Neuer Dürrenmatt-Band

Knorrige Typen, bissige Hunde und schlechtes Wetter

Es geschah in der Twannbachschlucht. Ein Toter wird gefunden. Der geniale Kommissär Bärlach muss ermitteln, ein melancholischer Griesgram, der unter einem arroganten Vorgesetzten zu leiden hat und zu allem Überfluss todkrank ist. Doch Bärlach löst nicht nur den Fall - "wie Sie das wieder gemacht haben, Herr Kommissär!" - nein, mehr als das. Er findet den Täter, macht sich zum Richter und bestellt den Henker.

Den deutschsprachigen Regiokrimi mit Schwedenschwere hat nicht etwa Jacques Berndorf erfunden, sondern, weit vor ihm, der Schweizer Friedrich Dürrenmatt. Wer dessen ersten Krimi heute wiederliest - in einer schönen handlichen Neuausgabe aller, auch der Fragment gebliebenen Kriminalromane des Dramatikers - findet vieles versammelt, was mittlerweile fast genretypisch ist: knorrige Typen, bissige Hunde und schlechtes Wetter, den schon älteren, eigenbrötlerisch-melancholischen und dazu noch sterbenskranken Ermittler, den verständnislosen Vorgesetzten, der außer von seiner Karriere gar nichts versteht. Das Provinzvolk, stur, schweigsam und von dubioser Moral sowie, natürlich, die Reichen und die Korrupten. Friedrich Dürrenmatts "Der Richter und sein Henker" ist die Urgroßmutter jener Kriminalromane, die in der Provinz spielen und deren Hauptperson ein Ermittler ist, dessen Krankheit zum Tode ihn nicht mehr an Recht und Gesetz bindet, so dass als den Mühen der Ebene enthobene Moral erscheint, was man sonst persönliche Willkür nennen müsste.

Das verleiht dem Ermittler viel Freiheit, zuviel, wenn es im Krimi um die Wirklichkeit ginge, gerade genug, wenn man das Genre als Spiel nach Regeln empfindet. Insofern war der Darsteller eines Tatort-Kommissars gut beraten, als er diesem einen Gehirntumor ins Drehbuch schreiben ließ - nicht nur, weil man damit auch eine Serie vorzeitig verlassen kann.

Krimis waren finanziell lohnend

Friedrich Dürrenmatt begann Ende 1948, sich für das Genre zu interessieren: "Der Kriminalroman macht mir viel Spaß, besonderes Vergnügen finde ich darin, dass ich in ihm Gelegenheit habe, die ganze Bielerseegegend so en passant kriminalistisch auszuwerten", schrieb er. Dass der Krimi auch damals schon massentauglich und deshalb finanziell lohnend war, dürfte ihn nicht gestört haben. "Der Richter und sein Henker" erschien zuerst 1950/51 als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift und war so gut bezahlt, dass Dürrenmatt sich bereits ein Jahr später an einen weiteren Krimi machte.

Für heutige Maßstäbe ist Dürrenmatts Erstling nicht gerade rasend spannend, obwohl der Autor sein Geschäft versteht, na klar: die Dialoge sitzen, Personen und Setting haben etwas charmant Verspießertes und Verschmocktes. Doch es gibt im Grunde kein Rätsel, das gelöst werden muss, der Ermittler weiß alles im Vorhinein und es siegen nicht Recht und Gesetz, denn der Täter richtet sich selbst. Immerhin: Der literarische Mehrwert verbot, den Roman unter Schund abzulegen, zu dem Kriminalromane damals noch zählten. Überdies eignete sich "Der Richter und sein Henker" bestens als Schullektüre, denn hier wurde den Schülern Spannung und Unterhaltung geboten - und den Lehrern eine schöne, besinnungsaufsatzgeeignete Fragestellung: Darf ein Ermittler, wenn die Moral es ihm gebietet, die Gewaltenteilung außer Kraft setzen, indem er nicht nur den Täter dingfest macht, sondern sich zum Richter aufschwingt, der den Henker bestellt?

Richter aus eigenen Gesetzen

Die Antwort scheint "Ja" zu lauten, das legt "Der Verdacht" nahe, Krimi Nummer zwei. Hier jagt der kranke Bärlach eine Art Mengele, einen Arzt, der in Stutthof KZ-Insassen ohne Narkose operiert hat. Der Kommissär ist dabei der verlängerte Arm eines "ewigen Juden", des Wodka saufenden Gulliver im Kaftan, unermüdlicher Rächer der Nazi-Verbrechen, auch er ein "Richter aus eigenen Gesetzen". Mit Hilfe Gullivers und eines mörderischen Zwerges, fast um den Preis des eigenen Lebens, obsiegt Bärlach über den sadistischen Arzt.

