Theater

Kleine Bühnen, großes Spiel

| Lesedauer: 12 Minuten

Ein letzter Vorsatz: Man sollte ja viel mehr ins Theater gehen. Wir haben sechs Stücke in Off-Theatern besucht. Unsere Empfehlungen.

Berlin gilt als Hochburg des Theaters: Neben den großen staatlichen Einrichtungen gibt es in der Stadt zwischen 250 und 300 freie Gruppen, ganz genau weiß das nicht einmal die Senatskulturverwaltung. Denn einige finden sich nur für eine Produktion zusammen, andere haben sich längst etabliert. Mit rund 8,6 Millionen Euro unterstützt das Land Berlin die freie Szene über verschiedene Fördertöpfe, die ein oder andere Million steuert außerdem der Bund über den Hauptstadtkulturfonds bei. Manche Einrichtungen wie das Weddinger Prime Time Theater existieren sogar ohne staatliche Zuschüsse, hätten aber nichts dagegen, wenn sie ein bisschen unterstützt werden würden. Dass das Geld im Off-Bereich grundsätzlich gut angelegt ist, darüber herrscht Konsens in der Stadt. Das sehen auch unsere sechs Kritiker so, die sich einfach mal eine Inszenierung herausgepickt und angeschaut haben.

Der aufwühlende Abend

Herr Dr. Stock muss die schiefe Brille richten, schnell Boxershorts und Hose hochziehen. Hier liegt ein BH, dort die Hose seines Freundes: "Bin ich im Elysium?", fragt er verwirrt. Mit einer Orgie endet Cornelius Schwalms "Penthesilea"-Inszenierung. Für Herrn Dr. Stock ein paradiesisches Erlebnis.

Herr Dr. Stock? In Kleists "Penthesilea" geht es doch um einen klassischen Stoff aus der griechischen Mythologie. Um die Amazonenkönigin Penthesilea, die sich entgegen der Gesetze ihres Frauenstaates in den als unbezwingbar geltenden Griechen Achill verliebt und ihn erobern möchte.

Aber diese "Penthesilea" der Truppe Mariakron im Theater unterm Dach spielt in einem bürgerlichen Wohnzimmer. Achill und Penthesilea, die stattlichen Griechen und aufreizenden Amazonen: Das sind Spießer, die sich in diesem Wohnzimmer treffen - mal Herr Dr. Stock in Schlips und Pullunder oder sein Rollkragenpullover tragender Freund; Amelie mit Hochsteckfrisur, Frau van Fries im schicken Etuikleid oder ihre adrette Freundin. Mit gebührendem Abstand zueinander sitzen sie auf der Couch. Man siezt sich. Kichert verlegen, als man Kleists "Penthesilea" zu lesen beginnt: Die Gruppe Mariakron weiß die anfängliche Verkrampftheit der Fünf fabelhaft darzustellen. Der Alkohol und das Drama wirken wie Aphrodisiaken: Bis Amelie Herrn Dr. Stock mit amazonenhaften, verführerischen Bewegungen umtanzt. Herrlich anzusehen, wie dieser sich an seinem Stuhl festkrampft, darum bemüht, seine Erregung zu unterdrücken, dann aber doch nach Amelies Brüsten greift. Er wird zurückgewiesen. Noch. Kleists "Penthesilea" als Katalysator libidinöser Wünsche, als Lösung bürgerlicher Selbstbeschränkung und sexueller Hemmungen. Ein atemberaubender Abend. Mareike Hunfeld

Theater Unterm Dach , Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg. Tel. 902 95 3817. Termine: 12. und 13. Januar, 20 Uhr.

Der komische Abend

Sie sind einfach da. Wir erfahren nicht, weshalb es da auf der maroden Bühne nur zwei Schauspielern obliegt, etwas hilflos und mit dem Hauch der Verzweiflung die komplette Weihnachtsgeschichte aufzuführen. Offenbar ist der Rest des Ensembles erkrankt. Oder aus anderen Gründen abwesend. So liegt es an den beiden Knallchargen Theodor und Bernhard, beim Krippenspiel alle Rollen selbst zu spielen: Josef und Maria, römische Tribunen, Esel, Engel, Hirten, die Weisen aus dem Morgenland und Gott persönlich. Das geht so gründlich wie hochkomödiantisch schief.

Patrick Barlows Komödie "Der Messias" ist ein Stück Theater auf dem Theater, bei dem sich die Akteure in klassischer Comedy-Duo-Manier um Kopf und Kragen spielen, unterstützt von einer Operndiva namens Frau Timm, die Scherben aus Haydns "Messias" schmettert. Reinhard Scheunemann als Theo und Michael Schwager als Bernhard reizen das Komiker-Repertoire zwischen Drama, Slapstick und Klamotte voll aus. Und Musicaldarstellerin Katharina Koch ist in höchsten Tönen das Sahnehäubchen auf diesem von Grips-Gründer Volker Ludwig und Ulrike Hoffmann ins Deutsche übersetzten Theaterspaß.

