Interview mit Udo Lindenberg und Clueso

"Ich bin der große Bruder"

Sie haben sich zurückgezogen in die Lüneburger Heide: Udo Lindenberg mit 65 und Clueso, der 31-Jährige. Gemeinsam singen sie auf Lindenbergs CD und DVD "MTV Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic" den Klassiker "Cello" von 1973.

Im Haus Schnede stimmen sie sich ein auf weitere Auftritte. Das 100 Jahre alte Gutshaus an der Luhe ist mit Musikern bevölkert und mit Instrumenten vollgestellt. Die beiden Sänger sitzen in der Bibliothek auf einem Ledersofa, trinken Tee und freuen sich über ihre Erfolge: Lindenberg ist wieder da, wo er vor 30 Jahren war, im öffentlichen Leben. Er liebäugelt mit einem Umzug nach Berlin, mehr will er nicht sagen. Thomas Hübner hat sich als Clueso mit seinem Album "An und für sich" nach oben gespielt. Er lässt sich gern von seinem Vorbild mit Zigarren einnebeln. Der Ältere blickt gütig durch die Sonnenbrille auf den Jüngeren und lässt den Hut beim Plaudern auf der Kopfhaut tanzen. Michael Pilz traf beide.

Berliner Morgenpost: Herr Lindenberg, kein deutscher Musiker verkauft in diesem Herbst so viele Platten wie Sie. Ihr "Hotel Atlantic" ist der Bestseller des Advents. Überrascht Sie das?

Udo Lindenberg: Ich freu mich, jeden Tag werd ich wach mit einem Lächeln im Gesicht, es ist sehr emotional, keine Routine. Dass das Ding so abgeht! Ging ja 2008 schon wieder los mit dem Lindiismus, mit "Stark wie zwei". Mein Produzent Andreas Herbig hatte das Album produziert, wie er als Fan seinen Udo heute hören wollte. Er hatte den goldenen Schlüssel in den Fingern. Ich hatte jahrelang nach Hammerthemen gesucht, hatte 700 Texte am Start und mit Freundinnen und Freunden wie Ulla Meinecke und Jan Delay das Material erarbeitet. Immer neugierig, auf dem Sprung sein, weißte? Ich wollte ja mehr Bizepsrock haben für die Panikband, aber das wurde mir verboten. Die Leute waren da eisenhart zu mir, wollten mehr so flockige Straßendinger. So in der Ecke stehen, rauchen, Wind um die Nase, ne? Und dann kam MTV mit dem großen Weihnachtswunschzettel, mitten im Sommer. Welche Songs und welche Gäste. Clueso kannte ich. Ich sagte: Lass uns das durchziehen. Und es begab sich, dass Clueso den Song "Cello" so sehr mochte.

Clueso: Als Udos Anfrage kam, dachte ich: Puh. Wow. Ich sagte: Mach ich gern, aber nur "Cello". Den Song mochte ich als Kind schon. In meinen Konzerten hab ich ihn gern zum Schluss gespielt, "Cello" habe ich immer gefühlt. Dann habe ich mir noch mal die alte Aufnahme von 1979 angehört.

Berliner Morgenpost: Das muss früher gewesen sein. 1973?

Lindenberg: '73. Hallelujah, bald 40 Jahre.

Clueso: Mein Vater hörte viel Udo. Als ich in die Hip-Hop-Szene kam, in den Neunzigern, habe ich Udo etwas aus den Augen verloren, aber dann immer wieder gehört. Ich glaube, schon als Kind hatte ich ein Gespür dafür, dass der Typ, der da singt, cool ist. Oft sahen die Sänger, deren Lieder man mochte, im Fernsehen dann komisch aus. Udo sah immer aus wie Udo.

Berliner Morgenpost: Warum gilt der späte Lindenberg wieder als cool? Der frühe war es, der mittlere wurde öffentlich eher als Witzfigur empfunden, als lebende Karikatur.

Clueso: Ich werde heute so oft nach deutschsprachiger Popmusik befragt, dass ich immer nur auf Udo verweisen kann. Er hat unsere Sprache geprägt. Wegen ihm laufen deutsche Bands und Sänger heute im Radio, weil sie sich wieder mehr trauen und mehr Mühe geben. Nicht jeder meiner Kollegen und Freunde findet alles, was Udo gemacht hat, geil. Aber jeder mag ihn und seinen Sound, der alt klingt, aber nicht verkrampft und dadurch völlig zeitgemäß.

Lindenberg: Schluffig.

