Interview mit Sarah Kuttner

"Woher soll man wissen, dass es für immer ist?"

Natürlich redet Sarah Kuttner ohne Kamera genauso schnell und unfallfrei wie vor der Kamera. Das aber nur nebenbei. Die Moderatorin hat nach dem Bestseller "Mängelexemplar" nun ihren zweiten Roman "Wachstumsschmerz" vorgelegt, der mal froh gelaunt, dann selbstzweifelnd und anrührend die Geschichte des Zusammenziehens zweier Menschen um die 30 erzählt, mit anschließender Auszeit. Matthias Wulff traf sie zum Therapiegespräch.

Berliner Morgenpost: Frau Kuttner, in Ihrem neuen Buch ist Flo der Freund der Erzählerin Luise und eigentlich ein Traum von einem Mann: Lustig; verständnisvoll, und hält zu ihr, trotz ihres Genöhles. Und trotzdem klappt es nicht.

Sarah Kuttner: Naja, sich immer unterzuordnen finde ich nicht besonders erstrebenswert. Flo fehlt es ein wenig an Rückgrat. Ich glaube fest daran, auch privat, dass man Bescheid sagen muss, wenn einem wehgetan wird. Flo kann ihr und sich selbst keine Grenzen setzen.

Berliner Morgenpost: Die Männer in Ihren Büchern sind durchweg konfliktscheu. Ist das Ihr Männerbild?

Sarah Kuttner: Nein, das ist es nicht. Trotzdem ist es schon so, dass die meisten Männer nicht die dringende Notwendigkeit verspüren, Sachen immer auszudiskutieren. Das würde ich sogar wertfrei sagen, weil ich nicht sicher bin, ob es immer sinnvoll ist, die Dinge bis zum Ende auszudiskutieren.

Berliner Morgenpost: Warum tun wir uns mit der Liebe so schwer?

Sarah Kuttner: Die Liebe muss ein rosa plüschiges Ding sein, das immer funktioniert. Wir gleichen permanent zwischen den Bildern aus den Medien und unserem eigenen Leben ab. Und natürlich ist das totaler Quatsch, denn es sind immer noch zwei unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und da geht es nicht immer in die gleiche Richtung.

Berliner Morgenpost: Unsere Erwartungen sind also zu hoch?

Sarah Kuttner: Total. Ich hatte die Diskussion mal mit meinem Vater, der den festen Glauben hat, dass die Liebe nur eine Erfindung der Romantik ist und dass es die rosarote Brille vor der Romantik gar nicht gab. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das finde....

Berliner Morgenpost: ...und ich mir nicht sicher, ob das so stimmt...

Sarah Kuttner: ...ich auch nicht, aber er klang sehr überzeugt. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass das Kribbeln im Bauch etwas ist, was es nur in unserer Epoche gegeben haben soll.

Berliner Morgenpost: An die ewige Liebe glauben Sie aber nicht.

Sarah Kuttner: Ich glaube in der Tat nicht an ein Für-immer. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich ein Scheidungskind bin. Ich war schon oft mit tollen Typen zusammen, die ich wirklich geliebt habe, aber ich bin mit denen nicht verheiratet. Und jetzt bin ich mit jemand anderem zusammen, den ich gut leiden kann. Woher soll man also wissen, dass es für immer ist? Die Vorstellung, in regelmäßigen Abständen immer wieder glücklich zu sein, finde ich schon ganz hervorragend romantisch. Wie bei Frank Sinatras "Love's been good to me", da singt er, dass er sein gesamtes Leben verschiedene Mädchen hatte, dass er im Grunde immer allein war und doch immer wieder jemand kam. Es geht gar nicht um "the one and only".

Berliner Morgenpost: Das ist ziemlich unromantisch.

Sarah Kuttner: Nur wenn man Romantik definiert wie eine romantische Komödie. Die Frage ist, wie wichtig ist es, ob es immer die gleiche Person ist. Oder ob es nicht sehr schön ist, dass man sein Leben lang von der Liebe begleitet wird. Und für mich gilt: Wenn immer Liebe da ist, bin ich glücklich.

Berliner Morgenpost: Es gibt in dem Buch ja auch die Überlegung, dass man erst einmal zu sich selber finden müsste, bevor man mit dem Partner...

Sarah Kuttner: ...Sie machen so ein seltsames Gesicht....

Berliner Morgenpost: ...ich halte die These für Quark. Wenn es danach ginge, wären wir fast alle Singles.

Sarah Kuttner: Beratungsbücher wie "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest" sind natürlich Unsinn. Aber in Krisensituationen ist da was dran. Eine Freundin ist Freiberuflerin und hatte eine zeitlang keinen Job und wurde mufflig und sehr empfindlich. Und in der Zeit funktionierte ihre Beziehung nicht, weil sie sie sich so doof fand.

Berliner Morgenpost: Im Buch findet Luise ihren Flo auch irgendwann doof, sie trennt sich von ihm und nach einer Auszeit will er auf einmal nichts mehr von ihr wissen. Was ja schon herzlos ist: Er meldet sich einfach nicht bei ihr.

Sarah Kuttner: Das finde ich wiederum nicht. Sie hat eine Entscheidung getroffen, er noch nicht. Was ich ihm übel nehme, ist, dass er sich final per Mail meldet und sie nicht anruft. Ich finde, dieses Thema ist so groß, dass man sich darüber unterhalten muss.

Berliner Morgenpost: So ist es. Ihren Büchern ist gemeinsam, dass die Stimmungen der Erzählerinnen in starken Schwankungen auf und ab gehen.

Sarah Kuttner: Alles andere wäre langweilig. Für alle Ausschläge nach unten, bekommt man diese hysterischen Ausschläge nach oben.

Berliner Morgenpost: Eine buddhistische Gleichung.

Sarah Kuttner: Ich weiß auch nicht, ob sie aufgeht. Aber in meinem Leben gab es für jedes low auch wieder ein richtig irres high. Wenn alles so mittel wäre, hätte ich immer so gleich guten Sex, eine gleich gute Beziehung, ich wäre nicht mehr sonderlich aufgeregt, alles läuft so vor sich hin.

Berliner Morgenpost: Kann auch mal ganz schön sein.

Sarah Kuttner: Jedes Mal, wenn ich ganz unten bin, denke ich mir das auch.

Berliner Morgenpost: Ich finde dieses Wort dämlich, aber mir fällt auch nichts Gescheiteres ein: Ihr Buch ist schon ein Generationenroman, oder?

Sarah Kuttner: Ich tue mich auch schwer mit diesem Begriff, weil eine Generation x-Millionen Menschen umfasst. Augenscheinlich habe ich einen Nerv getroffen, was für sich keine Leistung ist. Denn es heißt nichts anderes, als dass man total Naheliegendes einmal aufschreibt. Es gehört also nicht soviel dazu, ein Generationenroman zu verfassen.

Berliner Morgenpost: Wenn Kritik kommt, dann mit dem Unterton: Mädchen, was ist dein Problem?

Sarah Kuttner: Und diese Kritik finde ich wirklich fehlgeleitet. Ich behaupte auch nicht, dass die Probleme meiner Romanfiguren die schlimmsten der Welt sind. Das war aber auch nicht mein Auftrag. Ich benenne die durchschnittlichen Probleme durchschnittlicher Menschen um die Dreißig. Und auch die haben ihre Berechtigung.

Berliner Morgenpost: Luise ist selber bewusst, dass sie zufriedener mit ihrem Leben sein sollte.

Sarah Kuttner: Ihr geht es eigentlich gut, sie hat nur das Gefühl, dass ständig an ihr gezerrt wird und alle sagen: "Du nutzt dein Leben nicht genug. Du musst mehr aus dir machen."

Berliner Morgenpost: Luise fragt sich: "Ist jemand, der im Restaurant immer das gleiche bestellt, ein ignoranter Arsch oder jemand, der weiß, was ihm schmeckt?" Was ist Ihre Antwort?

Sarah Kuttner: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich denke total hippiemäßig, dass jeder seinen eigenen Bedürfnissen folgen sollte. Und wenn einen Kasseler wirklich und immer wieder glücklich macht, dann ist das doch toll, egal ob die Anderen sich durch exotische Speisekarten fressen.