Literatur

Literarische Kettensäge

Don Winslow macht alles, was der konservative Thrillerfreund gar nicht leiden kann. Er schreibt Pulp-fiction für die gebildeten Stände.

Eigentlich war die Pflanze an allem schuld. George Washington Ben Carver hatte sie gezüchtet auf Basis eines Mitbringsels aus Afghanistan, einen Frankensteinsamen erzeugt, einen genetischen Freak, der ein Pflanze zur Folge hatte, "die fast aufstehen, herumlaufen, sich ein Feuerzeug schnappen und sich selbst hätte wegrauchen können - während sie nebenher Wittgenstein las, sich ernsthaft über den Sinn des Lebens unterhielt, an einer Fernsehserie für HBO mitschrieb und Frieden in Nahost schuf (,die Israelis und die Palästinenser sollten in Paralleluniversen leben, sich denselben Raum, aber nicht dieselbe Zeit teilen')." Letzteres ist natürlich eine prima Idee, aber nicht sehr von dieser Welt. So sehr nicht von dieser Welt, wie man wird, wenn man das Zeug rein raucht, was Ben und sein Kumpel Chon im neuen Buch des Drogenthrillergotts Don Winslow an eine fast schon gläubige Drogistengemeinde in Orange County / Kalifornien verkaufen.

Chronist des schmutzigen Krieges

Ben ist ein guter Mensch. Er will in Frieden Dope anbauen und verkaufen. Nicht aus Habgier. Er ist reich genug. Er nennt sich selbst einen Baddhist, einen schlechten Buddhisten, meint es aber tatsächlich gut. Er will Menschen nur glücklich machen, deswegen hat er die Kunst der Dopebereitung auf ein ganz neues Niveau gebracht. Ben mischt Dopesorten wie ein Kellermeister im Bordelais Rebsorten. Chon ist da ganz anders, Chon sieht aus, als wäre er aus Metallteilen vom Schrottplatz zusammen geschraubt. Er war im Irak, in Afghanistan, im Kongo. Er weiß, dass das Grauen existiert, dass sich die Welt nicht verändern lässt, dass die Welt dich verändert. Und dass sich Ben und Chon im Krieg befinden. Im längsten Krieg, den die USA jemals geführt haben, dem Krieg um und gegen die Drogen, in Mexiko, in Südamerika.

Seit 1975 dauert dieser Krieg, es ist ein in jeglicher Hinsicht schmutziger Krieg, Don Winslow wird allmählich sein Chronist. Sechs Jahre hat der 1959 geborene Winslow für sein Epos "Tage der Toten" im blutigen Netz der mexikanischen Drogenkartelle recherchiert. "Zeit des Zorns", die nicht weniger blutige Geschichte von Ben und Chon und ihrer schönen Freundin Ophelia, genannt O., ist jetzt sozusagen das Satyrspiel nach dem großen Drama. Ein gewaltiges Blutmärchen. Ein Tanz in den Tod. Oliver Stone dreht schon an Winslows rasanter Zu-zweit-gegen-die-Mafia-Schlachteplatte. Mit John Travolta, Uma Thurman und Salma Hayek.

In 290 Kapiteln stakst Winslow durch seine Geschichte. Er macht alles, was der durchschnittliche konservative Thrillerfreund so gar nicht leiden kann. Er wechselt permanent die Perspektive. Kaum eine Szene, die zum Lesen länger braucht als zwei Minuten. Abschnitte, die komplett ohne Verb auskommen. Abschnitte, die mit zwei Worten auskommen.

Die Geschichte geht so: Ben und Chon und O. sind glücklich, verkaufen Drogen, leben in ihrer sorglosen Orange-County-Welt, in der man Wellen jeder Art reitet, Life-Coaches einsetzt gegen seine Reichtumsmelancholie und sich Häuser an die Hänge überm Ozean baut, die mehr kosten, als unser einer lebenslang Gehalt bezieht. Dass sie lange unbehelligt in ihrer selbstausgedachten glücklichen Drogenwelt existieren würden, hätten sie sich ja denken können. Das Baja-Kartell jedenfalls schaut nicht lange zu, plant eine feindliche Übernahme. Das Baja-Kartell hat seinen Stammsitz in Mexiko und kann sich Konkurrenz gar nicht leisten, wäre ja ein Zeichen von Schwäche.

Talibantaktik in Südkalifornien

Bajas ist Bens karitatives Drogenunternehmen ein Dorn im Auge, Dope, fair gehandelt, verdirbt die Preise. Um Ben und Chon von der Ernsthaftigkeit ihres Angebots zu überzeugen, wird O. vom Kartell entführt. Gegen die Zahlung von 20 Millionen Dollar oder der Einwilligung in eine längerfristige Zusammenarbeit könnten sich die Mexikaner davon abhalten lassen, O. den Kopf mittels einer Kettensäge vom Körper zu trennen. Zwei smart aussehende Anzugträger verhandeln mit Ben und Chon. Es könnte alles so gut ausgehen. Fühlte sich nicht ausgerechnet Ben von den sanften Killern übervorteilt. Er legts drauf an. Das Kartell schlägt zurück. Dann schlagen Ben und Chon zurück. Der Krieg ist da. Ben und Chon tragen dabei die Talibantaktik nach Südkalifornien. Sie klauen sich das Geld vom Kartell zusammen, legen falsche Fährten und ziehen eine blutige Spur bis zur Grenze von Mexiko. Die Welt, lernt Ben schnell und hart, macht dich zu dem, der du bist, und sie ist nicht nett diese Welt.

Eine flexible literarische Kettensäge hält Don Winslow in der Hand. Mit ihr ist er in der Lage ansatzlos alles aus dem literarischen Eis dieser kalten Welt zu modellieren: sinnliche Sexszenen und poetische Gewaltexzesse, Exkurse in die nicht sonderlich glückliche Geschichte der amerikanischen Drogenpolitik werden abgehandelt, die Verflechtung von Drogenbaronen und Anti-Drogen-Einheiten vorgeführt. Und es gibt alle paar hundert Seiten moralische Abhandlungen wie diese. "Wir haben uns jeden Tag neu entworfen, unsere Kultur verbessert, uns in streng reglementierten Gemeinschaften abgeschottet, gesund gegessen, das Rauchen abgewöhnt, unsere Gesichter geliftet und die Sonne gemieden, die Haut gepeelt, Falten geglättet, Fett ebenso wie ungewollte Babys absaugen lassen und dem Tod und dem Alter den Kampf angesagt. Wohlstand und Gesundheit haben wir zu unseren Göttern gemacht. Eine narzisstische Religion. Zum Schluss haben wir nur noch uns selbst angebetet. Zum Schluss war das alles nicht genug." Don Winslows Literatur ist Pulp-fiction für die gebildeten Stände. Hart und böse und präzise.

Don Winslow: Zeit des Zorns. A. d. Engl. v. Conny Lösch. Suhrkamp, Berlin. 338 Seiten, 14,95 Euro.