Tom Cruise

Ein Mann will wieder nach oben

Schon am Anfang von "Mission: Impossible II" - kurz als "m:i 2" vermarktet - kletterte Tom Cruise freihändig und ohne Sicherheitsseil in den Canyons von Utah. Und das war wohlgemerkt noch keine unmögliche Mission, sondern reines Freizeitvergnügen.

Nun aber, in "Mission: Impossible - Phantom Protokoll" - wir wollen es der Einfachheit halber "m:i 4" kürzeln - will Cruise höher hinaus. Weit höher. In der spektakulärsten Sequenz des an Spektakeln wahrlich nicht armen Thrillers besteigt er vom 123. Stockwerk aus die Außenfassade des Burj Khalifa in Dubai, dem mit 828 Metern höchsten Gebäude der Welt. Und das Filmteam schwört, dass Cruise den Stunt selbst absolviert hat. Mit einem Gurtsystem zwar, aber immerhin: Der Star ließ sich nicht lumpen.

Kleiner Mann ganz groß. Was treibt den Schauspieler nur immer wieder zu derlei riskanten Stunts? Ist es der Napoleon-Komplex, dass zu kurz Geratene (Cruise misst 1,70 Meter) ihre Minderwertigkeitsgefühle sublimieren müssen? Ist es die sprichwörtliche Abgehobenheit des Stars, der längst den Boden unter den Füßen verloren hat? Oder die pure Vermessenheit, zu demonstrieren, dass er der Größte ist? Die Metapher von den Film-Stars kommt ja nicht von ungefähr: Sie sollen glänzen wie die Sterne am Firmament, entrückte Körper, die wir aus der Ferne anhimmeln. Auch wenn sie oft allzu irdische Wesen sind, mit Mängeln und Fehlern, die das Image Lügen strafen. Cruise kann davon ein Lied singen. Und seine Kraxelei auf dem höchsten, spitzesten, zugigsten Gebäude der Welt darf durchaus verstanden werden als todesverachtende Leistungsschau, um zurück nach ganz oben zu kommen.

Einst war Cruise der Star der Stars. Und die "Mission: Impossible"-Filme waren so etwas wie sein persönlicher James Bond. Wobei immer nur 1A-Regisseure - und immer andere - diese Filme inszenieren dürfen. Die gleichnamige Fernsehserie - bei uns lief sie unter dem Titel "Kobra, übernehmen Sie" - war stets ein Loblied auf die Teamarbeit. Die unmöglichen Missionen konnten nicht nur dank der bond-üblichen Gadgets bewältigt werden, sondern auch wegen der exzellenten Zusammenarbeit einer Gruppe. Damit räumte Cruise in seinem ersten "m:i"-Film gleich auf. Das Team wurde eliminiert, verraten ausgerechnet von ihrem Chef, dem Held der Fernsehserie.

Cruises Gesicht versteinert

In den nuller Jahren hat das Image des Thomas Cruise Mapother IV erheblichen Schaden erlitten. Nicht nur wegen seines affigen Benehmens bei Oprah Winfreys Talkshow und seiner Scientology-Aktivitäten. Die Fans haben sich von ihm abgewandt. Das Paramount-Studio schmiss ihn sogar raus. Und dann hat ihn noch auch seine langjährige Produzentin Paula Wagner verlassen, die wie niemand sonst seine Karriere begleitet und gesteuert hat. Cruise allein auf weiter Flur. Mit "Operation Walküre" gelang es ihm nicht, sich auch im Charakterfach zu bewähren. Und "Knight and Day", der im letzten Jahr sein Action-Comeback werden sollte, floppte so empfindlich wie noch kein Cruise-Werk zuvor. Daher der neuerliche Rückgriff auf seinen eigenen Bond.

Die Serie wird noch einmal ganz auf Anfang gedreht. Dass Cruises Held Ethan Hunt im dritten Teil geheiratet und nur noch Innendienst verrichtet hat - geschenkt. Fang nie was mit einem Spion an, das ist das erste Gebot, das uns das Agentenkino lehrt. Michelle Monaghan kommt in "m:i 4" nicht mehr vor. Cruises/Hunts Gesicht wirkt noch versteinerter als sonst. Und es wird fast eine Stunde dauern, bis wir erfahren, was aus der großen Liebe geworden ist und unter welcher Schuld er seither leidet. "m:i 4" beginnt, sehr passend zu den derzeitigen Unruhen nach den offensichtlichen Wahlfälschungen, in Russland. Hunt sitzt hier, natürlich zu Unrecht, im Gefängnis. Er kann befreit werden. Er bricht, nachdem er in "m:i 1" in das eigene Hauptquartier und in "m:i 3" in den Vatikan eingedrungen ist, diesmal in den Kreml ein. Aber wie im ersten Teil wird ihm dabei eine Falle gestellt - und der Kreml sogar in die Luft gesprengt. Hunt muss nun in kürzester Zeit beweisen, dass dieses Attentat nicht auf sein Konto ging. Er bekommt dabei keinerlei Rückendeckung von seinem Geheimdienst. Im Gegenteil, der amerikanische Präsident aktiviert das titelgebende Phantom-Protokoll, demzufolge es die Mission Impossible Force nie gegeben hat. An diesem Punkt werden Tom Cruise und Ethan Hunt völlig eins. Sie sind ganz auf sich gestellt. Und müssen aller Welt beweisen, dass sie die Guten sind. Sie müssen aber auch beide von ihrer Ego-Nummer abgebracht werden. Hunt muss wieder lernen, im Team zu arbeiten und anderen zu vertrauen. Und Cruise sollte das auch eine Lehre sein.

Um den Nervenkitzel zu steigern, hat Hunt dabei nur Neulinge um sich, die noch nie im Außendienst waren. Ving Rhames hat nur ganz am Ende einen Kurzauftritt. Alle anderen Mitstreiter sind blutige Anfänger, die manchen Einsatz fast vermurksen. Und auch das steigert den Reiz: Die üblichen Gadgets, jene Spielzeuge, von denen die m:i- wie die 007-Filme leben, versagen hier alle. Schon das Band mit dem Auftrag, das sich serientypisch nach fünf Sekunden vernichtet, zündet nicht. Auch das berühmte Gerät, das die Masken kreiert, die Hunt sich gern überzieht, erfüllt seinen Dienst nicht. Und später, wenn er auf dem Riesenphallus Burj Khalifa turnt, geht einem der Saughandschuhe, mit denen er wie ein Gecko klettert, der Saft aus. Der Held unplugged.

Der Plot des Films fällt ein wenig in alte 007-, in Kalte-Kriegs-Zeiten zurück. Da geht es um Russen und Atomkoffer. In Wirklichkeit handelt "m:i 4" von der Rehabilitierung des Tom Cruise, seiner Verteidigung als Superstar. Die eigentlich unmögliche Mission ist es, ihn wieder da hinzubringen, wo er meint, hinzugehören. Ganz nach oben. Dass er sich dafür als Regisseur Brad Bird holte, ist nicht ohne Ironie. Der hat noch nie einen Realfilm gedreht, ist aber berühmt für seine Pixar-Trickfilme "Die Unglaublichen" und "Ratatouille". Ein Mann, der Trickfiguren Gefühle und Leben einhauchen konnte, ist vielleicht der einzige, der Cruise wieder zur Sympathiefigur aufbauen kann.