werk des norwegischen Dramatikers Dramatiker Arne Lygre. "Kein unbedingt lebensbejahendes Stück", sagt Samel. Eine klaustrophobische Versuchsanordnung über menschliche Abgründe. Eine Geschichte über das Beherrschen und Beherrschtsein. Der Bewohner eines einsam gelegenen Hauses greift gestrandete junge Mädchen auf und sperrt sie in einen Bunker unter seinem Keller. Udo Samel spielte diesen Besitzer.

"Junkies von der Straße holen, ein besseres Leben schaffen - was heißt das? Was ist das bessere Leben? Darüber spricht das Stück nicht", sagt der Schauspieler. "Für Menschen, die sich daran gewöhnt haben, dass das Leben von einer Party zur nächsten geht, ist es vielleicht nicht so spannend. Wir leben ja in einer Zeit, die mit den Ängsten, die uns gemacht werden, so vollgefüllt sind, das sich jeder freut, wenn er sich einen hinter die Binde kippen darf und lustig sein kann." Eine Stimmung die Samel an die 20er Jahre in Berlin erinnert. Der Tanz auf dem Vulkan. "Ich will kein Unker sein, kein Kassandro, aber ich fürchte, die 30er Jahre mit all ihrem Schrecken kommen wieder."

Weniger düster ist "Zwischenfälle", die zweite Inszenierung, in der Udo Samel vom 9. bis 12. Januar im Haus der Berliner Festspiele zu sehen ist. In der Burgtheater-Produktion, deren Nichteinladung zum Theatertreffen für heftige Kritik sorgte, lässt Regisseurin Andrea Breth ihre zehn Darsteller in beinahe 90 Rollen rund 30 Szenen formen - es entsteht ein Panorama der seltsamsten Zwischenfälle. Die Collage basiert auf Texten von Courteline, Cami und Charms. Drei Autoren, die nicht nur das C am Anfang des Namens eint, sondern auch ihr Hang Absurditäten und Nonsense, zu schiefen Situationen und schrägen Typen.

Und jetzt müssen wir doch wieder auf die Schaubühne kommen. Denn mit Corinna Kirchhoff und Peter Simonischek kehren zwei weitere frühere Schaubühnenstars für "Zwischenfälle" auf eine Berliner Bühne zurück. Und "Ideengeber für diese Produktion", war ein legendärer Schaubühnenabend mit Cami-Szenen vor vielen Jahren, erzählt Samel. Wobei bestimmte Texte heute "jeden Stachel verloren haben und nur noch blöde wirken. Also haben wir alles weggelassen, wo es keine Pointe gibt."

Haus der Berliner Festspiele , Schaperstraße 24, Wilmersdorf. Termine: 9.-11. Januar um 20 Uhr; 12. Januar um 19 Uhr.