Kriegenburg

Der Dichter erklimmt den Wörterberg

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Einer der schönsten Aufsätze von Heinrich von Kleist ist der über das Marionettentheater. Darin geht es um den (verriegelten) Zugang zum Paradies. Und einen Cherub. Einer dieser Engel, die bei Kleist häufiger auftauchen. Auch im "Käthchen von Heilbronn". Da rettet der Cherub das Mädchen aus den Flammen und öffnet ihr gewissermaßen den Weg ins Paradies.

Kleist bezeichnete sein Stück als "großes historisches Ritterschauspiel" - und trug damit dick auf. Ein Diktat der Zeit: Ritterliches war um 1800 angesagt in der Literatur und auf der Bühne - Kleist wollte mit seinem Schauspiel diese Mode bedienen, um endlich erfolgreich zu sein.

Das ist ihm in seinem kurzen, vor 200 Jahren durch Selbstmord beendeten Leben nicht gelungen. In Andreas Kriegenburgs "Käthchen"-Inszenierung, die am Donnerstag am Deutschen Theater Premiere hatte, steht der Dichter auf der Bühne. Kriegenburg zitiert aus Tagebüchern und Briefen; ein Running Gag ist die Aufforderung Kleists an seine Schwester: "Liebe Ulrike, bitte schicke Geld!" Daneben lässt der Regisseur das "Käthchen" auf der Bühne entstehen und die frisch verfassten Szenen gleich spielen. Gern mit Puppen oder Marionetten (siehe oben). Ein charmanter Ansatz, möglicherweise entsprungen aus der Erkenntnis, dass dieses Stück, das mit bedingungsloser Liebe und hündischer Ergebenheit, Engelserscheinungen, Eifersucht und mancherlei Budenzauber aufwartet, heute ohne Mut zu viel Gefühl kaum aufführbar ist.

Kriegenburg verzichtet auf feste Rollenzuordnungen: Die sechs Schauspieler (Elias Arens, Barbara Heynen, Judith Hofmann, Alexander Khuon, Markwart Müller-Elmau und Jörg Pose) übernehmen mal eine, dann eine andere Figur und sind nebenbei alle auch Heinrich von Kleist. Kriegenburg hat für seine Inszenierung ein spektakuläres Bühnenbild entworfen: die Schreibstube des Dichters. An den Pulten sitzen lauter blassgeschminkte Kleists in knielangen Hosen (Kostüme: Andrea Schraad) mit weißen Federkielen, die später als Blitze dienen und die züngelnden Flammen der brennenden Burg symbolisieren. Die Wände sind übersät mit Manuskriptseiten, gelegentlich erklimmt der Dichter den Wörterberg.

Im Laufe des über dreistündigen Abends aber erweist sich das Konzept als Korsett. Der Weg zu den Dramen Kleists - eine Erkenntnis der zahlreichen Inszenierungen dieses Gedenkjahres - scheint verriegelt. Auch der Weg hinten herum, den Kriegenburg beschreitet, führt nicht ins Paradies.

Deutsches Theater , Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 284 41 225. Termine: 20. und 26. Dezember; 3. Januar