Interview

Katja Riemann und das S-Wort

| Lesedauer: 7 Minuten
Frédéric Schwilden

Am Anfang trägt sie Sonnenbrille, sagt Sachen wie "Martin, mein Schatz" und "Peter, mein Schatz", dann ein "alles ganz toll", dazu macht die Schauspielerin eine Links-Rechts-Bussi-Kombination. Katja Riemann ist aufgedreht und gut gelaunt. Die eine Hand breit unter den Knien aufhörenden Stiefel stehen ihr gut. Die Luft im Proberaum der Komödie am Kurfürstendamm riecht so, als stünde sie schon länger hier.

Das ist eine Luft, die nach Plastik und stundenlangen Proben riecht, sehr sauerstoffarm und aufgeheizt ist.

Das Theater hat zwanzig Glückliche eingeladen, einem Gespräch der Beteiligten der Inszenierung von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" beizuwohnen. Die Regisseurin Amina Gusner sitzt also neben den Schauspielern Anne Haug und Karim Cherif. Martin Woelffer, der Chef der Kudamm-Bühnen, moderiert das Ganze, und auf der linken Seite haben Katja Riemann und Peter René Lüdicke Platz genommen. Im hinteren Teil des Raumes gibt es Croissants, Kuchen, Kaffee, Saft, das Übliche, was soll es bei solchen Veranstaltungen um die Mittagszeit anderes geben? Riemann trinkt aus einem selbst mitgebrachten Plastikbecher mit Schraubverschluss, den es bei den Coffe-To-Go-Dingern gibt, wegen der Nachhaltigkeit. Dazu schiebt sie die Sonnenbrille vom Nasenhügel auf die Stirn und zurück. Wenn ein anderer redet, streckt sie die Beine weit nach vorne, überschlägt sie, die Schauspielerin weiß wie man das macht, wenn vor Leuten sitzt. Im nächsten Moment umarmt sie sich selber.

Im Drama des Amerikaners Albee kommen Professor George (Peter René Lüdicke) und seine Frau Martha (Katja Riemann) von einer Feierlichkeit der Fakultät nach Hause. Es ist schon spät und Martha eröffnet ihrem Gatten, dass sie trotzdem noch Besuch geladen hat. Nick (Karim Cherif) und seine Frau (Anne Haug) erscheinen und es entwickelt sich eine alles offenbarende, gnadenlose Nacht, in der sich die Charaktere durch den Alkohol enthemmt, in bitteren Streit, Intrigen, Gewaltphantasien und sexuelle Ausflüchte manövrieren. Martha und George lieben sich innig, haben aber so dunkle Felder angesammelt, dass nur noch ein apokalyptischer Eklat die Ehe retten kann. Die Gäste gehen still und leise, während Martha und George in ihrem Scherbenhaufen sitzen.

Die Rollenverteilung im moderierten Gespräch ähnelt der des Dramas. Riemann und Lüdicke sind die Stars, alle Augen schauen auf die beiden, Karim Cherif und Anne Haug, die sitzen halt daneben, dürfen dann aber auch mal was sagen. Cherif habe zum Beispiel das Stück im Original zur Vorbereitung gelesen. Und die Verfilmung mit Liz Taylor und Richard Burton, die habe allen gefallen.

Während nach dem Gespräch die meisten zum Buffet gehen, setzt sich Katja Riemann auf einen der vielen freien Stühle und nimmt sich die Zeit für ein Interview.

Katja Riemann: Schön, dass es mal wieder junge Menschen bei der Presse gibt.

Berliner Morgenpost: Es wäre gelogen zu sagen, ich hätte schlecht geschlafen, aber es wurde mir gesagt, Sie seien schwierig. Aber Sie wirken ja gar nicht so.

Katja Riemann: Sagen Sie mir, was schwierig ist, und ich sagen Ihnen, ob ich's bin. Was hätte passieren sollen? Hätte ich Sie schlagen sollen? Also, was soll das heißen? Sie können mir was tun und nicht ich Ihnen. Die Zeitung kann mir was tun. Das tut sie auch.

Berliner Morgenpost: Echt?

Katja Riemann: Na ja, die Zeitung ist ein Instrumentarium, dass sich durch Multiplikationen darstellt, oder? Eine Zeitung hat ja eine hohe Auflage, und das lesen dann ganz viele. Dieser Satz ist ja durch ihre Kollegen entstanden. Ich finde das schade, dass Sie als junger Mensch das nachplappern anstatt sich eine eigene Meinung zu bilden.

