Interview mit Roger Willemsen

"Kriege zerstören auch Musik"

Roger Willemsen, Publizist und Moderator, ist selber ein bisschen Nomade, der immer irgendwie unterwegs ist und die Enden der Welt gesehen hat. Mit der Konzertreihe "Unterwegs. Ein kultureller Dialog" möchte er dem Publikum musikalischen Kulturen zugänglich machen. In Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern startet die Konzertreihe heute mit dem Thema Nomaden. Mareike Hunfeld hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Willemsen, die Konzertreihe heißt "Unterwegs. Ein kultureller Dialog". Sitzt man im Konzertsaal nicht viel zu gemütlich, um einen aufrichtigen kulturellen Dialog herzustellen?

Roger Willemsen: Das würde ja dann gelten für alle Formen, über die wir mit fernen Ländern in einen Dialog treten: Sei es über Literatur oder über Musik. Eine Art kultureller Dialog ist das Konzert dennoch: Erst mal bringt man die Musik der Nomaden aus den Steppen der Mongolei oder aus den Wüsten Malis nach Berlin in einen Konzertsaal. So kann das Publikum feststellen, was für Klänge dort produziert werden. Der Zuschauer ist natürlich wie in allen Konzerten dazu verdammt, aufzunehmen und sich auf eine neue Form der Musik einzulassen. Zweitens kommunizieren die Musiker untereinander. Am Ende gibt es einen Part, wo die Mongolen mit den Tuaregs zusammen spielen.

Berliner Morgenpost: Nomaden musizieren unterwegs: Passt so eine Musik wirklich in einen Konzertsaal, in einen begrenzten und fixierten Raum?

Roger Willemsen: Sie haben völlig Recht mit der Frage. Es ist ein Grundwiderspruch, den wir einfach nicht lösen können. Die Alternative wäre ja: Wir würden diese Musik der Nomaden aus den Konzertsälen fernhalten. Ich würde mir wünschen, die Wüste von Timbuktu in die Berliner Philharmonie zu bringen, wenn das ginge. Die einzige und beste Möglichkeit, die wir haben, ist, das Originale an dieser Musik aufrecht zu erhalten.

Berliner Morgenpost: Wie möchten Sie das bewerkstelligen?

Roger Willemsen: Wir werden zum Beispiel zwischendurch Tondokumente als Zitate einspielen. So möchten wir zeigen, wie sich diese Musik in der Wüste anhört. Dann wird Christian Brückner Nomaden-Poesie und auch Texte eines mongolischen Dichters lesen. Wir versuchen alles, um eine möglichst vollständige Vorstellung von dem, was diese Nomadenwelt ist, zu produzieren.

Berliner Morgenpost: Sie waren an allen "Enden der Welt", nahe den Abgründen. Glauben Sie noch an das Gute in ihr?

Roger Willemsen: Ich bin dem Guten, wo es an einzelne Personen gebunden ist, häufig begegnet. Aber ich bin ihm weniger häufig begegnet, wo es um Strukturen ging. Man kann an die Enden der Welt nicht reisen, ohne der Zerstörung oder ihrer Inkaufnahme zu begegnen. In Patagonien habe ich die Demonstrationen gesehen gegen die Errichtung von Wasserkraftwerken und vor etwa einem Monat wurde beschlossen, diese Werke trotzdem zu bauen. Damit wird eins der letzten Reservate zerstört. In Borneo habe ich erlebt, wie der Dschungel als Lebensgrundlage von uns allen abgeholzt wurde. Durch manche Länder kann man mit offenen Augen nicht reisen, ohne zu leiden. Aber es gibt auch den überlebensgroßen Menschen, einzelne Individuen, die für mich das Gute verkörpern.

Berliner Morgenpost: Was war Ihr schönstes, was Ihr schrecklichste Erlebnis? Hat es mit Musik zu tun?

Roger Willemsen: Ich kann die beiden Momente tatsächlich zusammenrücken: Das schrecklichste Erlebnis war der Besuch des Kongo im Krieg vor etwa 10 Jahren. Hier bin ich der unkontrollierten Gewalt im Krieg begegnet, die sich in jedem Augenblick in Schüssen äußern kann. Und einer Haltung, die das Leben vollkommen wertlos findet. Im gleiche Kontext hatte ich aber auch mein schönstes Erlebnis: Ich bin nämlich durch Zufall in einen Hinterhof gelangt. Dort habe ich einem Chor von Sängern zugehört, die in diesem Krieg in dem Hinterhof auf vokal-artistische Weise meisterlich mehrstimmig intoniert haben und zwar die Gesänge der sogenannten Pleureuse, das sind Trauergesänge. Das war ergreifend. Als ich aus dem Hof hinaustrat, da war ich wieder im Krieg, aber in dem Hof selber, dachte ich: Das ist vollkommen.

Berliner Morgenpost: Diese thematische Auswahl Ihrer Konzertreihe ist ja nun sehr klein. Wie politisch motiviert ist sie?

Roger Willemsen: Sie ist gar nicht politisch motiviert. Da stand einfach die Frage im Vordergrund: Wie interessant ist die Musik? Die Welt ist sehr groß und wir haben noch viel vor in dieser Reihe, man kann sich noch so viele andere musikalische Kulturen vorstellen, die hier unterzubringen wären. Aber wir wollen unsere Konzertreihe nicht so unverbindlich gestalten, dass wir ganze Kontinente abfeiern. Zudem liegt mir Afghanistan noch einmal besonders am Herzen.

Berliner Morgenpost: Gibt es eine Pflicht gegenüber den musikalischen Kulturen, die Sie auf Ihren Reisen kennengelernt haben?

Roger Willemsen: Die Pflicht, die wir hätten, wenn wir sie als solche verstehen wollten, wäre, diese anderen musikalischen Kulturen zur Kenntnis zu nehmen. Das ist der erste Schritt, um sie zu bewahren. In Afghanistan war ich in Vierteln, in denen früher die Musikgeschäfte angesiedelt waren, die Komponisten saßen und ihre Noten weitergaben. Dieses Viertel ist zerstört. Man soll nicht denken, dass die Musik vom Krieg nicht auch zerstört werden kann. Indem man diese musikalischen Kulturen etwa in die Berliner Philharmonie bringt und so die Aufmerksamkeit auf sie richtet und das Schützenswerte an ihnen betont, kann man sie bewahren helfen.

Berliner Morgenpost: Was soll der Zuschauer nach dem Konzert mit nach Hause nehmen?

Roger Willemsen: Ich wünsche mir, den Zuschauer berührt von der Kultur einer Welt, die anders denkt, die anders formuliert, die der Musik eine andere Bedeutung schenkt. Ich erhoffe mir eine hohe Durchlässigkeit beim Publikum. Dass es nicht alleine C-Dur-Dreiklänge hören will, sondern sich von dem Fremden, dem Nichtvertrauten einholen lässt.

Berliner Morgenpost: Wie oft sind Sie in Berlin? Gibt es einen Lieblingsort, einen rituellen Ort, zu dem sie immer wieder zurückkehren?

Roger Willemsen: Da ich eine Professur an der Humboldt Universität habe, bin ich relativ viel in Berlin. Ich bin immer nachts gerne bei Schnee im Prenzlberg in einem Park gewesen, wo ich sogar Schlitten gefahren bin mit einer Frau. Das war mystisch. Aber das ist schon länger her. Die Museumsinsel ist auch einer dieser Orte. Dann gibt es noch dieses Berliner Mauerwerk, Verdichtungen unter Mauern, die mich zum Streunen nach Straßenköterart animieren.