Literatur

Wie das Exil die Künstler prägte

Der Exilant Alexander Archipenko kam gern. Ebenso Max Beckmann, Lyonel Feininger und Laszlo Moholy-Nagy. Sie alle unterrichteten neben vielen anderen für einen Sommer am Mills College in Oakland, Kalifornien.

Für Paul Klee war das Mills College dagegen keine Möglichkeit, das Exil in Bern gegen die Freiheit in Amerika einzutauschen. Klee konnte kein Englisch. "Ende der Dreißiger- und zu Beginn der Vierzigerjahre waren die Sommerkurse auf ihrem Höhepunkt; dies hing ganz wesentlich damit zusammen, dass die Amerikaner aufgrund des Kriegsausbruchs kaum nach Europa reisten, zur gleichen Zeit aber erstklassige Künstler und Lehrer in die Vereinigten Staaten flohen", schreibt Isabel Wünsche in ihrem Beitrag über das Mills College, der jetzt in dem Buch "Netzwerke des Exils. Künstlerische Verflechtungen, Austausch und Patronage nach 1933" erschienen ist.

Isabel Wünsches Text beschreibt aber nicht nur das College und seine Kurse, sondern er erinnert vor allem auch an den für diese Zeit entscheidenden Dozenten, Alfred Neumeyer, einen der zahlreichen weitgehend unbekannten Künstler- und Exilantenförderer. Alfred Neumeyer, jüdischer Kunsthistoriker, der bei Heinrich Wölfflin, Adolph Goldschmidt und Aby Warburg studiert hatte, war seit 1935 am Mills College tätig und lud gern deutsche Künstler als Kursleiter ein. Wer bei Neumeyer einen Sommerkurs betreute, bekam oft auch die Chance auszustellen. Außerdem lernte er neue Förderer, Finanziers, Sammler kennen. Denn wer niemanden kannte und über keine Protektion verfügte, der konnte im fremden Land nur schwer überleben - egal wohin er auch immer ging.

Max Ernst hatte Glück. Er war schon in Europa mit Peggy Guggenheim befreundet. Der Architekt Erich Mendelsohn ging nach Palästina, wo er seinen Auftraggeber, den jüdischen Kaufhauskonzerngründer und Kunstsammler Salman Schocken, wieder traf und für ihn Häuser entwarf und errichtete.

Schriftsteller haben die Geschichte ihres Exils zu ihren Geschichten gemacht, haben darüber in Romanen, Briefen, Tagebüchern geschrieben. Bildende Künstler dagegen eher selten. Deshalb ist Burcu Dogramacis und Karin Wimmers Buch mit seinen ersten Forschungen zu bekannten und weniger bekannten Künstlern, Architekten, Mäzenen und anderen Helfern ein guter, informativer Anfang für weitere Studien. Die Autoren haben Großes geleistet: Mit ihrem Buch bereiten sie die Bühne für eine umfassende Netzwerkforschung unter Künstlern, Galeristen, Sammlern jener Zeit. Wenn es auch noch gelänge - wie in einigen Texten illustrierend angedeutet - eine umfassende Grafik der Beziehungen, Bekanntschaften, Aufträge im Exil zu entwerfen, so würde das ganz neue Erkenntnisse über die Einflüsse, Wendungen und großen Neuerungen in vielen künstlerischen Werken ermöglichen.

Burcu Dogramaci und Karin Wimmer (Hg.): Netzwerke des Exils. Künstlerische Verflechtungen, Austausch und Patronage nach 1933. Gebr. Mann, Berlin. 472 S., 39 Euro.