Hier scheint sich ein neuer Dauerbrenner in Berlins ältestem Kellertheater, das seit 1956 unter dem Delphi-Kino residiert, anzubahnen. Ein Dauerbrenner wie "Shakespeares sämtliche Werke" in 90 Minuten wohlmöglich, die seit mittlerweile elf Jahren im Repertoire des charmanten Off-Theaters sind. Peter E. Müller

Vagantenbühne Kantstraße 12a, Charlottenburg. Tel. 312 45 29. Termine: 6.-8. Januar, 20 Uhr.

Der psychotische Abend

Wasserpfeifen stehen in der Ecke. Wir hocken auf platten Kissen auf dem Boden des realexistierenden Orient-Cafés "Sisha" in Neukölln. Zwei Straßenecken entfernt vom Theatersaal des Heimathafens, dort, wo der zweiteilige Abend "Lila Risiko Schachmatt" dramaturgisch angedockt ist. Eine Reihe arabischer Gegenwartsminiaturen, die arabische Realitäten verhandeln, hat Regisseurin Lydia Ziemke dort zusammengestellt.

Vor uns auf dem Teppich also ein Liebesdrama, das überall auf der Welt spielen könnte - hier in einer engen Einzimmerwohnung mit Luftmatratze. In Kurzform: Sie ist jung, schön und erfolgreich als Journalistin, die bevorzugt über schöne Partys schreibt. Sie zahlt das Zimmer, in dem beide sich heimlich treffen. Beide wohnen noch bei ihren Eltern. Ahmad, ihr Lover, depressiv gestimmt, schreibt auch, allerdings erfolglos, keiner liest seine Storys. Kein Wunder, dass sich beide in die Wolle kriegen. Die beiden streiten allerdings nicht in Berlin-Neukölln, sondern in Damaskus. Das Mini-Kammerspiel "Rückzug" stammt vom syrischen Theatermacher Mohammad Al Attar und dieser hat dem Stückchen auch eine politische Fallhöhe gegeben. Die private Krise - das Phlegma Ahmads etwa als politischer Stillstand - soll die unruhigen Zeiten in Syrien spiegeln. Doch das Stück selbst wird von der derzeitigen Aktualität im Lande überrollt. Syrische Gegenwart ist kaum nach Neukölln zu verpflanzen. Irgendwie bleibt Damaskus also Neukölln.

In "603", dem zweiten Drama an diesem Abend, ist das schon anders. Vier Gefangene schlagen ihre Zeit tot in einem israelischen Horror-Knast. Das hat Furor, das ist drastisch, atemraubend, klaustrophob. Die Enge drückt quasi gegen den eigenen Kopf. Eine Mücke wird zum Psychiater - und die Zeit schleicht wie bei Beckett. Hier ahnt man, woher Wahn-Sinn kommen kann. Zumal die Holzbänke auch wie Folter sind. Keine Frage, ein intensiver Abend, der ziemlich gemischte Gefühle hinterlässt. Gabriela Walde

Heimathafen Neukölln , Karl-Marx-Straße 141. Tel. 56 82 13 33. Termine: 28. und 29. Januar, 19.30 Uhr.

Der temporeiche Abend

Was war eigentlich dieser Michael Kohlhaas für ein Typ? Nun gut, an der Frage durften sich schon Heerscharen von Germanistikstudenten abarbeiten, aber das wird vermutlich nicht so komprimiert (vielen Dank, 70 Minuten sind eine wunderbare Länge für ein Theaterstück) und kurzweilig wie im bat Studiotheater geschehen sein.

