Kunstsache

Der Künstler als Schamane und Heiler

Vor einer Weile besuchte ich die Ausstellung von Laura Horelli in der Galerie Barbara Weiss und blieb viel länger, als ich gedacht hätte. Die finnische Künstlerin hat ihre Geschichte so geschickt erzählt, dass ich wie angenagelt da saß.

Als kleines Mädchen lebte Horelli vier Jahre mit ihrer Familie in Nairobi. In ihrem Film "The Terrace" blickt man nun auf die Hände der Künstlerin, während sie durch die alten Familienfotos blättert. Dazu erklärt ihre Stimme aus dem Off, was auf den Bildern zu sehen ist. Diese private Dia-Show wäre sicher weniger spannend, wenn die Fotos nicht so einen wunderbaren Siebzigerjahre-Retro-Charme hätten. Die Mutter der Künstlerin hat sie aufgenommen, eine Ernährungswissenschaftlerin. Wenige Jahre später starb sie an Krebs. In einem zweiten Werk Horellis wird sie noch einmal lebendig: "Haukka-Pala" ist ein Mitschnitt aus einer Kindersendung des finnischen Staatsfernsehens, in der Horellis Mutter einem Stoffhund mit ulkiger Fellmütze Ernährungstipps gibt. Während der Film läuft, hört man über Kopfhörer die Stimme der Künstlerin, die das Verhalten der Mutter kommentiert und die TV-Aufnahme mit ihrer eigenen Erfahrungen als Tochter abgleicht. Laura Horellis Kunstwelt möchte man sich nicht entziehen.

Bis 7. Januar (Winterpause vom 24.12. bis 2.1.), Kohlfurter Straße 41/43, Kreuzberg

AA Bronson ist bekanntermaßen ein Geschichtenerzähler mit AAA-Status. Er hat sich über die Jahre seinen eigenen Legendenmantel ersponnen. Der Kanadier ist das letzte Mitglied der Künstlergruppe General Idea, nachdem seine beiden Freunde Felix Partz und Jorge Zontal Mitte der Neunziger an Aids starben. AA Bronson ist nicht nur Künstler, sondern auch Schamane, ein Heiler. Spezialität: Anusmassage. Seine Ausstellung bei Esther Schipper hat er mit ein paar Anhängern in einer spirituellen Nachtsitzung geweiht, in der die "queer spirits" des Ortes beschworen wurden. Es ist durchaus lustig, sich durch den übersexualisierten Raum zu bewegen, den der Künstler hinterlassen hat. An den Wänden lehnen Besen-, Axt- und alle möglichen anderen Stiele als stumme Repräsentanten der beschworenen Geister. Auf einer Picknickdecke sind die Relikte des nächtlichen Rituals angeordnet: Tarotkarten, Whiskeyflaschen, Schokobonbons. Interessante Details, die leicht von leiseren, aber auch sehr schönen Arbeiten ablenken. Vom Abdruckbild des eigenen Künstlerkörpers ("Red Shroud") etwa, das an Yves Kleins "Anthropometrien" aus den fünfziger Jahren erinnert. Klein druckte allerdings mit weiblichen Aktmodellen, die Bilder waren blau. AA Bronsons Bild ist rot. Und um mit Loriot zu sprechen: Ja, er hat eindeutig ein Zipfelchen.

Noch bis 17. Dezember, Schöneberger Ufer 65, Schöneberg

Bjarne Melgaard besucht gern die schwarzen Winkel der menschlichen Seele. Die Bilder des Norwegers sind oft gemalte Provokationen. Monster mit Kapuzengesichtern können jederzeit darin auftauchen neben Verweisen auf Satanimus und "Snuff Movies" - gefilmte Morde. In seiner Ausstellung "The Night Within Us!" in der Galerie Guido W. Baudach fügt Melgaard der düsteren Erzählung ein neues Kapitel hinzu: Riesige weinende Fratzen, mit dem Pinsel auf die Leinwand gehauen wie im Wutanfall und mit Worten bekritzelt: "Ich hasse die Menschen" oder "Lügen, Lügen, Lügen". Schweinchenrosa und Milkalila sind die dominierenden Farben dieser Werke. Das ganze ist wie immer bei Melgaard von einer so wohlkomponierten Scheußlichkeit, dass man einfach nur beeindruckt ist.

Bis 14. Januar (Winterpause vom 24.12 bis 2.1.), Carmerstraße 11, Charlottenburg

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien