Bühne

Böse Märkte, nicht einmal ein Herz haben sie

Ein einfacher Stuhl, ein Tisch, darauf ein Kärtchen: "Richard David Precht signiert hier im Anschluss an die Vorstellung" - vor einem imposanten Barockspiegel. Achtlos wird dieses Arrangement von den Besuchern des Berliner Ensembles links liegengelassen.

Im Foyer Gedrängel, man studiert gedämpft-tuschelnd den Programmzettel: "Was haben Philosophen uns heute noch zu sagen" - ohne Fragezeichen. Ungeduldige Blicke lasten auf den Türen zum Theater: Man will rein, es ist doch schon fast elf. Kaum geöffnet, füllt sich der dämmrige Saal in Minutenschnelle. Ein eher älteres Publikum nimmt gespannte Denkerhaltung ein. Dazwischen aber auch: Zwei Teenager, die auf den oberen Rängen kaugummikauend über der Brüstung hängen.

Richard David Precht nimmt mittig Platz. Frank A. Meyer, "Chefpublizist" beim Ringier Verlag in froschgrüner Hose und Polohemd, nur Jackett und Schuhe sind schwarz. Alexander Marguier vom Magazin Cicero hat sich heute Morgen für seine orangefarbenen Socken entschieden. Precht hingegen, schlicht und elegant in grauem Anzug und weißem Hemd, stützt den Kopf mit der Hand.

Erst hört er zu. Denn er wird vorgestellt, gelobt. "Deutschlands bekanntester Philosoph" zitiert Marguier die "Bild" vom Freitag, dessen Titelseite Precht mit seinem Foto und seiner Forderung, Rentner sollten ein freiwilliges soziales Jahr leisten, kürte. Marguier legt nach: "Habermas und Soterdijk: verdrängt!" - was ironisch sein soll, klingt doch Ernst. Die ersten Worte des Philosophen: "Zu viel Weihrauch schmerzt den Hain". Lachen. "Die einzige Möglichkeit, die ich habe, ist, die hochgelegte Messlatte deutlich zu unterschreiten." "Sympathisch", flüstert jemand im Publikum.

"Ich bestimme, wer drankommt"

In eineinhalb Stunden geht es nun um alles und nicht nichts: Den Stellenwert der Philosophie in Deutschland, die Finanzwirtschaft in Zeiten der Globalisierung, einem Europa, das in der Selbstverständlichkeit versinkt und neue Ziele braucht, die Piratenpartei als Form jugendlichen Aufbegehrens mit neuen Ideen. Inhaltlich teilt Precht ihre Standpunkte weniger. Schnell werden Meyers und Marguiers Fragen nur noch zu pointierten Einsprengseln, die Precht nutzt, um den Inhalt seines Wasserglases in sich hineinzustürzen. Mit Precht trägt das Gespräch sich selbst. Er kritisiert: "Diese Märkte haben kein Hirn und auch kein Herz. Sie sind wie Staatsquallen, die orientierungslos im Ozean umhertreiben". Da kann man sich schon empören. Ein Markt ohne Herz, wo kommen wir denn da hin?

Er hält sich mit der linken Hand an der Stuhllehne fest und sich selber davon ab, aufzuspringen, ins Publikum zu fallen. Precht fordert: Zielorientierte Märkte, in denen die Gesellschaft mitredet, den Citoyen, den um das Gemeinwohl bedachten Bildungsbürger. In der letzten halbe Stunde stellt das Publikum Fragen. So eifrig, dass sich Meyer mehrmals einschalten muss: "Ich bestimme, wer drankommt!". Wer erst einmal viele Worte findet, wird abgestraft: "Frage! Frage!". Der Philosoph soll sprechen. Zuletzt: Anhaltender Applaus. Alles stürmt nach draußen, kämpft vor dem Eingangsarrangement um eine Signatur.