Rammstein

Es gibt ein Leben nach dem Feuerwerk

Der Trauerzug brachte die Totenmasken. Eine Kutsche mit zwei Kreuzen auf dem Dach und einer Krone, mit vier Pferden und bekümmerten Bestattern. Durch Berlin wehte der Herbstwind, und vor der O2 World stand ein Mausoleum für zwei Tage, an denen man von der Rockband Rammstein Abschied nehmen durfte.

Hinter einer Kordel mahnten die sechs Gipsgesichter mit geschlossenen Augen zum Gedenken. Windlichter waren entzündet worden. In ein Kondolenzbuch trugen sich die Gäste ein. Sie schrieben: "Venceremos!" und "Forever!", "Ihr hapt mein leben verändert, bitte höhrt nie auf!" oder "Dafür gehört ihr übers Knie gelegt!"

Am Abend, in der Halle, staunte man über die Stände mit den Andenken. Das wirkte nicht mehr wie ein Merchandising-Handel, sondern wie die Haushaltsauflösung bei Rammsteins. T-Shirts aus der Frühphase der Neunziger mit "Herzeleid" oder "Ich tu dir weh" bis zu den späteren Parolen für die Heldenbrust wie "Manche führen, manche folgen". Schlüsselanhänger mit Hirschgeweih, Plakate aus dem Menschenzoo, alles muss raus.

Die Gerüchte um Auflösung sind alt

Dann blies die Band zum Zapfenstreich. Von hinten links schritten die Musiker mit Fackeln und Kapuzen in den Saal und mit einer Berliner Flagge, der man ihre Kampfeinsätze ansah. Über eine Landungsbrücke setzten sie zur Bühne über. Sechs erschöpfte Männer, die noch einmal ihre Plätze einnahmen und "Asche zu Asche" spielten: "Asche zu Asche! Und Staub zu Staub!"

Der Untergang schwang immer mit bei Rammstein, auch der eigene. Die Auflösung begleitet sie gerüchteweise wie ein Generalbass. Zum Advent ist nun das Album "Made In Germany" erschienen, eine Auswahl ihrer Lieder zwischen 1995 und 2011, die Totenmasken auf der Hülle und als Sonderedition verpackt im Blechsarg. "Haifisch" zählen sie zu ihren schönsten Aufnahmen. In der Brechtiade heißt es: "Wir halten zusammen. Wir halten miteinander aus... Wenn einer nicht mithält, dann halten wir sofort." Besorgt verfolgen Rammsteinianer seit zehn Jahren, wie sich Richard Kruspe mit dem Kollektiv schwer tut, der erste Gitarrist. Er soll versucht haben, die Macht an sich zu reißen. Er ging nach New York. Er nahm mit einer eigenen Band ein eigenes Album auf unter dem Titel "Emigrate". Im Fernsehen sprach er über Depressionen und Drogen. Im Konzert in der O2 World trug er eine rote Armbinde, den Titel "Bück Dich" spielte er allein an einer Heimorgel.

Nach allen Anzeichen, nach dem Besuch des Mausoleums und dem Ausverkauf der Klassiker und Fanartikel werden auch die Auftritte in Onlineforen nach versteckten Botschaften durchsucht wie Stücke im Regietheater. Wieso setzt sich Flake Lorenz freiwillig ins Schlauchboot, was er sich nach allerlei Konzertunfällen ersparen wollte? Weshalb ist der Riesenventilator in "Mein Herz brennt" so vernachlässigt und rostig? Warum gehen Rammstein so verschwenderisch mit allem um? Nie war mehr Feuerwerk im Einsatz, nie mehr Kunstblut auf der Küchenschürze von Till Lindemann. Nie wirkten Rammstein so gelöst und übermütig. Flake Lorenz wurde von Till Lindemann im Kannibalenlied "Mein Teil" beim ersten Herbstheimspiel in einer Feuersbrunst flambiert, die bis unter die Hallendecke loderte. Es war die helle Freude.

Anschließend kam es zum denkwürdigen Zwischenspiel auf einer kleinen runden Bühne in der Mitte der O2 World: Rammstein mischten sich unter das Volk. Sie spielten wie eine der Kirmespunkbands, aus denen sie nach dem Mauerfall hervorgegangen waren. Flake Lorenz hielt ein winziges Keyboard in den Händen. Christoph Schneider trug ein Damenkleid am Schlagzeug. Musiziert wurde halbnackt und unter fröhlichem Gelächter, als wäre man bereits wieder unter sich und nicht mehr Deutschlands ernstester Kulturexport. Die Schlachten sind geschlagen: Rammstein wurden nicht als rechte oder leichtfertige Brandstifter entlarvt. Sie sind nur linke Pyrotechniker mit einigem Gespür für öffentliche Aufregung. Der Gegenwind hat sie beflügelt, aber auch ermüdet. Heute plaudern sie mit Journalisten wie mit alten Freunden: Man weiß von Till Lindemann, dass er den Flammenwerfer anwirft, weil er sich als Sänger überfordert fühlt. Man weiß, dass Rammstein eine Zweckgemeinschaft bilden. Eine Hälfte würde lieber Jeans und Jogginghosen tragen, dafür aber vielseitiger musizieren. Und man weiß, dass "Liebe ist für alle da", ihr letztes Album, so umkämpft war, dass ihr "Kommunistenkollektiv" (Christoph Schneider) fast daran zerbrochen wäre. Auch sie werden eigensinniger und älter.

Rammstein haben immer gern mit allem möglichen gespielt. Mit jeder Art von Feuer und mit ihrem Deutschsein. Mit den Bausteinen der Subkulturen und der Pop-Provokation, mit ihren Gegnern und ihrer Gemeinde. Eine eindeutige Grenze gab es nie bei ihnen zwischen Ernst und Ironie. Jetzt spielen sie mit ihrem Abschied von der Bühne und dem Leben nach der Band. Im Frühjahr brechen sie noch einmal auf zu einer Reise durch Europa und vor allem durch Amerika, wo sie sich angemessener gewürdigt fühlen als daheim. Und dann? Wahrscheinlich wissen sie es selbst noch nicht.

Bisher stand Rammstein da als Bandmaschine, die nie zu den Menschen sprach. In der O2 World sagte plötzlich jemand auf der Bühne: "Das war Rammstein. Danke. Dankeschön." Flake Lorenz orgelte ein Requiem, die Band sank auf die Knie, und die Stimme sagte: "Wir sind ein Berliner." Das werden sie immer bleiben.

O2 World, O2 Platz 1; Friedrichshain: heute und morgen, 20 Uhr.

Die Schlachten sind längst geschlagen: Rammstein sind nur Pyrotechniker mit einigem Gespür für öffentliche Aufregung.