Musik

Lolita wollte alles machen

Als die britische Schauspielerin Jane Birkin 1968 nach Paris kam, eilte ihr ein gewisser Ruf voraus. In Michelangelo Antonionis Film "Blow Up" war sie nackt und gickelnd durch das Fotostudio von David Hemmings gehüpft, dazu spielten die Yardbirds: Das war das Swinging London von 1966.

In Frankreich wurde die freizügige Kindfrau gleich für einige Filme gebucht: Um Übergriffe von Alain Delon zu verhindern, sollte sie noch jünger wirken, als sie ohnehin war - und am Daumen nuckeln.

Serge Gainsbourg, damals 40, erkannte in der freizügigen Ausländerin das Inbild der Lolita aus Vladimir Nabokovs Roman, der ihm zur Obsession geworden war, seit er 1960 die erste Übertragung ins Französische gelesen hatte. Der Bohemien und Erotomane hatte die Kokotte in vielen sehr jungen Frauen gesucht, darunter Brigitte Bardot - in der 22-jährigen Birkin fand er sein Ideal: "Sie war neugierig, sie wollte alles machen." Auf ihrer sexuellen Suche nahmen sie 1969 das legendäre Beischlaf-Duett "Je T'aime ... Moi Non plus" auf, ein Skandal, der sie berühmt machte. Weil er endlich Geld zur Verfügung hatte, wollte Gainsbourg ein Großprojekt angehen, von dem er bisher nur ein paar Grundzüge skizziert hatte: Aus Janes zweitem Vornamen Mallory machte er Melody, und weil ihr Großvater ein Bewunderer des britischen Admirals Lord Nelson war, borgte er dessen Namen für seine erotische Kunstfigur. Nabokovs perfides Früchtchen sollte Musik werden.

Mit dem jungen Komponisten Jean-Claude Vannier fand er einen Partner, der die Arrangements besorgen konnte. Im Frühjahr 1970 schrieb Gainsbourg seine Fantasie auf, und Vannier arbeitete mit dem Produzenten Jean-Claude Charvier an den oft nur angedeuteten Songs. Der hart angeschlagene Bass, das Schlagzeug und die elektrische Gitarre bildeten das rhythmisch verquere Gerüst, um das Vannier die Streicher drapierte, ein paar Bläser und salbungsvolle Chöre.

Gainsbourg hatte derweil die Geschichte erdacht: Ein reicher Mann fährt mit seinem Rolls-Royce die, ähem, 15-jährige Melody an, bringt sie ins Krankenhaus, verliebt sich in sie, verbringt wilde Tage mit ihr und verliert sie bei einem Flugzeugabsturz. Alle großen Geschichten lassen sich bekanntlich in einem Satz erzählen ("Mohr liebt weiße Frau und tötet sie aus Eifersucht"), aber Nabokov fand für seine einfache Mär die eleganteste Sprache - was Gainsbourg nicht davon abhielt, mit etwas schlichteren sprachlichen Mitteln die "Wonne meiner Lenden" zu besingen. In einer Fernsehsendung gerierte Gainsbourg sich damals als Kenner der lyrischen Form und erläuterte den Einfluss des Sonetts auf sein Werk, aber in der Übersetzung erkennt man wenig von Alexandrinern: "Melody Nelson hat rotes Haar / Und das ist ihre natürliche Farbe."

"Histoire De Melody Nelson" ist dennoch das Meisterwerk jener Zeit, und die zum 40. Jubiläum aufgelegte Deluxe-Edition (Mercury/Universal) lässt das nur 37 Minuten kurze Konzeptalbum heller strahlen denn je. In einem auf DVD beiliegenden Dokumentarfilm erinnern sich Produzent Charvier, Arrangeur Vannier, Jane Birkin und ihr Bruder, der Filmemacher Andrew, an die Tage der Libertinage und des wüsten Kunstschaffens.

Die zahnlückige Jane verströmt noch immer die Naivität der Muse, die jenes meckernde, ziegenartige Lachen hervorbrachte, das Gainsbourg in die Aufnahmen mischen ließ. Charvier sitzt an einem Mischpult und erinnert sich versonnen daran, wie er die Musiker und den Chor im Studio anordnete und alle disparaten Elemente verband: Selten traf modernistischer Minimalismus so glücklich auf Chanson, Hörspiel, Streicherschwulst und Chorgesang wie bei "Melody Nelson". Jane Birkin erzählt von dem Luxushotel, in das Serge und sie sich für ein Jahr eingemietet hatten und in dem sie jedes Zimmer einmal bewohnten: In "L'Hotel Particulier" ist es verewigt. Andrew Birkin berichtet von dem Kult der Ureinwohner von Neu Guinea, die in den Flugzeugen ihre Götter erblickten und auf deren Absturz warteten: Diese Ritus inspirierte das letzte und imposanteste Stück des Albums, "Cargo Culte". Am Ende des Films blickt Jean-Claude Charvier stumm und sehnsüchtig ins Nichts, als die Musik verklingt, und abrupt wird der Bildschirm schwarz.