Dimitri Kitajenko

Dirigent zwischen Brutalität und Sentimentalität

Letzte Woche war er meistens mit Schneeschippen beschäftigt. Am Lac de la Gruyère, wo Dimitri Kitajenko wohnt, herrscht tiefster Winter. Es ging um die Verbindung mit der Außenwelt, nicht um russische Reminiszenzen; Erinnerungen an seine Heimat muss der Naturfreund nicht krampfhaft heraufbeschwören, er reist noch immer oft durch Russland und hält sich auch gern in Moskau auf.

Nur dirigieren mag er dort nicht mehr, weil die Bedingungen ihm nicht zusagen. Und er hat es auch nicht nötig. Vielmehr könnte Kitajenko, in Abwandlung eines berühmten Wortes Thomas Manns, ausrufen: wo ich bin, spielt die russische Musik. Was er aus Bescheidenheit aber nie tun würde.

Deswegen sagen wir es ja: Spätestens seit dem Tod von Rudolf Barschai vor einem Jahr darf Kitajenko als größter lebender russischer Dirigent gelten. Es gibt prominentere als ihn, wahre Superstars, aber keiner seiner heute knapp 60- oder 70jährigen Kollegen ließe sich getrost in eine Reihe mit den russischen Granden der Vergangenheit stellen, mit Golowanow, Mrawinsky, Kondraschin oder Swetlanow. Das geht nur im Falle Kitajenkos. Seine derzeit entstehende Gesamtaufnahme der Symphonien Tschaikowskys belegt dieses Urteil auf beeindruckende Weise. Sie werden, wie schon die Zyklen von Prokofjew und Schostakowitsch, mit dem Kölner Gürzenich-Orchester eingespielt.

Spezialist fürs russische Repertoire

Aber auch an Berlin wird sich der 1940 in Leningrad geborene Dirigent binden. Er fungiert am Gendarmenmarkt ab der kommenden Saison als Erster Gastdirigent des Konzerthausorchesters. Zeitgleich übernimmt Iván Fischer den Posten des Chefdirigenten. Dann könnten für das glanzlos in der zweiten Reihe versteckte ehemalige BSO (Berliner Sinfonie-Orchester) endlich wieder wunderbare Zeiten anbrechen. An die große Zeit der Truppe erinnern sich nämlich nur noch ältere Konzertgänger - sie endete 1977 mit dem Rückzug Kurt Sanderlings.

Kitajenko konzentriert sich derzeit aufs russische Repertoire. Das tun viele seiner Landsleute, nur sind die Resultate oft erschütternd schlicht. Russische Symphonik ist nicht ganz zu unrecht wegen ihrer klanglichen Härte und strukturellen Schwäche berüchtigt. Besonders bei Tschaikowsky dominieren gewöhnlich ein zu lautes Forte und ein zu leises Piano oder, wie Kitajenko sagt, "Brutalität und Sentimentalität".

Die Symphonie Pathétique, die Tschaikowsky selbst eine Woche vor seinem geheimnisumwitterten Tod uraufführte, findet in Kitajenko mittlerweile einen kongenialen Interpreten. Als junger Mann tat er sich schwer mit dem Abschiedswerk, nur der energische dritte Satz gefiel ihm. "Aber jetzt bin ich in einem Alter, wo die Eltern, wo viele Freunde und Kollegen nicht mehr auf der Erde sind. Jedes Mal, wenn ich diese Symphonie dirigiere, ist das für mich, als ob ich mit meinen Leuten spreche."

Kitajenkos Karriere begann 1969 mit dem Sieg im 1. Berliner Karajan-Dirigierwettbewerb, gleich danach wurde er ans Moskauer Stanislawski-Theater verpflichtet und 1976 von den Moskauer Philharmonikern. 1990 ging er in den Westen, übernahm Chefposten in Frankfurt, Bern, Bergen und Seoul. Auch Kopenhagen und Köln waren wichtige Stationen auf seinem Weg. Wo man ihm ausreichend Probenzeiten zubilligt, dahin kehrt er gern zurück. In die beiden russischen Hauptstädte also nicht. "Natürlich sind Moskau und Sankt Petersburg nach wie vor großartige Zentren für Musik, aber man will dort schnelle Ergebnisse sehen, die Proben sind sehr knapp bemessen, die Zeit diktiert alles." Ganz anders Jekaterinburg im südlichen Ural. Dort gastiert Kitajenko alljährlich zwei Mal. Man gewährt ihm so viele Proben, wie er will. Oper macht er nur noch konzertant, weil er klassische Bühnenwerke in moderner Verkleidung nicht erträgt.

Obwohl Kitajenko ein leidenschaftlicher und eleganter Dirigent ist, ein versierter Klangarchitekt, den sogar Karajan und Bernstein bewunderten, haben es die Zuhörer nicht immer leicht mit ihm. Er überfordert sie gern, wie vor eineinhalb Jahren bei den Berliner Philharmonikern zu erleben war; trotz großartiger Interpretation erschloss sich Skrjabins selten gespieltes Meisterwerk "Le Poème divin" nur wenigen. Kitajenko liebt auch Bruckners Nullte, Prokofjews Vierte und ähnlich unpopuläre Partituren. Auf Gegenliebe stoßen solche Programme selten. "Es gibt so viele unbekannte Werke", klagt der entdeckungsfreudige Dirigent, "aber leider sind die Konzerthäuser und Dramaturgen immer etwas passiv oder vorsichtig, sie wollen Erfolg und nichts riskieren. Deswegen ist es so schwer, Komponisten wie Tanejew, Kalinnikow oder den aus Aserbaidschan stammenden Kara Karajew aufzuführen, obwohl sie so tolle Musik geschrieben haben."

Im April 2012 jedoch wird er in Köln einen solchen Coup landen, und zwar mit der rekonstruierten 7. Symphonie von Tschaikowsky. Wie verrückt beschäftigte er sich in den letzten Wochen mit diesem sonderbaren Werk. "Ich spüre jetzt stärker als früher die Atmosphäre und die Seele von Tschaikowskys Musik, kann besser mit ihrer besonderen Klangfarbe umgehen." Und auch mit seinen Opern hat er nicht völlig abgeschlossen. Nach der Gesamtaufnahme aller Symphonien möchte sich Kitajenko einen Wunsch erfüllen: eine Produktion von Tschaikowskys letzter Oper "Jolanthe". Am renovierten Bolschoi wird es wohl kaum sein. Vielleicht in Berlin?

Konzerthaus Silvesterkonzert (ausverkauft) und am 1.1. um 16 Uhr Tel. 203 09 2101