Berliner Morgenpost: Udo, fühlen Sie sich verantwortlich für die Renaissance der deutschen Popmusik?

Lindenberg: Neue Deutsche Welle gab's ja auch schon. Es ging auf und ab. Also Easydeutsch, Straßendeutsch und so, die unbegrenzte geile deutsche Singsprache, die kam ja Anfang der Siebziger, ne? Gab's vorher nicht. Viele Jahre später haben mich die Hip-Hopper vom Freundeskreis angerufen und gefragt, ob sie "Baby, wenn ich down bin" von mir bringen dürften. Alles gute Freunde. So lief das.

Berliner Morgenpost: Ihr Debütalbum "Lindenberg" erschien 1971 auf Englisch. Was hat sie danach zum Deutschen bekehrt?

Lindenberg: Ich wollte viel ausdrücken, und mein Englisch war dazu nicht gut genug. Mehr so holterdiepolter. Wahrscheinlich wollte ich damals gleich ein Weltstar werden, ein so leckeres Kerlchen wie ich war. Everybody sings english, ich also auch. Bis ich mir sagte: Englisch macht jeder, mach ich lieber Deutsch. Ich hab dann Tagebuch geschrieben, kritzel-kratzel, so erste Fragmente und Textchen. Aber wie sollte man das singen? Mit Doppelkorn. Zur Hilfe kam mir auch, dass ich Trommler war vorher. So sang ich also: "Hoch im Norden, hinter den Deichen ... da-gong, de-dong-dong ... bin ich geborn ... ba-dumm." Kawumm: Plötzlich hatte ich Riesenhits und Riesenflops. Wir gingen aufs Ganze, die Leute hatten Kicherflashs oder fanden es absurd. Damals gab's ja noch die Schlagerlobby gegen uns, Dieter Thomas Schreck und die Shitparade. Ich war der Querschläger, das darf man nicht vergessen. Heute betrachte ich es als Privileg, diesen Beruf immer noch ausüben zu können. Sogar besser als je zuvor, ich erlebe gerade meine größten Erfolge.

Berliner Morgenpost: Für Sie, Clueso, war Deutsch nach Udo selbstverständlich?

Clueso: 1995, im Hip-Hop, gab es wieder den Kampf zwischen Englisch und Deutsch. Aber auch mein Englisch war zu schlecht. Ich habe es probiert, wollte mich aber nicht lächerlich machen. Was Udo mit dem Schlager hatte, hatten wir im Hip-Hop. Die Rapper sagten: Weshalb fängt der denn auf einmal an zu singen, warum hat der eine Gitarre um. Wenn man selber geil findet, was man macht, treibt einen nicht das Ego voran, sondern die Liebe zu dem, was man tut. Oder?

Lindenberg: Klar, ne?

Berliner Morgenpost: Warum suchen Sie sich lieber junge Sänger aus als gleichaltrige Weggefährten aus den Siebzigern und Achtzigern?

Lindenberg: Ich wollte auch Lou Reed und David Bowie. Kenn ich beide gut aus den Berliner Hansa-Studios damals. Lou war aber gerade mit Metallica beschäftigt, Bowie singt nicht mehr, hab ich gehört. Andere Ältere wollt ich nicht, nee. Ich wollte die jungen Flasher, Jan Delay, Max Herre und so. Ich bin dann der große Bruder, manchmal auch der kleine. Ich hör auf die, ich halt mich offen.

Berliner Morgenpost: In welchem gefühlten Alter ist Udo für Sie?

Clueso: Zwischen 14 und 40. Eine verspielte Reife. Udo wird nie ein Greis sein.

Lindenberg: Die Seele ist eine Riesenrutschbahn vom Kleinkind bis zur Indianerweisheit, und man kann sie hoch und runter rutschen. Man muss als Rock'n'Roller sein Lebensgefühl nicht an der Garderobe abgeben. Wir bleiben immer die Jungen Pioniere, und irgendwann singen wir dann genauso für die Engelchen.

Berliner Morgenpost: Clueso, beneiden Sie die Älteren um ihre Urerfahrung, dass sie Sänger geworden sind, um gegen die Verhältnisse zu rebellieren. Udo floh vor den muffigen Fünfzigern in der Provinz nach Düsseldorf, wurde Laufbursche im Hotel, ging 1968 nach Hamburg und erfand den Deutschrock.

