Bröhan-Museum

Baluscheks Berliner Bilderbuch

Einerseits möchte man den Blick lieber abwenden: Auf krass giftgrasgrünen Ausstellungswänden präsentiert das Bröhan-Museum die frühen Malereien von Hans Baluschek. Das Auge zuckt: Es ist zu grell, es will nicht passen, dieses Grün! Schon gar nicht zu jenen schweren, in dunkles Holz gerahmten Ölbildern.

Andererseits: Der Reiz des Grellen zieht den Blick auf die zumeist in warmen Farben gehaltenen Malereien des in Breslau geborenen Berliner Künstlers. Am bekanntesten mögen Baluscheks Illustrationen des Kindermärchens "Peterchens Mondfahrt" sein. Doch sein Werk umfasst mehr: Ein "Bilderbuch des Berliner Lebens" öffnet sich vor den Augen des Betrachters. Als Künstler des sozialen Realismus bildet Baluschek das Alltagsleben des Berliner Kleinbürgertums zwischen dem Ende des 19. und dem Ausgang des 20. Jahrhunderts ungeschönt ab: Eine Kokette hebt ihren roten Rock etwas zu hoch zum Tanz. Zwei verwahrloste Vagabunden lungern am Wegesrand nahe einer Eisenbahnstation. Industriearbeiter bedienen eine Eisenwalze, in der die Glut brennt. Baluscheks Blick: sozialkritisch; sein Hauptmotiv: das Proletariat; sein malerischer Stil: realistisch, zuweilen impressionistisch.

Besonders die Auswirkungen der Industrialisierung haben Baluscheks künstlerisches Interesse gefesselt. Das Ölgemälde "Zukunft" kann als exemplarisches Zeugnis gelten: Zu den nackten Füßen einer in Lumpen gekleidete Kleinfamilie liegt eine Arbeitersiedlung - kaum erkennbar durch den Industriesmog, der sich durch die Straßen schiebt. Qualmende Fabrikschornsteine verdunkeln den Himmel. Das einzige Licht, das auf die Familie fällt, spendet ein hinter der Siedlung liegendes, übergroßes Fabrikgebäude. Industrialisierung: in den Augen Baluscheks ein heiliges Verderben.

Obwohl Baluschek Menschen am Rande der Gesellschaft zeigt - Proletarierfrauen, Arbeitslose, Industriearbeiter - er möchte sie nicht bloßstellen in ihrem Millieu. Unter seinem Kunstwerken finden sich auch sozialromantische Szenen. "Berliner Rummelplatz" und "Hier können Familien Kaffee kochen" dokumentieren eine Volks- und Festkultur, die durchaus gesellschaftsidyllische Züge trägt.

Licht setzt Baluschek pointiert und ausdrucksstark ein: Das bunt leuchtende Karussell in "Berliner Rummelplatz" zieht den Blick wie ein Magnet an, es ist ein einziges schillerndes Lichtermeer. Am linken Bildrand raucht ein Proletarierjunge eine Zigarette: Man möchte die Fluppe gar ausdrücken.

Aufgrund seiner Motivwahl musste sich Baluschek zeitlebens gegen den politischen Widerwillen, den seine Kunst erregte, behaupten: Zuerst lief er dem Kunstanspruch Kaiser Wilhelms II. zuwider und konnte seine Kunst als eines der ersten Mitglieder der Berliner Secession nur in Abspaltung zum gängigen Kunstbetrieb behaupten.

Auch den Nationalsozialisten waren seine Bilder unerträglich, sie landeten auf der Liste "entarteter Kunst". Uns werden die Motive des Berliner Künstlers weniger aufrührerisch empören. Umso mehr werden uns die realistische Perspektive, die Farbgebung, der Einsatz von Licht und Dunkelheit faszinieren. Nachvollziehen, wie provokativ diese Kunst auf das Augenlicht Kaiser Wilhelms II. gewirkt haben muss, kann der Museumsbesucher auch: Seit er die Ausstellungsräume in Charlottenburg zum ersten Mal betreten hat.

Bröhan-Museum , Schloßstraße 1a, Charlottenburg. Di - So, 10 bis 18 Uhr und an allen Feiertagen. Tel. 326 906 00. Katalog: 18.50 Euro. Bis zum 15. April 2012.