Theater

Die Mutter aller Eheschlachten

Pullen, Gläser und ein paar Wartehallen-stühle sanft kreisend auf der Drehscheibe. So unwirtlich und ernüchternd wie eine kahle, graue Allerwelts-Durchgangsstation für glücklos Verirrte, die aus dem Nebel kommen und wieder in ihm verschwinden: So ist die Arena für Edward Albees von Alkohol und Frust angetriebenes Stück Paarzerfleischung "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" im Kudamm-Theater.

Allein schon das trostlose Bühnenbild von Johannes Zacher zeigt schlagend an: Diese Mutter aller szenischen Eheschlachten, Albees Broadwayklassiker von 1962, wird von der Gastregisseurin Iris Gusner (Schauspieldirektorin der Bühnen Gera-Altenburg) von der grausigen Tortenschlacht fort und über die Farce hinweg ins Tragische, ja Absurde getrieben.

Da rockt das mittelalterliche Akademikerpaar Martha (Katja Riemann) und George (Peter René Lüdicke) zwischen Wahn und Wirklichkeit, um allmählich in einen apokalyptischen Schmerzensblues zu taumeln. Es versackt in dem Einverständnis, miteinander glücklich alt werden zu wollen - das aber einfach nicht hin kriegt. "Ich werde ihm das Rückgrat brechen" sagt Martha über George in Alissa und Martin Walsers lakonisch saftiger Übersetzung, "und das geschieht mir recht". Die beiden wissen ganz genau um die so kurzzeitigen wie armseligen Lustgewinne, die ihnen die grässlichen Rituale gegenseitiger Herabwürdigung bringen. Damit sind sie den naiven Youngstern Sweety und Nick (Anne Haug und Karim Cherif), die sie in ihren nächtlichen Party-Hickhack aasig "aufklärerisch" hineinziehen und denen das Elend der Alten noch bevorsteht, turmhoch überlegen. Martha und George können nicht anders. Die beiden geradezu gespenstisch, aber auch rührend aneinander klebenden Schlachtrösser rücksichtsloser Desillusionierung und also Lebenskraftvernichtung fackeln unter Iris Gusners subtil erhellender Regie, die einer spektakulären Versuchsanordnung gleicht, nicht bloß jenes Pointenfeuerwerk ab, für das der Sex-Suff-Schlagmich-Thriller so berühmt-berüchtigt ist. Sie drehen zwar auf, aber eben auch immer wieder weg von der Psycho-Nummernoper gefällig anrüchigen Edel-Entertainments.

Freilich, das geile Wundenhacken, das beherrscht unser erfolgsverwöhntes Hochleistungstheater-Starduo Riemann-Lüdicke. Aber immer wieder sieht man, wie die beiden es so sehr satt haben: Das immer aufs neue Sich-Aufraffen zum Treten im (Drehbühnen-)Rad eines paranoiden Stellungskriegs. Zwei Extremfälle mit der Sucht auf alle Arten Hass, die qualvoll sich mischt mit der Gegendroge: Der Sehnsucht nach Liebe, die da flüchtig emporsteigt ins Angst machende Dunkel.

Theater am Kurfürstendamm 206 Charlottenburg. 20., 21. Dezember, 1., 3.-8. Januar; Tel. 88 59 11 88