Interview: The Bosshoss

"Kein Outfit für den Supermarkt"

Alec "Boss" Völkel und Sascha "Hoss" Vollmer, beide 39, leben in Berlin und sind seit sieben Jahren Deutschlands erfolgreichste Countryrocker. 1,5 Millionen Tonträger haben sie bereits verkauft, jetzt liegt ihr neues Album "Liberty of Action" vor.

Steffen Rüth sprach mit den beiden Männern, die am Silvesterabend vorm Brandenburger Tor auftreten, und die auch in der TV-Castingshow "The Voice of Germany" zu sehen sind.

Berliner Morgenpost: Nach den Studioaufnahmen in Berlin sind Sie sofort nach Texas gereist, um eine Dokumentation zu drehen und ein paar Konzerte zu spielen. Was sagen eigentlich die Texaner, wenn da zwei Cowboys aus Berlin ankommen?

Hoss: Die sagen erstmal "Howdy How". Wir hatten lange schon den Wunsch, mal in den Staaten reinzuschnuppern, vielleicht einen kleinen Zehnagel auf den Boden zu bekommen.

Berliner Morgenpost: Aber für voll wird man nicht genommen?

Boss: Gut, wir waren in Houston, Austin und San Antonio, das sind recht weltoffene Großstädte, und speziell in Houston waren auch viele der dort lebenden Deutschen im Konzert. Aber ich muss sagen, wir kamen super an. Verglichen mit dem, was dort so unter dem Begriff "Country" läuft, klingen wir wesentlich frischer und rockiger. Wir hatten das Gefühl, die Texaner freuen sich, wenn da so ein paar Jungs aufschlagen und ihr Feuer abfackeln.

Berliner Morgenpost: Jetzt müssen deutsche Musiker also schon den Texanern zeigen, wie Countrymusik heutzutage geht?

Hoss: Ja, das ist in der Tat krass (lacht). Das, was wir machen, geht ja mittlerweile auch weit über den Begriff "Country" hinaus. Wir haben ein wirklich breites Fundament, in der deutschen Musiklandschaft haben wir damit etwas, das man in der Werbesprache als "Alleinstellungsmerkmal" bezeichnet. Wir bedienen uns in allen möglichen Genres, sind keine typische Rockband, keine typische Countryband, keine typische Popband. Sondern es ist von allem etwas dabei.

Berliner Morgenpost: Wollen wir es selbstbewusst das BossHoss-Genre nennen?

Boss: Naja, wenn Sie es so ausdrücken möchten. Angefangen hat alles aus einer Bierlaune heraus. Sascha und ich haben beide als Grafiker in einer Werbeagentur gearbeitet, wir lernten uns also ganz klassisch bei der Arbeit kennen. Beide waren wir hobbymäßig bis semiprofessionell als Rockmusiker unterwegs, irgendwann nach zwei Jahren hatten wir dann unsere Idee: Die Verbindung aus Country und Popmusik.

Berliner Morgenpost: Als Werbefachleute haben Sie sich auch selbst den typischen BossHoss-Look entworfen?

Hoss: Der Beruf ist von Vorteil. Uns war immer wichtig, dass die äußere Erscheinung stimmig und wieder erkennbar ist. Und auf der Bühne gucken wir schon, dass wir Style haben. Jeans, Unterhemd, Jeansjacke und Hut müssen sein. Du kannst als The BossHoss nicht so rumlaufen, als kämest du gerade aus dem nächsten Supermarkt.

Berliner Morgenpost: Anfangs haben Sie ausschließlich bekannte Songs neu interpretiert, der Durchbruch kam mit Ihrer Version von "Like Ice in the Sunshine", die in einem Werbeclip lief.

Hoss: Als wir anfingen als The BossHoss hat uns der Freundeskreis eher belächelt. Unsere Idee war ja auch ein bisschen verrückt und irgendwie exotisch. Plötzlich lief es: Langnese, Charts, Plattenvertrag.

Boss: Wir waren ohne Plan und ohne kommerzielle Absichten gestartet, und auf einmal bist du in den Top Five und bekommst Goldene Schallplatten. Es hat einfach gepasst mit uns. Wir, also auch unsere fünf Bandmitglieder, gaben unsere Jobs auf und haben es einfach gewagt.

Berliner Morgenpost: Auf "Liberty of Action" gibt es kaum noch Coverversionen, es dominiert Selbstgeschriebenes. Keine Lust mehr auf fremde Songs?

Boss: Wir haben unsere Nische erwischt. Aber wir machen uns dort nicht bequem, sondern bauen die Nische konsequent aus. Dazu gehört, dass wir uns nicht wiederholen wollen. Sondern weiter entwickeln. Wir haben auf jedem Album weniger gecovert, denn so eine Nische hat den Nachteil, dass sie beim ersten Album neu und auch beim zweiten Album vielleicht noch witzig ist. Doch danach wird es langweilig.

Berliner Morgenpost: "My Country" ist die BossHoss-Version von Rammsteins "Mein Land".

Hoss: Wir sind uns immer wieder über den Weg gelaufen und finden gegenseitig gut, was die anderen machen. Irgendwann reifte dann der Plan, das Rammstein-Stück durch unseren Fleischwolf zu drehen. Natürlich auf englisch, denn deutsche Texte finden wir für The BossHoss unpassend. Unsere Wurzeln sind natürlich Rockabilly und Countryrock. Ohne Elvis und Johnny Cash gäbe es The BossHoss nicht. Wir selbst finden den Crossover zur Moderne spannender. Unser Sound zum Beispiel, der soll möglichst fett und druckvoll sein.

Berliner Morgenpost: Crossover ist das Stichwort: Sind sind beim Metal-Festival in Wacken aufgetreten?

Hoss: Und das klappte jedes Mal wunderbar. Die Metalmusiker und -fans sind ganz ähnlich drauf wie wir. Die stehen auf handgemachte, gitarrenlastige Musik.

Berliner Morgenpost: Das andere Extrem ist Ihre Rolle in der Castingshow "The Voice of Germany".

Boss: Von Wacken bis The Voice, das ist eine große Spanne, aber das macht ja nichts. Wir kommen in allen unseren Spielfeldern wunderbar zurecht und ziehen unser Ding durch. Wir wollen uns nicht festlegen.

Berliner Morgenpost: Warum ist "The Voice of Germany" so erfolgreich?

Hoss: Weil es dort - fast - ausschließlich um die Musik geht. Je weiter jemand kommt, desto wichtiger wird auch das, sagen wir, Gesamtpaket. Aber es geht und ging nie darum, wie jemand herumhampelt oder so, es geht um die Stimme, um das Können. Es gibt in der Sendung auch keine Freaks, es wird niemand verarscht, niemand vorgeführt und niemand gefragt, was er da eigentlich will.

Berliner Morgenpost: Trotzdem bekommt man schnell ein Problem mit der Glaubwürdigkeit, wenn man so eine Sendung macht?

Boss: Wäre diese Castingshow nicht qualitativ besser und niveauvoller als die anderen, hätten wir nicht mitgemacht. Und von unseren Mitjuroren kann man ja halten, was man will, Qualität und Erfolg haben sie allesamt zu bieten. Hätte die Jury aus Tanzlehrern, Fußballerfrauen oder Dieter Bohlen bestanden, würden wir da jetzt nicht sitzen.

Silvester vorm Brandenburger Tor. Konzert am 24.3. in der Max-Schmeling-Halle.