Beatsteaks

Die Gesetze der Schwarmintelligenz

Was ist ein Moshpit? Wikipedia sagt: "Der oder das Moshpit ist ein vor der Bühne entstehender Kreis, in dem die Zuschauer tanzen. Nach außen hin erscheint ein Moshpit wie eine große Menschentraube." Wie der Menschenkreis im Rockkonzert genau entsteht, weiß Wikipedia nicht. Die Beatsteaks untersuchen das Mysterium seit 15 Jahren.

Arnim Teutoburg-Weiß, der Sänger, steigt auf einen Lautsprecher, und ruft: "Wir springen jetzt von da nach da, und dann von da nach da." Er rudert mit den Armen, aber es sieht nicht so aus, als dirigiere er den Moshpit. Vor ihm teilen sich die Menschenfluten wie im Alten Testament, verdichten sich und bilden zirkelrunde und geräumige Löcher in der Menge. Plötzlich strömen alle in die Löcher und verknäulen sich darin. Die Masse wogt, ein Meer im Sturm. Die Beatsteaks spielen nur dazu, aber es gäbe keine malerischen Strudel ohne sie in der Max-Schmeling-Halle. Es gibt noch Geheimnisse und Rätsel in der Popmusik.

Die Beatsteaks waren 1996 unvermittelt da. Noch ohne nennenswerte Bühnenpraxis hatten sie als Punks im SO36 einen Bandwettstreit gewonnen. Zur Belohnung durften sie ins Vorprogramm der Sex Pistols. Es war ihr zehnter Auftritt überhaupt. Die Band Die Ärzte wurde auf sie aufmerksam und stellte sie vor ihren eigenen Konzerte in die Stadien, um die Gäste aufzuwärmen. Und das Lied "Unrockbar" von den Ärzten warf bereits die Frage auf: "Wie kannst du bei den Beatsteaks ruhig sitzen bleiben, wenn dir Schlagersänger Tränen in die Augen treiben?" Heute könnten sich die Beatsteaks jeden Abend eine größere Halle mieten - und die Gäste stünden täglich so durchnässt und selig auf den Sitzrängen wie zu den zweitägigen Weihnachtsheimspielen der derzeit besten Band Berlins.

Sie treten auf vor einem Bühnenbild, das Ostberliner Plattenbauten als behagliche Kulisse zeigt. Dann fällt der Fotovorhang hinter ihnen, im Abriss kommt eine Vinylplatte zum Vorschein wie ein Vollmond. Die fünf Musiker sind älter, als sie wirken, Ende 30, und es geht ihnen um ursprüngliche Werte, die im digitalen Zeitalter wieder geschätzt werden. Um einprägsame Singlehits wie "Hello Joe", "Let Me In" und "House On Fire". Um Lokalfolklore wie "Hey Du" aus dem Musical "Linie 1" und "S.N.A.F.T" von Ton Steine Scherben. Und um Klassiker wie "In Bloom" von Nirvana und um Klassikerzitate von Lou Reed bis Udo Lindenberg.

Vor allem handelt es sich bei den Beatsteaks wieder weniger um eine Platten- als um eine Bühnenband. Sie werden unterstützt vom Organisten Helmut Zerlett, dem Kapellmeister der Harald-Schmidt-Show, und den Bläsern von Seeed. Aber so sehr sie darauf Wert legen, als Kollektiv gesehen zu werden, so präsent ist Arnim Teutoburg-Weiß als Zeremonienmeister. Der Mann mit dem Hütchen, die Rampensau. Der Spross einer Artistenfamilie, der zwar wegen einer Handverletzung diesmal keine Salti aber dennoch tapfer die Gitarre schlägt. Er scheint die Masse zu befehlen. Doch der Moshpit führt sein Eigenleben, kreist in sich als Polonaise, ebbt und flutet nach Gesetzen, die nur er versteht. Der Schwarm ist hochintelligent. Er weiß, was er zu tun hat.