Theater

Über allen thront der Gefängniswärter

So durchdesignt sieht's im Knast selten aus: links vier Zellen, rechts vier Zellen in identisch kühler Beton-Stahl-Optik, drinnen minimalistische Lederpritschen. Zwischen den Blöcken ein Überwachungspodest, darüber ein Bildschirm, im Hintergrund Duschen und Fitnessgeräte.

Hier, wo der englische König Edward II. in Christopher Marlowes gleichnamigem Drama endet, spielt bei Ivo van Hove an der Schaubühne die ganze Geschichte. Gleich ob Königin, Edelmann oder Emporkömmling, alle sind sie Gefangene. Der Knast macht sie so gleich wie das Geschlecht - van Hove, schickt eine reine Männertruppe ins Spiel, so wie vermutlich bei der Uraufführung 1592/93.

Doch diese Gleichmacherei ist fatal bei Dramen wie diesem, wo es gerade um die göttliche (Hack-)Ordnung geht, die der König aushebelt, indem er seinen Geliebten Gaveston mal eben vom Nobody zum Adligen erhebt. Weil das zwangsläufig zum Sturz führt, geht's im zweiten Teil vor allem um das Problem des Königsmord - philosophische Lebensendbetrachtungen inklusive. Bei van Hove aber kommen tiefere Gedanken gar nicht auf. Staatsgeschäfte werden beim Gewichtestemmen verhandelt, Anschläge unter der Dusche verübt, und wenn der intrigante Mortimer die Königin küsst, dann ist das ebenso ein zärtlich schwuler Moment wie die Umarmungen von Richard und Gaveston. Sicher reflektiert auch das eine Ordnung, die des Schnitters Tod: Über allen thront Urs Juckers Gefängniswärter, der sie nacheinander routiniert abmurkst (sogar die Königin, anders als bei Marlowe) - pittoresk mit der roten Plastiktüte, was in Großaufnahme zum Pop à la Gilbert & George gerinnt. Am Ende fährt er mit der U-Bahn nach Hause zu seiner Frau, isst zu Abend, geht ins Bett. Der Mörder als Bürokrat und Durchschnittscharakter? Nicht gerade originell, der Gedanke.

Trotz Gleichmacherei könnte aus dem wendungsreichen Drama immer noch eine Studie über Macht und Liebe, Außenseitertum und Gewalt werden. Hier aber sieht man in zerdehnten zwei Stunden Menschlein beim Textabsolvieren zu. Weil das nicht so richtig zündet, wummern düster Maschinen, wallt Nebel und adelt frühbarocke Sakralmusik jeden Mord. Von den Schauspielern kommen nur vereinzelt Impulse, trotz starker Momente, etwa wenn sich Stefan Sterns Edward und Christoph Gawendas Gaveston in verzweifelte Umarmungen verknäulen oder Edward in seiner Todesszene plötzlich Humor entwickelt. Paul Herwig verheddert sich in folgenlose Schreiattacken, Kay Bartolomäus Schulze gesteht Isabella zunächst echte Gefühle zu, um dann zur Intrigantin zu verzicken und bei Moritz Gottwalds Spencer flackert kurz eine menschliche, individuelle Note auf, als er zum Liebesersatz berufen wird. Der Rest sind knackige Überschriften wie Liebe, Komplott und Homosexualität, die das Drama zusätzlich zerstückeln, Überwachungskamera-Bilder und Knalleffekte, die ein Einschlafen verhindern.

Schaubühne am Lehniner Platz. Tel. 89 00 23. Termine: 19. und 20.12.