Clueso: Natürlich sind Pionierzeiten romantischer. Vor einem liegen unentdeckte Kontinente, die man ablatschen darf. Als ich geboren wurde, gab es alles. Ich stand immer bloß vor der Frage: Was benutze ich jetzt davon? Darum bin ich froh, gar nicht so viel über Musik gelernt zu haben. Ich kenne Musiker, die nehmen wieder auf vier Spuren auf wie früher, weil sie zurückwollen zu den Ursprüngen. Ich möchte aber auf 100 Spuren aufnehmen, mit einer Art neuem Pioniergeist.

Berliner Morgenpost: Udo hatte es leichter als die Jungen heute?

Lindenberg: Na ja, wir hatten vier Spuren und dann acht. Wie die Beatles. Wir waren die erste Band in Deutschland, die eine eigene PA hatte, eine komplette Bühnenanlage. Die Scheinwerfer waren selbst gebaut. War spannend. Auch politisch, klar, klang nach Rebellion, Elvis und Bill Haley. Gegen das große Schweigen. Ich bin ja noch groß geworden als Trümmerkind, in den Ruinen, wo die Nazizeit begraben war. Niemand wollte dabei gewesen sein, die Eltern wollten nicht drüber sprechen oder nichts gewusst haben. Aber wie langsam musste man denn in der Birne sein, um nichts mitgekriegt zu haben? Also: Mein Bruder Erich und ich gegen unseren Vater. Aber der war doch auch froh, dass es vorbei war, er hatte seine eigenen Sorgen in den Fünfzigerjahren und wollte nicht mehr wissen, was vorher war. So wurden wir hineingezogen in die Studentenrevolten, und unsere Musik wurde zur Begleitmusik.

Berliner Morgenpost: Die 68er wollten nach Auschwitz keine Gedichte mehr lesen. Rockmusik ging?

Lindenberg: Für manche nicht. Aber das waren alles so blöde Sprüche damals. War ja auch keine Lösung.

Berliner Morgenpost: Hatten Ihre Erfolge in den Siebzigern mit der politischen Situation zu tun? Mit dem neuen Lebensgefühl im Land von Willy Brandt, Günter Netzer und Otto Waalkes?

Lindenberg: Ja, klar.

Berliner Morgenpost: In den Achtzigern begannen die Deutschen Ihrer überdrüssig zu werden. Lindenberg wurde politischer.

Lindenberg: Ich habe viele politische Songs gemacht. "Straßenfieber" mit Günter Amendt, Songs gegen die Diskriminierung von Schwulen, Ökosongs wie "Ratten". Das waren die Themen damals, der saure Regen und so. Viele hielten das für Pamphlete, sie wollten lieber Spaß, "Ich will Spaß, ich geb Gas". Ich hab es nie gern gehört, wenn Deutsche Gas geben wollten. Es war die Zeit von Markus und Nena. Wobei: So richtig out war der Lindi da auch nicht. 1983 war der "Sonderzug nach Pankow" ein Riesenhit.

Berliner Morgenpost: Anschließend wurden Sie im Osten mehr gemocht als im Westen.

Lindenberg: Das mit dem Osten ging ja schon 1973 los mit dem "Mädchen aus Ostberlin". Das wurden alles heimliche Nationalhymnen: der "Sonderzug", die "Rock'n'Roll Arena in Jena", "Hallo DDR". Für mich war ganz Deutschland immer ein Kultur- und Sprachkreis. Brecht, Tucholsky, alles unser gemeinsames Vermächtnis. Jeden Song, den ich gesungen habe, habe ich auch für die DDR gesungen.

Clueso: Als Kind habe ich das mitgekriegt in Erfurt. Wie seine Plattencover aufgeklappt wurden, die waren wahnsinnig bunt.

Lindenberg: Du bist da so an den Plattenschrank gekrabbelt?

Clueso: Meine Eltern waren gebannt von deinen Platten. Es war so, wie wir als Kinder an leeren Tic-Tac-Schachteln aus dem Westen gerochen haben. Udo war immer lustig und bunt und gleichzeitig Geschichte. Unsere Väter haben im Udo-Feeling gelebt in ihren Lederjacken. Und Udo hat sich drüben auf den Hocker gestellt und über die Mauer geschaut. Nach der Wende waren unsere Väter allerdings eher auf Sicherheit bedacht, und wir haben dagegen rebelliert, indem wir Musiker wurden. Alles wiederholt sich.

Berliner Morgenpost: Udo Lindenberg hatte Erich Honecker mit einer Lederjacke beschenkt und im Palast der Republik vor bestellten Genossen gesungen. Hat er sich mit der falschen DDR verbrüdert?

