Selbstjustiz

Ein Vagabund zieht durch die USA und eckt immer wieder an

Er hat seinen Gegnern die Knochen gebrochen. Sagt der Autor Lee Child über sich selbst: "Ich war ein harter Kerl in einer harten Umgebung." Er sei für sein Alter sehr groß gewesen, andere Kinder hätten ihn mit ihrem Essensgeld bezahlt, damit er auf sie aufpasste.

Wenn diesen in der Folge einer zu nahe kam, "wartete ich auf dem Nachhauseweg". Child habe "Arme gebrochen und anderen Schaden angerichtet", gestand der heute 57-Jährige in einem Interview mit dem "January Magazine". "Aber ich war auf der Seite der Engel." Damit ähnelt er Jack Reacher, seinem alter Ego in sämtlichen Kriminalromanen, die Child verfasst hat. Mittlerweile sind es 18, von denen das jetzt auf Deutsch erschienene "Outlaw" der zwölfte ist. Reacher, ein ehemaliger Militärpolizist, streift auch hier wie ein Vagabund ohne Gepäck durch die USA.

Als er in "Outlaw" die Grenzen zweier Kleinstädte in Colorado überschreitet, bekommt er dort schon beim Kaffee im paranoiden Örtchen Despair Ärger. Fortan ist Reachers Interesse geweckt, warum man ihn, den Fremden, überhaupt aus der Stadt hinauswerfen will. Es ist der Mythos des mysteriösen Rächers, wie ihn jede Kultur kennt. Diese Form der Selbstjustiz mag manchem Leser heutzutage übel aufstoßen. Lee Child, in England aufgewachsen und in den USA lebend, ist sich dessen bewusst, entdeckt in diesem Unbehagen aber ein eher geografisches Phänomen. Darauf angesprochen sagt er: "Es gibt keinen Unterschied zwischen den USA und Großbritannien, was die Leserreaktionen angeht." Eine Differenz gebe es aber zwischen diesen beiden Ländern und Westeuropa. "Dort mögen sie zwar Reacher, aber seine Selbstjustiz bereitet ihnen Sorgen."

Lee Child: Outlaw . Aus dem Englischen von Wulf Bergner. Blanvalet, München. 448 Seiten, 19,99 Euro.