Kulturgeschichte

Wie der Tannenbaum zum Fest kam

Als ein Elektronikdiscounter im Spätherbst seinen neuen Slogan "Weihnachten wird unterm Baum entschieden" hinausposaunte, waren dessen PR-Leute anscheinend völlig überrascht von dem "Shitstorm" (so nennt man eine Massenempörung im Internet), der losbrach.

Viele Christen empfanden den Spruch als herausragend dummdreist, weil er die religiösen Wurzeln des Festes ignorierte und in prolligster Weise behauptete, Weihnachten komme es ja wohl vor allem auf die dicksten Geschenke an. Gekontert wurde er von den Empörten mit dem Slogan "Weihnachten wird in der Krippe entschieden" - was daran erinnern soll, dass wir am Heiligen Abend ja nicht die neuesten Sonderangebote feiern, sondern die Geburt Jesu Christi.

Die neutrale Bezeichnung "Tannenbaum" ist schon seit Jahrhunderten verbreitet. Gerade dieser Begriff hat wohl dazu beigetragen, dass der Brauch, sich zur Wintersonnenwende einen mit Süßigkeiten geschmückten Baum in die Stube zu stellen, auch in katholischen Gegenden Deutschlands akzeptiert wurde. Darauf weist der Berliner Autor Bernd Brunner in seiner kleinen, feinen Kulturgeschichte des Weihnachtsbaums hin. Unter dem neutralen Namen wurde der evangelische Eindringling nicht mehr als bedrohliche Konkurrenz zu originär katholischen Bräuchen wie dem Krippenspiel angesehen. Denn der Weihnachtsbaum hat sich zuerst in reformierten Gegenden ausgebreitet, so dass der Protestantismus noch am Ende des 19. Jahrhundert von katholischen Polemikern als "Tannenbaumreligion" verspottet wurde. Das grüne Teufelsding galt den Papisten als "Lutherbaum".

Ursprünglich hatten auch protestantische Geistliche den sich im 16. Jahrhundert ausbreitenden Weihnachtsbaum-Brauch bekämpft. Der Baumkult und das Getue um die Wintersonnenwende kamen ihnen heidnisch vor - bekanntlich verkörperte ein Baum namens Yggdrasil für die Germanen das Universum. Dass es sich dabei um eine Esche handelte, machte den Weihnachtsbaum nicht weniger verdächtig. Es dauerte ohnehin lange, bis sich Nadelhölzer als winterliche Gäste in der guten Stube etablierten - früher verwendete man auch Buchsbäume, Stechpalmen und das, was gerade zur Hand war. Ein weiterer Grund für den klerikalen Furor gegen den neuen Brauch war übrigens ganz profan: Die Kirchen besaßen große Ländereien und fürchteten finanzielle Verluste durch die winterliche Holzwilderei.

Wann genau zum ersten Male Menschen auf die Idee kamen, einen Baum zu schmücken, um damit Weihnachten zu feiern, kann auch Brunner nicht klären. Sicher ist, dass es im deutschsprachigen Raum geschah. Mit dem Aufkommen der guten Stuben breitete sich die Sitte im 18. Jahrhundert in Deutschland aus - unter wesentlicher Mitwirkung von Goethe und Schiller. Der eine führt den Weihnachtsbaum in Weimar ein, der andere wurde dabei ertappt, wie er Süßigkeiten vom Tannenbaum naschte.

Bernd Brunner: Die Erfindung des Weihnachtsbaums. Insel, Berlin. 92 S., 12,90 Euro.