Der Kirschgarten

Auf sie mit Gebrüll

In den Sophiensälen versammelt sich derzeit eine Auswahl der Klassenbesten aus der deutschen Schauspielbranche und macht aus Anton Tschechows "Kirschgarten" Kleinholz. Schicht um Schicht wuchten Joachim Król, Devid Striesow, Ursina Lardi, Lars Rudolph und Co. erst mal eine ordentliche Ladung Hohlziegel zu einer mannshohen Mauer und Peter Kurth poltert "Nicht nachlassen jetzt hier!".

Dabei hatte sich der Staub in den Sophiensälen nach der halbjährigen Renovierungsphase eben gerade erst verflüchtigt. Aber jetzt regiert hier wieder ein rüder Bauarbeiterton: Tschechow entmelancholisiert.

Das Regieduo, dem sich diese 14köpfige Starbesetzung anvertraute, besteht aus Thorsten Lensing und Jan Hein, vor drei Jahren hatten sie Tschechows "Onkel Wanja" ziemlich gekonnt brutalisiert, bei diesem "Kirschgarten" aber geht das schief. Vielleicht, weil alles so viel offensichtlicher zum Verzweifeln ist, denn, das ist von Anfang an klar, der Kirschgarten von Gutsbesitzerin Ljuba Ranjewskaja ist nicht mehr zu retten. Er ist schön, aber nutzlos. Und bloße Schönheit kann sich in Zeiten, in denen der Adel im Niedergang begriffen ist, keiner mehr leisten. Im Grunde also gibt es nicht mehr viel zu bereden. Dass das, was dennoch gesprochen wird, nun aber sich in eine dauerhaft überdrehte Phonzahl schraubt, reicht nicht für einen dreieinhalbstündigen Abend.

Nicht deshalb, weil wir nach diversen Volksbühnen-Abenteuern schon abgestumpft sind, gerade dort, im Tempel der Lauthalsigkeit, gibt es nach wie vor herrliche Beispiele exzessiver Heiserkeit, erwähnt sei hier nur die hysterisch-komische Sophie Rois in der aktuellen Inszenierung der "(S)panischen Fliege" oder die Schreiausbrüche in Castorfs "Nach Moskau! Nach Moskau!" Hier, im Kirschgarten jedoch poltern die Figuren aneinander vorbei, sie brüllen ohne Widerhall. Selbst wenn das Zeichen ihrer resignierten Abgestumpftheit sein soll, müsste man ihnen eben das anmerken.

Devid Striesow, der in der Rolle des ehemaligen Leibeigenen und jetzigem Selfmade-Kaufmann Lopachin der Gutsbesitzerin eine Umwandlung der Liegenschaften in eine Ferienhaussiedlung vorschlägt, vermag die verbale Brutalität noch am überzeugendsten mit einer brustgeschwellten körperlichen Wucht zu stützen. Ursina Lardi als Ranjewskaja knallt in ihrem Mini-Mini-Kleid da nur etwas hilflos die Hacken auf den Tisch. Und bei Joachim Król blutet einem das Herz, er hätte, so wie man ihn als melancholischen TV-Kommissar kennt, ein perfekter Tschechow-Darsteller sein können, muss hier aber in der Rolle des Kontoristen Epichodow vor allem über Stühle stolpern. Inzwischen ist dem Baudreck eine Ladung Heringe über die Bühne gekommen, so dass die Verwesung der Gesellschaft auch in den Zuschauerreihen ankommt.

Aber einer ist dabei, der der Zukunft eine Vision gibt. Und der Inszenierung eine Dimension. Das ist Lars Rudolph als ewiger Student Pjotr. Bei ihm ist laut tatsächlich ein Kontrast zu leise, seine Figur ist in Haltung, Blick, Tonlage durchwirkt von seinen Idealen und Träumereien. Er ist es, der die Sache mit der Baustellenatmosphäre aufklärt: Es sei nötig, meint er, für die Vergangenheit zu büßen. Und büßen könnten wir nur durch Arbeit. Im Bauernsohn Lopachin findet er einen Zustimmer: "Ohne Arbeit kann ich nicht", was auch erklärt, weshalb Devid Striesows Hände den ganzen Abend so rumzappeln. Die Gutsbesitzerin macht sich am Ende aus dem Baustaub und hinterlässt einen wahrhaftigen Satz: "Hier ist es mir zu laut!"

16. bis 18. Dezember 20 Uhr, Sophienstraße 18