Sebastian Knauer

"Jeder Ton hat eine hundertprozentige Bedeutung"

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Volker Blech

Er ist ein recht lockerer Typ, einer mit Jeans und Dreitagebart. Hemdsärmlig ist Sebastian Knauer deswegen nicht, sondern ein höflicher, offener Künstler. Und irgendwie scheint er immer unterwegs zu sein. Unser Treffen in einem Berliner Hotel liegt für ihn an diesem Tag auf der Route zwischen Hamburg und Köln.

Er sei rund 200 Tage im Jahr unterwegs, sagt Knauer. So ist das Leben von Konzertpianisten, quasi immer mit Handgepäck. Er hat sich bereits quer durch die Welt gespielt. Knauer gehört zu den Solisten, die man nie danach fragen sollte, wo sie schon überall aufgetreten sind. Das Gespräch zieht sich unnötig in die Länge. Er weiß das. Nach Australien habe er es noch nicht geschafft, sagt er dann. Wird aber irgendwann kommen. "Die Amerikaner haben strengere Visa-Bestimmungen", sagt er über die logistischen Strapazen: "Nach Japan und China ist es einfacher." So global ticken Solisten heute.

Andererseits betont Sebastian Knauer, sehr sesshaft zu sein. In Hamburg, dort, wo er 1971 geboren wurde. "Wir Knauers sind alte Hamburger". Das sagt er im Gespräch sogar zweimal. Und natürlich erzählt er vom Weinhändler Georg Andreas Knauer, der 1824 in Eppendorf die Kuranstalt "Beim Andreasbrunnen" begründete und aus eigenem Brunnen seine Mineralwässerchen feilbot. Dieser Vorfahr wollte aus Hamburg auch ein "Bad Hamburg" machen. Das klappte nicht, zumindest gibt es eine Knauerstraße nebst Gedenkstein.

In Hamburg lebt er also mit seiner Familie. Das eigentliche Glück, wie der Pianist betont. Ehefrau Dorothee war zuvor im Schifffahrtsmanagement tätig, begegnet sind sie sich auf einer Hochzeit bei Freunden, wo er ein Ständchen spielte. Das war aber eher Zufall, weil ein geplantes Konzert in Italien ausfiel. Jetzt ist es eine Familie mit zwei kleinen Kindern - und er tue alles, sagt Sebastian Knauer, um möglichst viel zu Hause zu sein. Diese Bodenständigkeit gehört wohl zur Aura dieses Pianisten, mit dem man einfach gerne über Musik, Familie, Gott und die Welt spricht. Sebastian Knauer hat zweifellos etwas Gewinnendes, etwas Vermittelndes an sich. Das macht bekanntlich Freunde, gerade auch unter Künstlern. Mit dem Stargeiger Daniel Hope ist er musikalisch eng verbandelt. Am 14. März werden die Beiden im Kammermusiksaal Kleinodien von Clara Schumann, Brahms und Joseph Joachim aufführen. Ein Kennerprogramm. "Wir müssen nicht alles besprechen", sagt Sebastian Knauer, "weil wir uns so ähnlich sind." Und das reicht bis ins Private hinein, wo der eine Trauzeuge beim anderen, der wiederum Patenonkel ist. Die Klassik ist ein Familienbetrieb, irgendwie.

Und das betrifft auch die Knauers selbst. Vater Wolfgang Knauer war zuletzt Chef bei NDR Klassik, seine Mutter leitete den Landeswettbewerb "Jugend musiziert". "Ich bekam die beste musikalische Früherziehung, die möglich war", sagt er, "und natürlich Klavierunterricht." Bereits 1984 gab er sein Konzertdebüt in der Laeiszhalle in Hamburg. Er wurde gefördert u.a. von der alteingesessenen Berenberg Bank. "Aber ich war kein Wunderkind", sagt Knauer, der wie viele Hamburger Jungs auch gern Feldhockey spielte, "ich musste mir schon alles erarbeiten."

Kein Hochleistungs-Virtuose

Das ist das Angenehme an dem Pianisten, wie er - der ja irgendwie auch ein Überflieger ist - das Understatement pflegt. "Ich bin kein Liszt-Fan", sagt er beispielsweise und fügt hinzu: "Es gibt Virtuosen, die dafür geschaffen sind." Interpretatorischer Hochleistungssport ist seine Sache nicht, und wohl auch nicht das Ergründen seelischer Tiefen. Er setzt lieber auf Mozart, Beethoven, Schubert und "will das Publikum zuerst berühren", wie er sagt. Und nicht überrumpeln. Knauer ist ein Pianist fürs Wohltemperierte.

Bach & Söhnen hat er seine aktuelle CD gewidmet. Den alten Bach hält Knauer "für den Ausgangspunkt der Musik", die ihm nahe ist. "Jeder Ton hat eine hundertprozentige Bedeutung", sagt der Interpret. Das d-Moll-Klavierkonzert Nr. 1 habe er bereits als Neun- oder Zehnjähriger gespielt. Auf dem Album kommen Konzerte von den Söhnen Carl Philipp Emanuel und Johann Christian Bach hinzu. "Beide sind wichtig für die Weiterentwicklung der Musik", glaubt Knauer. Und natürlich ist es eine Marktnische, denn ein 1000mal eingespielter Beethoven bleibt den besessenen Großpianisten vorbehalten. Und eine weitere Nische hat Knauer entdeckt: die musikalisch-literarischen Programme. So hat er bei der Schauspielerin Hannelore Elsner, die er sehr bewundert, angefragt. "Irgendwann stand ich vor ihr", sagt er. Beide stellen jetzt beim "All' Ongarese"-Festival im Konzerthaus ihr Programm vor, in dem Schubert auf das Sommerschloss des Grafen Esterhazy reist. Mit Schubert kennt sich Knauer bestens aus - und mit dem Reisen auch.

Konzerthaus Schubert-Programm mit Hannelore Elsner Tel. 203 092 101. Termin: 25.2., 16 Uhr

Philharmonie (Kammermusiksaal) Daniel Hope, Sebastian Knauer. Tel. 479 974 66 Konzert: 14.3., 20 Uhr