Interview mit Daniel Kehlmann

"Ich lasse mich gern stören - leider"

2012 wird ein richtiges Daniel-Kehlmann-Jahr. Seine beiden letzten Romane "Ruhm" und "Die Vermessung der Welt" kommen im Frühjahr beziehungsweise im Herbst ins Kino. Und sein erstes Theaterstück "Die Geister in Princeton" hat am Sonntag Premiere im Renaissance-Theater. Mit dem Autor sprachen Pinar Abut und Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost: Herr Kehlmann, gehen Sie eigentlich gern ins Theater?

Daniel Kehlmann: Grundsätzlich sehr gerne.

Berliner Morgenpost: Wann denn nicht?

Daniel Kehlmann: Wenn das, was ich dort sehe, mich zu sehr ärgert.

Berliner Morgenpost: Welche Inszenierung hat Sie denn auf die Palme gebracht?

Daniel Kehlmann: Ich weiß, worauf Ihre Fragen zielen, meine Salzburger Rede damals und meine Kritik an der deutschen Theaterpraxis.

Berliner Morgenpost: Ihre Regietheater-Schelte hat ein Erdbeben ausgelöst.

Daniel Kehlmann: Ich habe dazu gesagt, was ich zu sagen hatte, ich stehe zu jedem Wort meiner Rede, aber ich habe nicht vor, daraus einen Kreuzzug zu machen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie mit dem Regietheater Ihren Frieden gemacht?

Daniel Kehlmann: Keineswegs. Ich bin überzeug davon, dass in Deutschland der ganze Theaterbetrieb sich in eine sehr problematische und falsche Richtung entwickelt hat.

Berliner Morgenpost: "Geister in Princeton" ist Ihr erstes Theaterstück. Liegen Ihre Vorbilder im angelsächsischen Theater?

Daniel Kehlmann: In New York und London habe ich wieder erfahren, wie viel Freude Theater macht. Das hatte ich in Deutschland vergessen.

Berliner Morgenpost: Sie lassen in "Gespenster" auch Albert Einstein auftreten - historische Figuren kommen sonst in der deutschen Gegenwartsdramatik eher seltener vor.

Daniel Kehlmann: Das stimmt. Dabei ist es unproblematischer als im Roman. Als ich das in "Die Vermessung der Welt" gemacht habe, habe ich viel hin und her überlegt. Darf man das, wie viel ist möglich? Das Theater aber hat eine alte Tradition mit historischen Figuren umzugehen, denken Sie an Shakespeares Königsdramen, es ist klar, dass der Schauspieler auf der Bühne nicht diese Person ist, während es im Roman nicht so selbstverständlich ist, dass ich, wenn ich über Gaus erzähle, im Grunde nicht den historischen Gaus, sondern die an ihn angelehnte Romanfigur meine.

Berliner Morgenpost: Woher kommt Ihre Begeisterung für Mathematiker?

Daniel Kehlmann: Ich war schon sehr lange von Gödel beeindruckt. Der Umstand, dass der größte Logiker der Neuzeit an Gespenster glaubte, das ist literarisch einfach sehr ergiebig.

Berliner Morgenpost: Waren Sie gut in Mathematik?

Daniel Kehlmann: Ich war ganz gut, aber nicht besonders begabt. Ich weiß eigentlich auch nicht, woher dieses Interesse an Mathematikern kommt, in einem früheren Roman von mir, "Mahlers Zeit", spielt auch einer die Hauptrolle. Man entscheidet sich ja nicht, sich für dieses oder jenes zu interessieren, sondern man merkt einfach, dass einen dieses oder jenes interessiert. Ich hatte schon lange darüber nachgedacht, ob ich über Kurt Gödel einen Roman oder eine Erzählung schreiben könnte, aber hatte die Befürchtung, das wird furchtbar abstrakt. Und nach der "Vermessung" hatte ich auch das Gefühl, ich kann nicht einfach noch mal einen Roman über einen Wissenschaftler schreiben. Aber ich dachte dann, mit dem Wechsel der Gattung darf ich es vielleicht doch.

Berliner Morgenpost: Haben Sie beim Schreiben eigentlich bestimmte Rituale?

