Wiener Musikverein

Walzersegen zu Neujahr

Dies ist die bekannteste profane, gleichwohl "teure Halle" auf dem Erdkreis, Millionen Menschen vom Fernsehschirm vertraut: An jedem 1. Januar überträgt der ORF das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker in alle Welt.

2012 dirigiert, zum zweiten Mal, Mariss Jansons das musikalisch-mediale Ereignis. Das Neujahrskonzert gilt als eine Art Walzer-, Polka- und Galoppsegen der Musikmetropole Wien: Auch er wird "urbi et orbi" erteilt. Der Wiener Musikverein, die Institution und der Musenpalast mit dem Goldenen Saal, ist tatsächlich der Gralstempel österreichischer Kultur - mehr noch als Staatsoper oder Burgtheater. Keine staatliche Einrichtung, bis heute ein privates, bloß öffentlich subventioniertes Institut.

2012 feiert der Trägerverein, die "Gesellschaft der Musikfreunde in Wien", sein 200-jähriges Jubiläum. Fürwahr eine ehrwürdige Tradition, die sämtliche Umbrüche der Epochen unversehrt überstanden hat. Auch als alles rundum in Scherben ging, wurde da Musik gemacht. Am Ostersonntag 1945 - Wien ist zum Verteidigungsbereich erklärt worden, die Wiener Neustadt war bereits von der Roten Armee erobert - dirigierte Clemens Krauss sehr Symbolträchtiges: "Ein deutsches Requiem" von Johannes Brahms. Die himmlischen Mächte aber hielten ihre schützende Hand über den Prunksaal. Ein durch eins der Fenster eingedrungenes großkalibriges Artilleriegeschoß blieb - ohne zu explodieren - auf der Pedalklaviatur der Orgel liegen. Trotz schwer beschädigtem Dach konnte der Konzertbetrieb Mitte September 1945 wieder aufgenommen werden. Josef Krips, der in der Nazizeit Dirigierverbot hatte, leitete die Wiener Philharmoniker bei Schuberts "Unvollendeter" und Bruckners Siebenter.

Mitten in den Napoleonischen Kriegen ergriff Joseph von Sonnleithner, des Dichters Franz Grillparzer Onkel und Librettist des "Fidelio", die Initiative zur Gründung eines so genannten "Dilettantenvereins", was damals keinerlei abschätzigen Beigeschmack hatte, im Gegenteil: Die Amateure waren die edleren Musikliebhaber, die Profis - bis weit ins 18. Jahrhundert bessere Lakaien - standen im Dienste von Hof und Kirche. Ausgangspunkt war ein Wohltätigkeitskonzert der "Gesellschaft adeliger Damen zur Beförderung des Guten und Nützlichen" in der Winterreitschule gewesen, bei dem Händels Oratorium "Timotheus oder Die Gewalt der Musik" aufgeführt wurde. 507 Mitglieder zählte der Verein, der sich so schlichte wie idealistische Statuten gab: "Die Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen ist Hauptzweck der Gesellschaft." Man verfolgte hehre Ziele: Ein Konservatorium zur Ausbildung der Jugend sollte entstehen, eine zugängliche Musikbibliothek, eine musikalische Zeitschrift, Komponisten waren zu unterstützen.

Im mittlerweile weltberühmten Archiv häuften sich alsbald Schätze an - handschriftliche Partituren von Beethoven, Schubert und Brahms. Das sichtbarste Zeichen für die Bedeutung der "Musikfreunde": Kaiser Franz Josef schenkte ihnen Baugrund an prominentem Platz - gegenüber der barocken Karlskirche. Nicht die steinerne Außenhaut des von Theophil Hansen in hellenistischem Stil errichteten, 1870 eröffneten Musikvereinsgebäudes, er sprach von "griechischer Renaissance, geriet zur Ikone der Musikarchitektur. Es war die goldene Pracht des Großen Saals mit seiner phänomenalen Akustik. Bis heute wird sie von Dirigenten, Solisten und Ensembles in Superlativen gepriesen. "Es ist für einen Künstler fast unmöglich", behauptete André Previn, "einen rauen Ton zu produzieren, alles, was von der Bühne kommt, ist in Samt gehüllt." Die betörenden Klangwirkung war kein Kalkül von Tontechnikern: Hansen hatte jahrelang in Athen gearbeitet und wusste um die Geheimnisse antiker Amphitheater. Der Saal selbst, mit der abgehängten Decke, den nachträglich an die Wände gerückten Karyatiden und dem hohlen Unterboden, wird zum Resonanzkörper, zum Instrument.

Kein bedeutender Interpret des späten 19. und des 20. Jahrhunderts, der darin nicht musiziert hätte. Längst haben sich zum kleinen Saal, der seit 1937 als Brahms-Saal bezeichnet wird und sich als idealer Ort für Kammermusik bewährt hat, weitere vier unterirdische Säle gesellt, vom Gläsernen bis zum - nicht für Konzertzwecke genutzten - Hölzernen. Die Bilanzen des Hauses sind in der Regel so vorzüglich, dass das Kontrollamt der Stadt Wien vor einigen Jahren die städtischen Gelder zu streichen empfahl. Selbstverständlich wurde der Vorschlag indigniert zurückgewiesen.