Lindenberg: Nee. Meine Bedingung war: Ich will live in der Glotze singen und sprechen für die ganze DDR. Ich wusste doch, wer da im Saal sitzen würde, Frau Merkel im Blauhemdchen. Ich hab meinen Freund Harry Belafonte mitgebracht. Es war meine Art der Bündnispolitik mit Honecker, dem Oberindianer. Gegen die Kamikaze-Rüstung, den atomaren Overkill und die Kohle, die da reingeht, während anderswo Menschen an Hunger starben. Ich hab mich selbst gewundert über das grüne Licht für meinen Auftritt da. Ich war ja dann auch draußen bei den Sympathisanten. Bei Typen wie Thomas Brussig, dem Schriftsteller, der deshalb auch unser Musical "Hinterm Horizont" schreiben konnte. Ich saß auf den Schultern der Leute und hatte den Vertrag mit Egon Krenz in der Tasche für eine Riesenpaniksause durch die Fußballstadien im Osten. Das Ding war klar. Wurde dann aber nix. Neulich hab ich Krenz am Flughafen getroffen und ihn gefragt: "Sach mal, Egon, wohnste immer noch im Knast?" Sacht er: "Nee, ich wohn jetzt inner Platte."

Berliner Morgenpost: Ausgerechnet in den Neunzigern war von Udo Lindenberg, dem Sänger der Einheit, immer weniger zu hören. Wie kam das?

Lindenberg: Ich hab eher so experimentiert. Da war "Atlantic Affairs" über das Erbe deutscher Emigranten. Mit Texten von Anna Seghers und Bert Brecht, mit Songs von Kurt Weill, verschollenen Juwelen also. Um so was sollten wir uns immer kümmern, um unser Vermächtnis, um Hollaender und Marlenchen. War damals schwierig für das größere Publikum, etwas elitär, Theater. Damit war ich an der Hamburger Staatsoper, bei den Ruhrfestspielen und in China. Ich hab einen Film daraus gemacht mit Horst Buchholz in seiner letzten Rolle. Aber ich hab auch "Rock gegen rechts" gemacht und "Belcanto" mit dem Babelsberger Filmorchester. Die Neunziger waren für mich hauptberuflich Trinkerei unterm Säufermond. Ich war allerdings mehr der Erleuchtungstrinker wie viele andere Kollegen früher auch. Wie Beethoven, Mozart und Goethe, immer hoch die Tassen und bisschen gegurgelt. Nicht um sich zuzuziehen, sondern für neue Kicks. Ich hatte Phasen einer Krise. Wie konnte ich vom Gummihosen-Schleuderfix mutieren zu einem Typen, der mit 60, 70 auf eine Bühne gehen kann, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen?

Berliner Morgenpost: Ist Udo als Rollenmodel zu gebrauchen? Ist sein Leben nachahmenswert? Im Hotel, ohne Familie?

Clueso: Kommt drauf an, wie man gestrickt ist. Ich fühle mich wie er voll und ganz in der Musik zu Hause. Hab keine Familie, wohn in der WG. Jetzt, wo der Erfolg sich einstellt, würde ich auch gern die Ernte einfahren: ein Jahr herumfahren, Leute besuchen, in irgendwelchen Bars spielen und genau das Gegenteil von dem tun, was alle erwarten. Doch man weiß ja eigentlich nicht viel von Udo. Hat er wirklich keine Familie? Er hat über Kinder und Enkel gesungen, aber wie Bob Dylan sagt: "Songs sind fremde Länder." Ich kann Udos Leben nachempfinden, sein Leben und Brennen für die Musik.

Lindenberg: Du brauchst mal die Ruhe, die du nur in einer Hotelsuite findest. Gleichzeitig hast du in der Lobby deine WG.

Berliner Morgenpost: Wie werden Sie beide Weihnachten feiern?

Clueso: Ich fahre weg. Auch wenn ich sonst gern zu Hause bei meinen Eltern bin, die inzwischen sogar verstehen, was ich mache und wofür ich Schule und Lehre abgebrochen hatte.

Lindenberg: Ich bin auch weg über Weihnachten. Wieder auf'm Schiff, Seefahrt, Rock-Liner mit Freunden, in die Karibik. Hab ja früher schon viele Texte geschrieben auf See. Ich mach mich fit für die große, dicke Tour im neuen Jahr. Joggen und Schwimmen, bisschen malen und so. Nachts in der Hängematte unter den Sternen, glitzer, glitzer, Käpt'n auf meiner Brücke sein.