Interview: Ryan Gosling

"Karrieren werden überschätzt, wenn Sie mich fragen"

Hollywood liebt solche Kerle wie ihn. Vor einem Jahr noch "Ryan Who?". Und jetzt schon vier Filme als große und kleine Hits in Folge. In der Komödie des Sommers "Crazy, Stupid, Love" mischte Ryan Gosling als Casanova das Leben einer Durchschnittsfamilie auf. Im Thriller "Drive" (ab 26. Januar im Kino) rast er als Stuntman durch eine unglaubliche Geschichte.

Das Drama "Blue Valentine" (noch in den Kinos) überzeugte vor allem Kritiker. Und in "Die Iden des März", der am Donnerstag in die Kinos kommt, stiehlt er seinem Co-Star George Clooney mit dem entwaffnendsten Lächeln der Welt jede Szene. Dafür gab es in dieser Woche eine Golden-Globe-Nominierung. Die für den Oscar dürfte bald folgen. Es wäre seine zweite.

Berliner Morgenpost: Mr. Gosling, die Frage: "wo kommt der Kerl eigentlich her? Wo hat er sich bisher versteckt?" Wie oft müssen Sie das beantworten?

Ryan Gosling: In letzter Zeit nicht mehr so häufig. Es sind doch ein paar Informationen über mich durchgesickert. Aber ein wenig habe ich mich schon gewundert. Auch wenn ich erst 31 Jahre alt bin, so bin ich im Showbiz schon seit fast 20 Jahren.

Berliner Morgenpost: Die zurück reicht bis zum legendären "Mickey Mouse Club". Wollte damals jedes amerikanische Kind dorthin?

Ryan Gosling: Könnte man denken. Wenn man sich so anschaut, dass ich mit Britney Spears gemeinsam auf der Bühne gestanden und gesungen und moderiert habe oder für eine Weile bei der Familie meines alten Kumpels Justin Timberlake gewohnt habe.

Berliner Morgenpost: Wenn man böse wäre, könnte man sagen, dass solche Kinder sehr einsam sind.

Ryan Gosling: In meinem Fall war es definitiv so. Ich war schon als kleines Kind etwas anders als die anderen. Ich war ruhiger als sie, ich hatte mehr Fantasie. Im Prinzip war ich das einsame Kind, mit dem keiner so recht spielen wollte. Deshalb war der "Mickey Mouse Club" eine Erlösung für mich.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig war Film als Kind für Sie?

Ryan Gosling: Extrem wichtig. Ich kann Ihnen da diese kleine Geschichte erzählen. Ich war nicht älter als zehn oder elf, als ich zum ersten Mal "Rambo" gesehen habe. Mal abgesehen davon, dass ich entschieden zu jung war, zog mich der Film derart in seinen Bann, dass ich fortan dachte, ich wäre John Rambo. Meine Mutter hat nicht nur einmal fragen müssen, wo denn bitte die Steakmesser wären. Ich hatte sie in der Federmappe, für den nächsten Tag, falls ich im Unterricht jemanden befreien müsste.

Berliner Morgenpost: Welche Konsequenzen hatte das?

Ryan Gosling: Zuerst dachte meine Mutter, das wäre völlig normal. Dann bekam sie das mit "Rambo" mit. Und ich musste mir zur Strafe Bibelfilme anschauen. Durfte auf keinen Fall Filme mit Gewalt sehen. Dummerweise kannte ich einen Jungen mit schrägem Filmgeschmack. Der hat mir heimlich "Blue Velvet" von David Lynch gezeigt. Da wusste ich, dass ich Schauspieler werden wollte. Es hat zwar mit der Karriere ein wenig gedauert. Aber Karrieren werden eh überschätzt, wenn Sie mich fragen.

Berliner Morgenpost: Mitte des letzten Jahrzehnts hatte man Sie bereits einmal zum "nächsten großen Star" ausgerufen.

Ryan Gosling: Ja, aber diese Leute hatten nicht bedacht, dass ich zu diesem Zeitpunkt so weit weg war von allem großen Kino, wie man sich das nur vorstellen konnte. Ich hatte für zwei wunderbare Filme unterschrieben. "Half Nelson" sowie "Lars und die Frauen". Beides Independent-Filme, für die ich großes Kritikerlob bekommen habe. Aber mal ehrlich, wie ein Star sah ich in diesen Filmen nicht aus.

Berliner Morgenpost: Nun also die Kombination Gosling - Clooney in "Die Iden des März". Wie ist Clooney als Regisseur?

Ryan Gosling: Das Arbeiten mit George Clooney hatte etwas Gespenstisches. Er kommt als Regisseur zu einem und bespricht die nächste Szene. Man hat das Gefühl, dieser Typ ist in dem Moment nur für Dich da.

Berliner Morgenpost: Was an sich sehr gut klingt.

Ryan Gosling: Richtig. Und man ist total im Moment und gefangen von ihm und seinem Filmwissen. Aber dann geht man zu der gerade besprochenen Szene und merkt plötzlich, dass George die Gelegenheit genutzt hat, einem eine Flasche Wasser ganz langsam auf die Hose zu schütten. Nun muss man zu Philip Seymour Hoffman, mit dem eine Szene spielen, während der auf die nasse Hose guckt. Und wenige Schritte entfernt sitzt Clooney und lacht sich schlapp. So ist das Arbeiten mit George "das kleine wilde Kind" Clooney.

Berliner Morgenpost: "Die Iden des März" erzählt von einem schmutzigen Wahlkampf in den USA. Könnten Sie sich so einen Film in Ihrer kanadischen Heimat vorstellen?

Ryan Gosling: Ich bitte Sie. Die kanadische Version wäre zum einen viel netter und zum anderen auch viel langweiliger. Der Film spricht zwar die Gier des Menschen nach Macht an. Und die gibt es überall auf der Welt. Aber ich würde mal die These aufstellen, dass die Gier in den Staaten um einiges höher ist als bei uns.

Berliner Morgenpost: Sie bereiten sich penibel auf eine Rolle vor. Was haben sie bei den "Iden des März" getan? Mit Politikern gesprochen?

Ryan Gosling: Nein, das war nicht nötig. Clooney, das habe ich schnell bemerkt, war von diesem Film regelrecht besessen. Er hatte sich in den Film derart eingearbeitet und in die Charaktere eingesponnen, dass er auch gut alles hätte selbst spielen können. Ich musste ihm nur vertrauen und mich in seine Hände begeben.

Berliner Morgenpost: Bei "Drive" war das wohl ähnlich, nur dass Sie da noch ein Auto gebaut haben.

Ryan Gosling: Das stimmt nicht ganz. Die Zusammenarbeit mit meinem Regisseur Nicolas Winding Refn war ähnlich intensiv. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich einen Zugang zu diesem Fahrer brauche, der nur dann zu sich selbst findet, wenn er durch LA fährt und skurrile 80er-Jahre-Musik hört. Also haben wir uns ein passendes Auto gesucht, natürlich das coolste, das man sich vorstellen kann.

Berliner Morgenpost: Ein 1972er Chevy Malibu.

Ryan Gosling: Exakt. Dann habe ich es auseinander genommen, einiges repariert, Fachleute gefragt, wenn ich nicht weiterkam. Und am Ende war das Auto wie neu und ich hatte ein unglaublich inniges Verhältnis zu diesem Fahrzeug.