Katja Riemann: Katja Riemann kommt mit den meisten Journalisten nicht zu Recht und sie auch nicht mit ihr. Den wirklich charmanten Marc Fischer, der 2007 eigentlich alles richtig gemacht hatte - Riemann ins Borchardt eingeladen, vom Weißwein geschwärmt, über die Crème Brûlée nachgedacht und ihr ein ehrliches Kompliment gemacht - hat sie am Ende abserviert. Er beschrieb das Gespräch als ein "Behördenverhör" und im Ton sehr aggressiv, also von ihrer Seite. Beim Publikum ist Katja Riemann allerdings beliebt, sie ist gut zwanzig Jahren dabei und das auch außergewöhnlich kontinuierlich, seit sie in "Abgeschminkt" das erste Mal auf sich aufmerksam machte und in der "Der bewegte Mann" den fremdgehenden Verlierer Til Schweiger zurückhaben wollte.

Katja Riemann: Und so tritt man das Gespräch mit den lautersten Absichten, weil ja schon genug Abfälliges über Katja Riemann geschrieben wurde und dann rutscht einem ausgerechnet in der ersten Frage das "S-Wort" raus, schon wieder muss sie über ihren "schwierigen" Charakter sprechen. Als sie "schwierig" hört, wird eine andere aus ihr. Sie rückt näher, reißt die Augen auf, man will nur noch zurück rutschen. Ihr Ton wird so, wie man ihn von Geschichtslehrerinnen kennt, wenn man nicht weiß, wann der dreißig Jährige zu Ende war: Bloßstellend, verbessernd, wissentlich. Jetzt weiß man, wie sich George fühlt, wenn seine Martha ihm zu Leibe rückt.

Berliner Morgenpost: Stimmt es eigentlich, dass man betrunken besser streiten kann, weil der Streit unmittelbarer und enthemmter ist, das Versöhnungsglas schon gleich daneben steht?

Katja Riemann: Weiß ich nicht.

Berliner Morgenpost: Schon mal betrunken gestritten?

Katja Riemann: Nein.

Berliner Morgenpost: Gibt es etwas schlimmeres, als einen Pärchenabend zu veranstalten, gar noch einen bildungsbürgerlichen, intellektuellen und dabei Rotwein zu trinken?

Katja Riemann: Es gibt bestimmt schlimmere Sachen, zum Beispiel Frauen einzugraben und sie zu steinigen.

Berliner Morgenpost: Was legt man denn dann auf, wenn die Stimmung kippt an solch einem Abend?

Katja Riemann: Keine Ahnung.

Katja Riemann: Um jetzt noch die Kurve zu kriegen, vielleicht wieder die Katja Riemann vom ersten Satz rauszuholen, hilft vielleicht eine ganz alberne Frage zu stellen, so zum Auflockern. All-In mit dem nächsten Satz.

Berliner Morgenpost: Ich glaube, dass diese Geste von Soaps erfunden wurde und nur dadurch Einzug in unser Leben als vermeintlich weibliche Ultima Ratio im Streit gehalten hat.

Katja Riemann: Ich hab keine Ahnung, vielleicht ist das bei Ihnen so.

Berliner Morgenpost: Schon mal betrunken gewesen als Sie eine Dankesrede für einen Preis gehalten haben?

Katja Riemann: Ne, ich bin nicht so oft betrunken.

Katja Riemann: Immer noch nicht, das ist schiefgegangen. "Wir sollten mal wieder über das Stück, über Edward Albee reden", sagt Katja Riemann, eher erschöpft als streng.

Berliner Morgenpost: Edward Albee hat den Protagonisten sehr viele Flüche in den Mund gelegt, was waren da ihre Lieblings-Ausbrüche?

Katja Riemann: Ficksau, Dummschwanz, Drecksloch, Blödarsch! Mehr? Haha. Ich kann Ihnen noch mehr sagen. Das schreiben sie aber nicht, die Fluchwörter.

Katja Riemann: Sie steht nach der Frage einfach auf, sagt ein kurzes Adieu und geht. Ganz die Riemann, denkt man sich. Aber doch anders als gedacht.

"Was hätte denn passieren sollen? Hätte ich Sie schlagen sollen?"

Katja Riemann