Renaissance-Theater

Die Lust am Spiel

Alte Liebe rostet nicht? Und ob! Richard mag das zwar nicht wahrhaben wollen und auch Liesbeth scheint gelegentlich zu vergessen, warum sie einst die Zusammenarbeit mit Richard aufgegeben hat. Als die beiden Schauspieler nach gut zehn Jahren wieder gemeinsam proben, werden die Verletzungen wieder sicht- und spürbar - und das, obwohl die Leidenschaft füreinander und die gemeinsame Arbeit sich immer wieder Bahn bricht.

Wer hier aber eigentlich mit wem, in welcher Zeit und hinter welcher Maske spielt, ist ziemlich schwer zu durchschauen in Maria Goos Stück "Der letzte Vorhang". Hemmungslos huldigt die niederländische Autorin Albees Eheterror-Drama "Wer hat Angst von Virginia Woolf?" das oft in zeitgenössischen Stücken anklingt, aber selten so offensiv zitiert wird wie hier.

Wenn im Renaissance-Theater bei der deutschsprachigen Erstaufführung also Lies und Richard rund um das braune Chippendale-Ledersofa Hochprozentiges verspritzen, umstellt von sechs großen Scheinwerfern (mehr braucht Ausstatter Tom Schenk nicht, um die Probebühnensituation zu skizzieren), dann droht das ganze Konstrukt zusammenzubrechen vor lauter Ebenen und Bezügen. Beinahe - denn erstens ist Goos eine Strippenzieherin, die weiß, wie sie aus der im Grunde banalen Grundsituation Spannung holt. Zweitens ist Regisseur Antoine Uitdehaag ein Mann für klare Konturen. Drittens aber bietet "Der letzte Vorhang" in seinem beständigen Schillern zwischen Stück im Stück und vermeintlicher Realität, zwischen Vergangenheiten, Gegenwart und Utopie großartiges Schauspielerfutter.

Dementsprechend hemmungslos ziehen die alten Schillertheater-Kollegen Suzanne von Borsody und Guntbert Warns alle Register, treten aber rechtzeitig auf die Bremse. Beide haben ein sichtbares Vergnügen am Spiel mit den Verwandlungen. Wenn Warns cooler Richard Lies' kunstsinnigen Ehemann parodiert, wird daraus die Karikatur eines affektierten Trottels mit wedelnden Händen. In die großen Lebens- und Liebesbetrachtungen zischen fiese kleine Geschosse mit Unterhaltungsmehrwert. Er: "Ich errege dich." Sie: "Du regst mich auf, das ist nun wirklich was anderes." Dennoch fesseln die Variationen über Charaktere und Momente, Sucht und Sehnsucht, die von Borsody und Warns spielen, mehr als die Variationen über Realität, Fiktion und Liebe, die Goos auf der Textebene verhandelt. Dort ergibt sich am Ende das Bild zweier Schauspieler, die einander ihre Geschichte vorspielen, mit einer verzweifelten Leidenschaft, als könnten sie so Fehler rückgängig machen. Natürlich funktioniert das nicht, der letzte Vorhang dieser selbstbespiegelnden Psychoshow fällt irgendwann doch. Aber in den gut zwei Stunden zuvor ist allein der Versuch ziemlich sehenswert.

Renaissance-Theater , Charlottenburg, Knesebeckstraße 100, Tel. 312 42 02. Termine: 3.-18., 20.-22., 25. und 26.12.