Drama

Geräusche und Gesten, Schreie und Stille

Der Medea-Stoff ist bereits so unzählige Male gespielt und interpretiert worden, dass schon einiges dazu gehört, ihm neue Aspekte abzuringen. Aber genau das versuchen die Macher von "MEDEA! Die Wahrheit! ME DEA F!".

Hinter dem sperrigen - zugegebenermaßen auch unverständlichen - Titel verbirgt sich ein ambitioniertes Theaterprojekt mit gehörlosen, schwerhörigen und hörenden Jugendlichen. Regisseurin Michaela Caspar bringt in Kooperation mit dem sonderpädagogischen Förderzentrum Ernst-Adolf-Eschke-Schule in Westend und dem Ballhaus Ost eine quasi zweisprachige Version des griechischen Medea-Dramas auf die Bühne. Auch wenn das Verständnis des Stoffs nicht das Anliegen der Inszenierung ist, so beeindruckt ihr permanenter Sprach- und Perspektivwechsel. Geräusche und Gesten, Schreien und Stille lösen einander ab. Die Zwiespältigkeit menschlicher Kommunikation spiegelt sich ebenso eindrucksvoll und überraschend in den Kostümen (Gabriele Wischmann) und überdimensionalen Videoprojektionen (Jens Kupsch) wieder. Durch die gesamte Aufführung zieht sich ein doppelt gesponnener Roter Faden. Angetan ist der Zuschauer von der Disziplin und virtuosen Vielfalt der Gebärdensprache und ihrer Akteure. Parallel dazu "übersetzen" professionelle Schauspieler die Geschehnisse auf der Bühne in klassische Theatersprache. Jede Figur gibt es mindestens zweimal, sie tragen das eigene Foto auf ihren Kleidern und Shirts, im Hintergrund laufen Filme mit Close-ups von ihren Gesichtern.

Wem das dann doch zu viel des Guten ist, der ist froh über die Idee, dass jeder Spieler auch noch den Namen seiner antiken Figur auf der Haut trägt. Das gibt Orientierung und hilft der Neufassung des Stücks von Till von Heiseler zumindest etwas zu folgen. Genauso wie das Spielfeld auf dem Bühnenboden, auf dem die Griechen spielfigurengleich ihre Runden drehen.

Leider wurde dem Raum kein Bühnenbild gegeben, so dass die Zuschauer mit dem maroden Charme des Ballhauses vorlieb nehmen müssen. Das stört aber wenig, denn die Faszination des Gesamtbildes, der spannende Versuch, die Sprache des jeweils anderen zu verstehen oder zu interpretieren, machen das kurze Stück zu einem intensiven Erlebnis. Man trägt den Abend noch lange auf dem Heimweg, in der U-Bahn, in unscheinbaren Gesten seines Gegenübers mit sich herum.

Weitere Vorstellungen am 16./17./18.12.2011 im Ballhaus Ost, Pappelallee 15.