Daniel Kehlmann: Wenn ich an einem größeren Text arbeite, versuche ich eine Seite pro Tag zu schreiben, aber das schaffe ich nicht immer.

Berliner Morgenpost: Der Thomas-Mann-Stil?

Daniel Kehlmann: Der funktioniert doch eher so, sich einen Anzug anzuziehen und jeden Morgen um eine bestimmte Zeit am Schreibtisch zu sitzen. Das ist eigentlich ein gutes Mittel, aber das schaffe ich nicht.

Berliner Morgenpost: Wenn Thomas Mann im Sommer in seinem Haus auf der Kurischen Nehrung war, mussten die Kinder an den Strand gehen, damit Papa ungestört arbeiten konnte.

Daniel Kehlmann: Mann war unglaublich irritierbar und hat Wutausbrüche bekommen, wenn er gestört wurde. Gut für ihn. Ich werde ganz gerne gestört - das ist ja das Problem.

Berliner Morgenpost: Sie suchen die Ablenkungen?

Daniel Kehlmann: Es gibt auch so viele. Die einfachste Ablenkung liegt ja darin, dass man ständig das Schreiben unterbrechen und seine E-Mails überprüfen kann. Oder einfach im Internet was nachgucken. Manche Autoren benutzen schon dieses Programm "freedom", wo man zehn Euro bezahlt und dann kann man eingeben, wie lange man vom Internet getrennt sein möchte. Man zahlt jetzt schon Geld dafür, dass einem der Zugang beschränkt wird.

Berliner Morgenpost: Man kann doch auch den W-Lan-Router ausschalten.

Daniel Kehlmann: Aber den kann man auch wieder einschalten.

Berliner Morgenpost: Sie waren mal ein richtig guter Tetris-Spieler, oder?

Daniel Kehlmann: (lacht): Ja, das stimmt. Ich habe jetzt wieder eine Tetris-App fürs iPad.

Berliner Morgenpost: Gehen Sie jetzt wieder Ihrer Computerspiele-Leidenschaft nach?

Daniel Kehlmann: Ich bin da zu gefährdet. Ich habe zum Beispiel fünf Teile "Tomb Raider" von Anfang bis Ende durchgespielt, das ist jetzt auch schon bald zehn Jahre her. Dann habe ich beschlossen, es muss jetzt Schluss sein mit Computerspielen. Ich habe später noch einmal ein kurzes Intermezzo eingelegt, als ich vor zwei Jahren eine Playstation geschenkt bekommen habe. Ich habe dann "Grand Theft Auto" ausprobiert. Was ich unglaublich fand ...

Berliner Morgenpost: ...unglaublich gut?

Daniel Kehlmann: Ja, gut, das ist eigentlich ein Kunstwerk. Wie ganz Brooklyn im Programm enthalten ist, man kann in all diese Straßen fahren und dann irgendwann wird die Brücke geöffnet und dann kann man auch nach Manhattan. Und es ist alles da, solch ein Reichtum an Details und Einfällen. Der Reichtum dieser künstlichen Welt ist faszinierend. Aber ich habe dann auch gemerkt, das ist schon eine Alterserscheinung, ich komme mit der Playstation-Steuerung nicht zurecht. Ich bin noch die Joystick-Generation. Diese Daumensteuerung, wo man mit der einen Hand die Kamera bewegt und mit der anderen Hand das Auto und das immer durch die Daumenbewegungen, das macht mich ganz wahnsinnig. Und es hat auch zuviel Zeit weggenommen. Also ich war sehr beeindruckt, aber dann habe ich die Playstation doch eingemottet. (lacht)

Berliner Morgenpost: Sie haben erzählt, dass Sie ein iPad haben. Lesen Sie darauf auch Bücher?

Daniel Kehlmann: Nein, aber auf dem Kindle. Das iPad ist ein fantastisches Gerät für viele Dinge, aber gerade nicht zum Bücherlesen, es ist unangenehm für die Augen. Während ein Kindle mit seinem simulierten Papierdisplay wirklich sehr praktisch ist. Ich bin da nicht kulturpessimistisch. Gerade für jemanden, der viel reist, ist die Möglichkeit, 20 Bücher dabei zu haben, großartig. Als Lobbyist müsste ich natürlich dagegen sein, aber als Leser finde ich es toll.