Thriller

Wenn die Wende anders gelaufen wäre

Beginnen wir ausnahmsweise mal - an Weihnachten sei das erlaubt - mit den Worten einer Heiligen. Theresia von Avila hat einmal gesagt: "Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen, als über nicht erhörte."

Wie ich jetzt die Kurve in die scheinbaren Niederungen des Agentenromans, zu Simon Urbans Debüt "Plan D" kriege? Elegant. Und einfach. Denn von nichts anderem als dem routinierten Gute-Nacht-Gebet bundesrepublikanischer Wendeverweigerer geht Urbans Zerrspiegelthriller aus: Dass nämlich der liebe Gott doch bitte die Mauer wieder errichten möge. In Ordnung, dachte sich Gott Urban, wenn das schon so viele sich wünschen, dann lassen wir das doch spaßeshalber mal geschehen. Und sei es nur für die Länge eines Romans.

Alles auf Anfang

Wir gehen wendemäßig also noch einmal auf Anfang und davon aus, dass die Mauer tatsächlich nur mal kurz aufging anno '89. Die Folgen waren die bekannten, anderthalb Millionen Leute haben rüber gemacht. Das war's dann allerdings schon mit der Wiedervereinigung. Und Gott Urban lässt auf den Mauerfall die Wiederbelebung der DDR folgen. Die Westdeutschen sinds zufrieden, die Ostdeutschen werden nicht gefragt, und die Linke darf endlich den dritten Weg gehen in einen runderneuerten Sozialismus. Das meint sie zumindest. Er führt aber, darin ist Simon Urban ein grausamer, ein sehr wahrer Gott, dahin, wo Sozialismus hin führen muss, in die Unfreiheit, ins Grauen.

Wir schreiben Oktober 2011. Es ist grau, es ist Herbst. Und die Leiche eines alten Mannes hängt mitten in der Nacht malerisch im Wald von Köpenick. Direkt an der Nordmagistralen, einer Pipeline, die Gas aus der Sozialistischen Union (ja, auch Sowjetrussland hat sich von Glasnost und Perestroika gewissermaßen erholt) in die Bundesrepublik leiten soll. Über die Zukunft dieses Transitgeschäfts soll demnächst in Weimar verhandelt werden zwischen dem Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz und - das hat der bundesdeutsche Durchschnittswendewiderborst vom Beten - dem Bundeskanzler Oskar Lafontaine (SPD). Nichts weniger als die Zukunft des Spitzel- und Überwacherstaates hängt vom Gelingen dieser Verhandlungen ab.

Dumm nur, dass alles in Köpenick nach Stasi-Mord aussieht, der Tote war einmal ein enger Vertrauter von Egon Krenz, und der "Spiegel" (Chefredakteur: Claus Kleber) hat eine Titelgeschichte ankündigt, die alle deutsch-deutschen Pläne ruinieren könnte. "Die Stasi mordet wieder" soll da auf dem Cover stehen. Und deutlich machen, wie unmöglich es ist, mit so einem ewiggestrigen Staat Geschäfte zu machen.

Die Zeit eilt also. Der Druck ist groß. Und Martin Wegener, Vopo-Hauptmann von Köpenick, wird in die Spur geschickt. Ein einsamer Wolf, ein Unabhängiger, Unbequemer, eigentlich ein unsicherer Kantonist. Ihm zur Seite gestellt wird, damit auch der Westen nicht hinterher sagen kann, der Osten hätte wieder gemauschelt, Richard Brendel, eine bundesrepublikanische Ermittlerlegende. Der ist schick, fährt einen schicken, frittierfettfreien Mercedes und soll Wegener, vor allem aber der Stasi auf die Finger gucken.

Und so rasen die beiden Seit an Seit durch Plot und Stadt und raus ins Brandenburgische, wo es in Wandlitz Anzeichen für merkwürdig Mauscheleien gibt. Sie taumeln, tasten durch eine marode, verfallende, scheinmoderne Republik. Urban operiert perfekt die Genreregeln. Trotzdem ist, was er - 1975 in Hagen geboren, am Leipziger Literaturinstitut ausgebildet, lange Werbetexter -fabuliert, viel zu lang, viel zu unterleibsorientiert. Spannend aber ist es auch und windungsreich, sehr lustig und sehr, sehr böse.

Schily übernimmt die Stasi

Aus der erneut, aber immerhin auf höherem technischem Niveau erstarrten ostdeutschen Nachfolgerepublik, die er in allen Nuancen des Steingrau ausmalt, schlägt er Funken über Funken. Und immer, wenn einem wieder ermattet von zuviel Wegenerscher Innenbeschau, von zuviel Wegenerscher Beziehungsanalyse der Kopf Richtung Knie sinken will, fällt ihm wieder was ein, das einen schlagartig hellwach und lachen macht.

Urban bugsiert zum Beispiel etliche bundesdeutsche Linkspeinsäcke kurzerhand über die Mauer. Otto Schily ist in der Wiederbelebten Mielkes Nachfolger als oberster Stasiboss. Dietmar Dath, einer eifrigsten bundesdeutschen Salonmarxisten, bereist während der Spieldauer von "Plan D" als ostdeutscher Kulturminister gerade Bulgarien. Luc Jochimsen fristet ihren Lebensabend im Feierabendheim Alpha. Tür an Tür mit Christa Wolf und einer grenzdementen Margot Honecker, die allen Alten auf die Nerven geht, weil sie gerne lauthals Biermanns "Ermutigung" kräht in ihrer Ulbrichtsuite.

Einen Heidenspaß hatte Urban besonders an der technischen Ausstattung seiner Parallelrepublik. Den Trabant hat man verschrottet, in gigantischen Abraumhalden vor der Stadt sind die Plastemobile gestapelt. Alle DDR-Welt fährt jetzt Phobos (nach einem Mars-Trabanten benannt) oder träumt wenigstens von ihm. Weil der Rapsöl verbrennt, riechts republikweit nach Frittierfett. Verkaufsschlager des Ostens ist das Smartphone der Marke Minsk, dank Stasitechnik allen Konkurrenzprodukten im Westen weit voraus (Werbespot: "Jetzt haben Sie Redefreiheit"). Während Wegener und Brendel sich durch ein Dickicht aus Politverschwörung, Putschplänen und Terroraktionen schlagen, wird eifrig ein neuer Babelsberger Blockbuster beworben, in dem Sahra Wagenknecht als tiefrote, tiefausgeschnittene Rächerin den Weihnachtsmann verfolgt. "Red Revenge" heißt das Ding. Und als Premiere gefeiert wird im International, schlägt der Widerstand zu. Das Kino fliegt in die Luft und Sahra wird verletzt. Sie wird humpeln wie weiland Rosa Luxemburg.

Das ist fies. Das ist lustig. Und auch wieder nicht. Simon Urbans steingraubunte sozialistische Republik ist natürlich eine Scheinblüte. Sie wächst auf dem runderneuerten alten Sumpf des sozialistischen Terrorregimes. Über jeden ist alles bekannt. Die Spitzel sind buchstäblich überall. Und wer einmal in die Fänge der Stasi gerät, wird noch perfider gefoltert, in Gefängnisse gesteckt, gegen die Bautzen geradezu ein Erholungsheim war.

Wird fortgesetzt. Hoffentlich wenigstens. Die Linken sollten das lesen. Dann werden sie das Beten lassen. Sie waren ja sowieso noch nie gut drin.

Simon Urban Plan D. Schöffling & Co., Frankfurt/M. 2011, 550 S., 24,95 Euro.