Philharmonie

Jewgenij Kissin umspielt Grieg mit virtuosem Geglitzer

Donnerwetter! Gleich mit dem ersten Orchesterschlag des Slawischen Tanzes in C-Dur von Dvorak schien das Dach der Philharmonie (und mit ihr Sir Simon Rattle) davonfliegen zu wollen, was glücklicherweise beides unterblieb.

Wozu also der akustisch überdimensionale Aufwand des bis über die Zähne gewappneten Orchesters, das sonst für seine musikalische Feinsinnigkeit berühmt ist? Wollte es in seinen drei Sonderkonzerten zum Jahreswechsel - das letzte wird heute live im Ersten übertragen - einzig Eindruck schinden?

Dabei spielte sich das Orchester im Verlauf des Abends durchaus an die Finessen heran, für die es berühmt ist. Stefan Schweigert blies sein Fagott-Solo in Ravels "Alborada del gracioso" mit äußerster Delikatesse und sah (und hörte) sich dafür vom Publikum (und Sir Simon) nachdrücklich ausgezeichnet. Und Albrecht Mayer gab auf seiner Oboe dem (vergeblichen) Liebeswerben der Prinzessin Salome um den Propheten Jochanaan, wie es Richard Strauss auskomponiert hat, den verlockendsten Ausdruck.

"Salomes Tanz" wurde zum Höhepunkt des Abends, was vielleicht auch daran lag, dass Sir Simon die komplette "Salome" schon wiederholt mit den Philharmonikern aufgeführt hat. Sie fühlten sich allen Herausforderungen des anspruchsvollen Stückes mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit gewachsen. Sie blieben Takt für Takt exquisit bei der Sache: verlockend, verführerisch, doch immerzu delikat.

Im Grunde hatte man sich ausrechnen können, dass Griegs einst vielgeliebtes Klavierkonzert den Grand Prix des Abends einheimsen würde. Doch das Stück scheint in die Jahre gekommen und nur noch aus köstlicher Oberflächlichkeit zu bestehen. Was Debussy, der ewige Meckerfritze, von Griegs Konzert behauptet hatte, "es umspiele mit unglaublichem Geschick die faulen und hohlen Stellen", erwies sich als gar nicht so grundlegend und bösartig falsch, obwohl sich Jewgenij Kissin offenbar mit mehr als zehn Fingern auf dem Steinway ins Zeug warf, um vorzuführen, welches virtuose Geglitzer, dem Stil der Zeit abgelauscht, Grieg in sein Werk eingebettet hat. Vielleicht wäre es ja selbst für die Philharmoniker an der Zeit, sich einzugestehen, dass man inzwischen im 21. Jahrhundert lebt und es kein Verbrechen ist, selbst in Neujahrskonzerten daran zu erinnern.