Niclas Rohrwacher, Vincenz Türpel und Seyneb Saleh, allesamt Schauspielschüler im vierten Jahr, spielen das Stück von Heinrich von Kleist. Auch wenn man vielleicht denken mag, nee Kleist muss nach all den Festivitäten zu seinem 200. Todesjahr nun wirklich nicht mehr sein, lässt das ordentliche Tempo der Inszenierung die Zweifel vergessen. Am Anfang wird, ein wenig überpädagogisch, gefragt, ob dieser Kohlhaas ein rechtschaffener oder entsetzlicher, grausam mordender Mann war. Sie überlegen dann, wer denn nun Kohlhaas spielen wird, jeder interpretiert ihn auf seine Weise, entweder friedlich seines Weges gehend oder doch bei der Frage nach dem elenden Passierschein durch Sachsen umgehend zur Waffe greifend. Die Wahl fällt auf Seyneb Saleh, eine begrüßenswerte Entscheidung, die breitbeinig, mit gesundem Selbstbewusstsein und äußerst wandlungsfähig über die Bühne schreitet. Irgendwann, spätestens als sie einigermaßen entsetzt erblickt, was aus ihren zwei schönen Mähren geworden ist, denkt man angesichts ihrer Raserei tatsächlich, sie sei ein Mann. Das Ende ist dann ein Nicht-Ende, die beiden männlichen Schauspieler zerstreiten sich in einem wüsten Dialog an der Frage der Schuldfähigkeit des Kohlhaas und die arme Saleh steht verloren auf der Bühne, tritt verlegen ab und lässt den drei Musikern, die auf unanstrengende Weise begleiteten, den letzten Auftritt. Insgeheim dachte man ein wenig gönnerisch vor dem Abend, die Schauspieler würden bestimmt einen kleinen Bonus brauchen, sie lernen ja noch. Aber Mitleidspunkte brauchen sie nicht, es war ein professioneller Abend, der eine größere Bühne verdient. Matthias Wulff

bat Studiotheater , Belforter Str. 15, Prenzlauer Berg. Tel. 75 54 17 777. Termine: 6. und 7. Januar, 20 Uhr.

Der unterhaltsame Abend

Das Heil der kleinen Bühnen liegt im gepflegten Lachen. Die seichten Komödien des Boulevard-Gurus Neil Simon sind dafür immer geeignet. Das Kleine Theater am Südwestkorso hat sich "Roses Geheimnis" auf den Spielplan verordnet. Denn im wahrsten Sinne des Wortes wird ein bisschen Trauerarbeit vollzogen. Etwas Melancholie liegt über dem Abend. Worum geht es in dem Generationenstück? Die einst gefeierte Schriftstellerin Rose Steiner (von Gudrun Gabriel mehr weltabgewandt denn hysterisch gespielt), kann nicht von ihrem Kollegen-Lebenspartner Walsh McLaren loslassen. Als Geist will Martin Gelzer (Typ Buchhalter) ihr finanziell helfen: Eines seiner unvollendeten Manuskripten braucht - wie treffend - einen Ghostwriter. Der jungtalentierte Gavin Clancy, den Timur Isik sehr männlich und weniger selbstzweiflerisch spielt, soll das Buch zu Ende bringen. Am Ende ist er zumindest mit Roses Tochter Arlene (Michaela Hinnenthal verkörpert ein spätes Mädchen) zusammen. Das Publikum hat sich bei Bier und Rotwein prächtig vergnügt. Volker Blech

Kleines Theater Südwestkorso 64, Friedenau. Tel. 821 20 21 Termine: 21. und 22. Januar, 20 Uhr.

Der Gesangsabend

Ob der Applausmesser manipulierbar ist? Und deshalb Heidemarie Schinkel, die sächselnde Weddinger Arbeitsamtsleiterin, jedes Mal den "Berlinvision Songcontest" mit ihrem DDR-Sehnsuchtsschlager gewinnt? Wir wissen es nicht. Aber ihr Auftritt im leuchtend-blauen FDJ-Hemd sorgt für einen Stimmungshöhepunkt in der stimmungshöhepunktsatten 74. Folge von "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" (GWSW). Schinkels Konkurrenten sind nicht von schlechten Eltern: Der Ich-mach-auf-Skandal-Rapper Mushido leidet unter der ach so verständnisvollen Mama und tritt für Zehlendorf an. Spandau startet mit dem Lied "Wenn die Rollatoren die letzte Runde drehn - Das Leben ist schön". Briefzusteller Kalle rockt als Rohrpostreiniger für Reinickendorf. "Prenzlwichser" Claudio fordert das Publikum mit seiner Version von "Es ist Frühling in Prenzlauer Berg" heraus und Burlesque-Tänzerin Petty zieht sich für Schöneberg aus.

Seit acht Jahren läuft die "GWSW"-Sitcom im Prime Time Theater - natürlich im Wedding. Constanze Behrends und Oliver Tautorat, die Autorin und der Theaterleiter stehen auch selbst auf der Bühne, haben den Begriff Volkstheater modern interpretiert und damit eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Dass sie jetzt mit der 74. Folge ein bisschen in Richtung Musical gehen, tut dem Format gut und lässt auf ein spannendes neues Jahr hoffen. Kurzweiliger geht es ohnehin in keinem Berliner Theater zu. Stefan Kirschner

Prime Time Theater , Müllerstr. 163, Wedding. Tel. 49 90 79 58. Termine: 6-8. Januar, 20.15 Uhr.