Geitels Geschichten

Die große Brünnhilde

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Über die Jahrzehnte hinweg war die Berliner Sopranistin Frida Leider (1888-1975) eine grandiose Brünnhilde und Isolde gewesen und das nicht nur in Berlin an der Staatsoper, sondern in aller Welt. Bayreuth natürlich eingeschlossen, aber auch die Metropolitan in New York, Covent Garden in London, die Scala in Mailand.

Sie verstand es, Singheroik mit Gefühlstiefe zu vereinen. Das gestattete es ihr, nach dem allmählichen Abschied von der Bühne (auf die sie nach dem Kriege zeitweilig als Opernregisseurin zurückkehrte) auf Anraten Michael Raucheisens ihr Singheil im Liedervortrag zu suchen.

Von Siegheil war bei ihr nie die Rede gewesen. Im Gegenteil. Ihr Mann, Rudolf Deman (1880-1960), Konzertmeister des Opernorchesters, war bis zum "Anschluss" an das Reich nichts als Österreicher gewesen. Jetzt aber sah er sich als Jude gebrandmarkt. Hellsichtig hatte er die Flucht in die Schweiz ergriffen, um sich vor der drohenden Verfolgung zu retten. Denn auf die berühmt-berüchtigte "Gottbegnadeten-Liste" des Nazi-Regimes, die vor Verfolgungen einigen Schutz gewährte, hatte es Frida Leider sonderbarerweise nicht gebracht. Dabei war sie wirklich gottbegnadet. Das bewies sie sogar noch in ihrem ersten Liederabend am 7. April 1940 im Berliner Beethoven-Saal. Ich war dabei.

Schon seit Jahren bewahrte ich stolz eine signierte Photographie der Sängerin auf. Nun aber nahm mein Autogrammbuch ihren Namenszug endgültig gefangen. Ich war heimgekehrt aus dem Krieg, froh und glücklich, den Namen Fridas wieder auf den Programmzetteln der Staatsoper zu lesen. Das Haus war ausgebombt. Sie inszenierte zu Weihnachten 1945 Humperdincks "Hänsel und Gretel". Das Leben hatte weiterzugehen. Zwei Jahre später, am 3. Oktober 1947, kam unter Frida Leiders Regie im Ausweichquertier der Staatsoper, im Admiralspalast, Wagners "Tristan und Isolde" heraus. Am Pult: Wilhelm Furtwängler. Höher konnte man als Regisseurin nicht steigen.

Als allererstes, gestand sie später einmal, hatte sie gelernt, dass die Arien nicht das Wichtigste in der Oper seien. Es käme aufs Ganze an.

Diese Überlegung behielt Frida Leider zeitlebens im Kopf. Das zahlte sich am Ende künstlerisch für sie aus. Als sie in Amerika die Brünnhilde in der "Walküre" sang, kam sie über das einleitende "Hojotoho" nicht hinaus, denn schon brach ein Beifallssturm los, der sie vorübergehend zum Verstummen zwang. Eine derartige Begrüßung dürfte den wenigsten Brünnhilden jemals beschieden gewesen sein.

Ich gestehe: ich gab damals der genau zehn Jahre jüngeren Marta Fuchs oder der elf Jahre jüngeren Gertrude Rünger den Vorzug, die in Frida Leiders Glanzrollen in der Staatsoper nun ein und aus gingen. Ich konnte ja nicht wissen, dass die Leider, in der ihr politisch oktroyierten Einsam- und Hilflosigkeit von anhaltenden Depressionen niedergeworfen wurde.

Es fiel ihr grauenhaft schwer, sich ins Leben zurückzukämpfen, das außerdem natürlich das alte Leben mit seinen kolossalen Erfolgen längst nicht mehr war. Es galt, das Beste aus den gekoppelten Katastrophen zu machen: dem Verzicht auf die triumphalen Auftritte im Ausland und dem unaufhaltsamen Fortschritt des Alters.

Die Frida Leider, die ich rasch zu bewundern gelernt hatte, war die Frida Leider der Kriegsjahre nicht mehr.

Frida Leider war eine Feindin der Starallüren. Vielleicht ist sie, wenn auch stimmlich besser gerüstet, die einzig echte Vorgängerin von Anja Silja gewesen.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern