Wandertheater

Mozart in der Castingshow

Irgendwann ist Schauspieler Wallerschenk total genervt. Von der Bühne wendet er sich an sein Publikum. "Könnten Sie bitte nur einmal still sein, während ich spiele und nicht ständig schnäuzen oder furzen." Das Dorfpublikum im Sommer 1780 weiß nicht so recht, was der Gaukler da oben von ihnen will. Ein Erziehungsprozess beginnt, der - wie wir wissen - bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Immer noch gehen viele in die Theater, um dort möglichst ausdauernd zu husten.

Wenigstens einer hat bei der missglückten Aufführung des Trauerspiels "Agnes Bernauerin" seinen Spaß: Wolfgang Amadeus Mozart. Der gefeierte Starmusiker sitzt mit Begleiterinnen unter den ausflippenden Dörflern. Die Aufführung kann man als eine Art Castingshow bezeichnen, Mozart hockt gewissermaßen in der Jury. Möglicherweise hätte Regisseur Marcus H. Rosenmüller den Mozart gleich mit Dieter Bohlen besetzen sollen. Mozart hat wenig zu tun und noch weniger sagen, aber frech zu grinsen. Genau genommen ist er nur eine künstlerische Fama.

"Sommer der Gaukler" will eine Komödie mit historischem Hintergrund sein. Alles dreht sich um den ehrgeizigen Schauspieler, Dichter und Impresario Emanuel Schikaneder, der mit seiner reisenden, schäbigen Theatergruppe nach Salzburg will. Dort, so steht es in der heiligen Musikgeschichte geschrieben, wird er sich 1780 mit Leopold Mozart anfreunden und seinem Sohn Wolfgang näher kommen. Eine folgenschwere Begegnung. Später wird Schikaneder Theatergründer und -chef in Wien, 1791 führt er im Freihaustheater sein Singspiel-Spektakel "Die Zauberflöte" auf. Schikaneder selbst spielt in der Uraufführung den Vogelfänger Papageno, eine Figur des Alt-Wiener Volkstheaters. Die Musik dazu schreibt bekanntlich Mozart, es wird ein Welthit.

Aber im Sommer 1780, so weiß uns die Komödie zu berichten, hat Schikaneder weder Geld, noch zündende Ideen und schon gar keine Spielerlaubnis für Salzburg. Er und seine Leute hängen in einem armseligen, zurückgebliebenen Bergdorf nahe der österreichischen Grenze fest. "Emanuel, wir sind bankrott", wird ihm dort seine Ehefrau Eleonore (Lisa Maria Potthoff) ins Gewissen reden. "Das mag ja sein, finanziell", entgegnet ihr Schikaneder (Max von Thun), aber "künstlerisch ist es doch ein Höhenflug, das spür ich."

Ganze Künstlergenerationen werden sich in dieser Komödie wieder entdecken können. Aber ob sie wirklich darüber lachen können? Rosenmüllers deutsche Komödie wird dann am besten, wenn sie mit dem Augenzwinkern eines Heimatfilms den damaligen Zeitgeist einzufangen sucht und uns eigentlich die Augen über das heutige Theater öffnet, über manch intellektuelles Schnäuzen und Furzen. In dem Dorf trifft der uninspirierte, schreibgehemmte Schikaneder auf die Geschichte, den Dramenstoff seines Lebens. Was ist passiert? Die Bergleute murren über den geizigen Bergwerksdirektor. Der Allgäuer Georg Vester, ein überaus schlichtes Gemüt, schlägt bei seinem Bittgang aus Versehen den Vorarbeiter zu Boden. Mit einer spontanen Arbeitsniederlegung beginnt quasi die frühdeutsche Revolution in den Bergen, Vester wird zum Held wider Willen. Und Schikaneder glaubt wieder an sein "Weltentheater".

Und was soll Mozart in dieser Komödie? Von ihm wissen wir viel, unter anderem, dass er ein Drittel seines kurzen Lebens in der Kutsche verbracht hat. Mozart kommt also mit der Karosse durchs Dorfkulisse gesaust, der von Gläubigern verfolgte halbnackte Schikaneder rennt der Kutsche hinterher. Ein schönes Bild. Mozart ist der neue Prototyp des reisenden Starkünstlers, und irgendwie auch immer auf der Flucht. Aber das ist eine andere Geschichte.