Berliner Museen

Von der Magie der Museen

Städte wie Hamburg oder München hören es zwar nicht gern, aber Berlin ist Nummer eins, wenn es um den touristischen Mehrwert einer Stadt geht. Kurz: bei Stadtereisen in Europa steht die Hauptstadt ganz vorne. Und genau dieses Faktum hängt ganz unmittelbar mit dem Rekordniveau der Museumsbesuche in Berlin zusammen.

"Wer als Gast an die Spree reist, geht auch in ein Museum", so Monika Hagedorn-Saupe vom Berliner Institut für Museumsforschung. Für das Jahr 2010 verzeichnet ihr Institut ein flottes Plus von 12,3 Prozent. Will heißen: knapp 15 Millionen Besucher strömten in die Museen der Stadt - die bislang höchste registrierte Publikumszahl! Rechnet man die Ausstellungshäusern (ohne die rund 400 Galerien) hinzu, waren es sogar weit über 16 500 (2009: 14 570 501) Besuche.

Deutschlandweit höchster Zuwachs

Bundesweit lag der Trend da anders - bei einem durchschnittlichen Zuwachs von nur 2,2 Prozent, während Stadtstaaten wie Bremen und Hamburg sogar einen leichten Rückgang verzeichnen mussten. Bewertet wurden insgesamt 158 Berliner Museen, diese Zahl sagt schon alles über das breitgefächerte Angebot aus. Im Vergleich: in Hamburg wurden 55, in Bremen 34 Häuser für diese Statistik registriert. Und nun darf man ein Lob aussprechen, Touristen hin oder her, es geht schließlich auch um Qualität: Berlins Museen sind mittlerweile gut aufgestellt mit ihren internationalen Ausstellungskonzepten - und -kooperationen wie "Gesichter der Renaissance". Mal abgesehen von den bekannten "Baustellen" wie die Museen in Dahlem oder das Kulturforum.

Schaut man sich die vom Kultursenat herausgegebene Tabelle genau an, wird schnell deutlich: Archäologie und Zeitgeschichte, inklusive der Gedenkstätten, haben Konjunktur. Renner im Ranking sind nach wie vor das 2009 eröffnete Neue Museum mit den archäologischen Sammlungen samt Nofretete und das Pergamonmuseum. Beide Häuser, auf der Insel gelegen, verzeichnen je über eine Millionen Besucher in 2010, gefolgt vom Deutschen Historischen Museum mit 908 000 Besuchern. Bei den zeitgeschichtlichen Häusern und Gedenkstätten liegen vorne: das Haus am Checkpoint Charlie (Platz 4 mit 870 000 Besucher), die Topographie des Terrors (über 503 564), das Denkmal für die ermordeten Juden Europas (461 000) und die Gedenkstätte Berliner Mauer (358 729) gehören definitiv zu den 20 meistbesuchten Museen der Stadt.

Wesentlich in diesem Zusammenhang ist es, dass über zwanzig Jahre nach der deutschen Einheit eine neue Generation herangewachsen ist, für die das 20. Jahrhundert Vergangenheit ist - und nicht gelebte Geschichte. Diese kann in Berlin auf unmittelbare Weise "besichtigt" werden.

"Berlin gilt heute als ,Rom der Zeitgeschichte' und diesen Ruf kann man auch erklären. Zum einen gibt es keine andere europäische Stadt, die so für das vergangene ,Jahrhundert der Extreme' steht wie Berlin", so erklärt Kulturstaatssekretär André Schmitz den Trend. Von Berlin gingen zwei Weltkriege aus, hier wurde die Shoah geplant und mit dem Mauerbau wurde Berlin zu dem Symbol für die Blockkonfrontation des Kalten Krieges, für die Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Diktatur. Schmitz: "Die Orte des Schreckens, der Täter und des Gedenkens an die Opfer sind in Berlin überaus präsent - auch dank einer sehr aktiven Gedenk- und Erinnerungspolitik der vergangenen Jahre". Hinzu komme ein demographischer Faktor. Der historische Abstand zu den Ereignissen sei inzwischen groß genug, um sich der Geschichte durch aktive Gedenk- und Erinnerungsarbeit vergewissern zu können. Die Vermittlung durch Zeitzeugen besitze eine hohe Anziehungskraft.

Eine nicht unwichtige Rolle im Besucherverhalten spielt zudem die Authentizität, obgleich sich heute jeder im Internet, an allen Enden der Welt, Sammlungen und Bilder der Museen anschauen kann. "Das Erlebnis des Originals, der auratische Charakter des Kunstwerkes hat nach wie vor eine starke Sogwirkung", weiß Gereon Sievernich, Chef des Gropius-Baus. Psychologisch sei das damit zu erklären, dass sich der Besucher "beteiligt" fühlt. Der Gropius-Bau gehörte 2010 mit 640 000 Besuchern zu den vier bestbesuchten Ausstellungshäusern. Allerdings war der Ausstellungsreigen im vergangenen Jahr wirklich kaum zu toppen. Der Mix macht es. Parallel gezeigt wurden zwei Ausstellungen: die teilweise geradezu mythisch verehrte Ikone Frida Kahlo zusammen mit Olafur Eliasson, einer der angesagten Gegenwartskünstler. Das brachte Sievernich "ein total gemischtes Publikum, jung und alt und ganze Familienverbände".

Vergangenheit wird zur Gegenwelt

Für die ungebrochene Besucherlust spricht auch der Umstand, dass sich die Präsentationsformen in Berlins Museen deutlich verändert haben. Nicht mehr viel erinnert an die staubige Pädagogik von einst oder den akademischen Vitrinenkult, der eine gehörige Distanz zwischen Besucher und Artefakt schob. Multimediale Performances wie beispielsweise das begehbare Pergamon-Panorama machen aus einem Museumsbesuch eine Art Erlebnisparcours. "Die Vergangenheit wird zur attraktiven Gegenwelt unserer Gegenwart, weil sie in Gänze exotisch ist. Dazu passt das archäologische Personal. Wettergebräunte Ausgräber im Outdoorlook wirken allemal attraktiver und der Globalisierung angemessener als Stubenhocker in grauen Anzügen", befand kürzlich ein Archäologe auf einer Tagung des Archäologischen Instituts.

Berlin und seine Rekordzahlen: die Stadt soll noch ein neues Haus bekommen - ein Museum des Kalten Krieges, in unmittelbarer Nähe zum Checkpoint Charlie gelegen. 3000 Quadratmeter soll es umfassen, sechs Millionen Euro muss das Land investieren. Vorerst hängt alles noch am Investor, der das Gebäude an der Friedrichstraße finanzieren will. Die Location ist ideal, einst Übergangsstelle für Alliierte und Ausländer, steht dieser Ort symbolisch für den Ost-West-Konflikt. Eins aber ist jetzt schon klar: auch einem neuen Mauermuseum wird es nicht an Besuchern fehlen.