Operette

In der Hölle hört die Musik auf

Das hat man schon immer geahnt: erst in der Hölle ist richtig was los. Aber bis dahin ist es selbst für das Theater ein weiter Weg. Das muss die Staatsoper nun leider Gottes erfahren, wenn sie den armen Orpheus in die Unterwelt hinunter zwingt, auf Befehl der unnachgiebigen "Öffentlichen Meinung" seine ungeliebte Eurydice nachdrücklich zurückzufordern.

Pluto, der Herr der Unterwelt, hatte sie ihm entführt, was beiden, Orpheus wie Eurydice, höchst willkommen gewesen war. Offenbach hat das in seiner Operette bezaubernd auskomponiert. Nur leider Gottes hört man im Schiller Theater nur wenig davon. Man hat die Staatskapelle zu einer Art Combo eingeschrumpft und auf die Hinterbühne platziert.

Derart beiseite gedrängt, klingt Offenbach nun auf, als sei er aufs Neue geknebelt oder sogar hinausgeschmissen aus seiner eigenen Operette. Christoph Israel ist ein ausgezeichneter Arrangeur, nur muss man seine Arrangements auch mühelos hören können. Aus dem theatralischen Abseits hervornebelnd, verlieren sie ihren Witz, ihren Schneid, ihren Offenbach-Charakter. Auf die Musik aber kommt es in seiner berühmten Operette offenbar gar nicht mehr besonders an.

Das zeigt sich auch daran, dass Philipp Stölzl, der Regisseur und Co-Bühnenbildner, die Hauptrolle des Stücks der Ausstattung zugeschustert hat. Das kann man von Anfang nicht ahnen, denn wenn man den Theatersaal betritt, zeigt sich die offene Bühne wüst und leer.

Von der Decke hängt eine Vielzahl verschlungener Seile. Der Boden ist mit flachen Aufsätzen vollgestellt, als gelte es zunächst einmal, den Darstellern die Füße zu brechen. Es zeigt sich sehr schnell, dass das Bühnenbild von Conrad Moritz Reinhardt in der Aufführung das große Singen und Sagen hat. Die Darsteller müssen sich nicht einzig in die Siele, sondern in die Seile legen, das Dekor aus dem flachen Boden aufzurichten: Eurydices bescheidenes Häuschen, das zu seiner Errichtung zweifellos keine 500 000Euro Kredit verlangte. Singen kann in dieser Operette nur eine: Evelin Novak. Sie ist Eurydice. Sie ist jung, etwas rundlich, wirkt, wie sie soll, leicht plebejisch und singt natürlich Sopran. Gelegentlich weist sie darauf hin, dass sie eine künftige Brünnhilde im Busen trägt. Man darf ihr die Daumen drücken. Im Handumdrehen quetscht sie die Violine ihres Gatten zu Brei und zerbricht auch noch den Geigenbogen.

Stefan Kurt, der Orpheus, lässt alles ohne großen Widerspruch geschehen. Er will im Grunde einzig dieses Weib los sein. Aber ihm fehlt die böse Energie, das zu schaffen. Er ist kopfhängerisch, eher melancholisch, ein Trauertier in Menschengestalt. Natürlich kommt er gegen den Pluto Ben Beckers nicht auf, diesen Kraftmenschen aus dem Götterstall. Wenn der den bezaubernd langbeinigen, vom Olymp herabtanzenden Damen als Fremdenführer vom Dienst sein Höllenreich zeigt, wird es zeitweilig richtig lustig.

Die Stärke der Regie ist, dass sie nicht auf das altherkömmliche Operettenmodell setzt, sondern ihre Lebendigkeit aus Revuevorlagen und Einflüsterungen des Kabaretts saugt. Sie beugt sich der angestrebten Unterhaltsamkeit, allerdings ohne sie durchgehend zu erreichen. Sorgfalt herrscht, Überlegung, Könnerschaft. Aber der zurückgedrängte Offenbach rächt sich. Er hat der Meister zu sein und kein anderer. Seine Musik hat "Orpheus in der Unterwelt" zu regieren - und dies umso mehr, da sein Werk anderthalb unvergessene Jahrzehnte verboten war. Offenbach gehört ein für allemal zurück auf den Thron, der ihm gebührt - und dies natürlich besonders in Staatstheatern.

Staatsoper im Schiller Theater, Bismarck-straße 110, Charlottenb. Vorstellungen: heute, 23., 25., 28. 12. Tel. 2035 4555