Eine eher unwahrscheinliche Geschichte mit skurrilen Zügen, in der es indes nicht nur um den Widerstreit zwischen Recht und Moral geht, sondern auch um ein ästhetisches Programm. "Die Forderungen, welche die Ästhetik an den Künstler stellt, steigern sich von Tag zu Tag, alles ist nur noch auf das Vollkommene aus", schreibt er einmal in einem Plädoyer für den Kriminalroman, doch: "Die Literatur muss so leicht werden, dass sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nichts mehr wiegt."

Dürrenmatts moralisches Programm lautet, keines zu haben. Am deutlichsten zeigt sich das in dem vielleicht berühmtesten und erfolgreichsten seiner drei vollendeten Kriminalromane, über dessen Erfolg er womöglich am wenigsten glücklich war. "Das Versprechen" entstand als Erzählung und ist unter dem Titel "Es geschah am hellichten Tag" bekannt. Es wurde zuerst 1958 mit Heinz Rühmann verfilmt, es folgte weitere Fassungen, die vorerst letzte 2001. Es geht dabei um den Fall eines genialen Polizisten, der es zulässt, dass ein Unschuldiger für den Mord an kleinen Mädchen büßt, und der, als er sich seinen Fehler eingesteht, sein Leben daransetzt, den wahren Mörder zu finden, woran er allerdings grausam scheitert. Dürrenmatt gefiel an dem Rühmann-Film die moralische Deutung nicht, die "logische und berechenbare" Handlung, und er arbeitete die Erzählung zu einem "Requiem auf den Kriminalroman" um.

Im knappen und umso informativeren Anhang wird vermutet, dass erst "The Pledge", ein Film aus dem Jahr 2001 von Sean Penn mit Jack Nicholson in der Hauptrolle, Dürrenmatts Intentionen erfasste: Er wollte "eine grundsätzlich unberechenbare Welt" aufzeigen, "an der eine grundsätzlich richtige Überlegung scheitert". Und in der, nebenbei, auch kleine Mädchen nicht unbedingt unschuldig sind.

Dürrenmatt kritisierte bei aller Vorliebe fürs Genre scharf die Wirklichkeitssicht, die der herkömmliche Krimi transportiere. Es möge zwar statthaft sein, der Welt das moralisch notwendige schöne Märchen aufzutischen, dass Verbrecher ihre Strafe finden und dass Verbrechen sich nicht lohne. Doch der Wirklichkeit sei mit Logik nur zum Teil beizukommen, lässt er seinen Protagonisten sinnieren, weshalb alle kriminalistischen Mittel letztlich unzulänglich sein müssten.

Konsequenterweise lässt Dürrenmatt den Ermittler Matthäi, der der Mutter des ermordeten Mädchens das Versprechen gegeben hat, den Mörder zu überführen, entsetzlich scheitern. Ja, Matthäi hat die richtige Idee. Doch, er stellt es sogar richtig an. Dennoch: Er wartet vergeblich, als ein zur erbärmlichen Gestalt gewordener Tankwart, der noch die Freundlichkeit, die er einer Mutter und ihrem Kind angedeihen lässt, seinen Zielen unterordnet und damit zunichtemacht. "Nichts ist grausamer als ein Genie, das über etwas Idiotisches stolpert."

Seinen dritten Krimi, "Justiz", schrieb Dürrenmatt erst 1985 zu Ende, "Der Pensionierte", begonnen 1969, blieb Fragment, für das Urs Widmer einen ebenfalls abgedruckten Schluss versuchte. Hier zeigt sich Dürrenmatt als würdiger Vorfahre von Wolf Haas oder Heinrich Steinfest: Der edle Ermittler, siebenfach geschieden, mausert sich kurz vor der Pensionierung zum erfolgreichen Kriminellen, der mit einer ehemals Käuflichen zum wahren Eheglück findet. Sein Freund, der Kunstmaler Basil Feuz, der Witwen malt - "Witwen regieren die Welt. Reiche Witwen, fröhliche Witwen, gierige Witwen" - spricht aus, was der Leser denkt: "Du hättest nie Kriminalist werden sollen."

Friedrich Dürrenmatt: Die Kriminalromane. Diogenes, Zürich, 988 Seiten, 28,90 Euro

Darf ein Ermittler, wenn die Moral es ihm gebietet, die Gewaltenteilung außer Kraft setzen, indem er sich zum Richter aufschwingt?