Ron Galella

Der anständige Paparazzo

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Er nennt sie liebevoll seine Mona Lisa. Ron Galella entdeckte Jacqueline Kennedy Onassis zufällig nach einem Fotoshooting mit einem Model im New Yorker Central Park. Er stieg in ein Taxi, der Fahrer drückte die Hupe, sie drehte sich um. Klick.

Da Vinci hat Jahre gebraucht, um sein Porträt zu verfertigen, für Galella reichte der Bruchteil einer Sekunde. Mitten in der Bewegung schaut die einstige First Lady direkt in das Auge des Betrachters. Der Anflug eines Lächelns ziert ihr Gesicht, die Haare, vom Wind mädchenhaft zerzaust, verdecken es.

Ron Galella gilt heute als Pionier der Paparazzi, einer von jenen, die für ein Bild jedes Hindernis zu überwinden wussten, um die eigene und die Neugier der Gesellschaft zu befriedigen. Anfang der 30er-Jahre in der Bronx geboren, zieht Gallela nach seinem Militärdienst nach Los Angeles. Er beginnt eine Ausbildung zum Fotojournalisten. Auf Filmpremieren knipst er Schauspieler, verkauft seine Fotografien an Boulevardblätter.

Der neue Starkult

Ende der 60er, Anfang der 70er entwickelt sich ein neuer Starkult. New York und Hollywood glitzern und glänzen wie eh und je. In ihren Smokings, den aufreizenden Abendkleidern, den Ausgehkostümierungen leiten Schauspieler, Musiker, Künstler und alle, die Geld haben, einen neuen Barock ein. Sie tanzen spät nachts im Studio 54, trinken Champagner und Cocktails mit Oliven. So prunkvoll kann es noch nicht einmal im Himmel zu gehen. Der amerikanische Traum sagt: Der Himmel ist hier und jetzt, man muss nur nach ihm greifen. Die, die es nicht können, wollen zumindest passiv teilhaben. Und das ist neu an diesem Starkult: Man schwärmt nicht mehr aus gebührender Distanz. Man verfolgt Stars wie Brigitte Bardot. Oder lässt andere es tun. Die Paparazzi sind die neuen Götterboten, die in Hochglanzmagazinen Paradiesisches berichten.

Wenn Felix Hoffmann, Kurator des C/O Berlin, durch die Räume führt, spricht er immer von Welten. Auf "die Welt des Adels" folgt die "Welt der Musik", die "Welt der Schauspieler". Das sind immer kleine Räume, vielleicht 50 Quadratmeter, die Decken sind gigantisch hoch. An den roten und weißen Wänden hängen dann Galellas Fotografien, unbeschriftet, man muss sich schon gut auskennen, um alle gezeigten identifizieren zu können. Für Gloria von Thurn und Taxis wurde ein eigenes Durchgangszimmer eingerichtet. Gloria im Kleid mit Zopf nach oben, Gloria im Kleid mit Stromfrisur, Gloria alleine, Gloria in Begleitung. Stolz erzählt Hoffmann, dass man die Gräfin erwarte zur feierlichen Eröffnung der Ausstellung.

Ohne von Galella vielleicht je gehört zu haben, wird ein jeder aber mindestens eines seiner Werke schon gesehen haben. Ob das Jackie Kennedy ist, Andy Warhol, der mit schneeweißem Haar dem Fotografen eine Kamera wie einen Spiegel entgegenhält, oder Mick Jagger, der den Mittelfinger der linken Hand ausstreckt und damit alles was zu sagen ist, in einer Geste unterbringt. Die Fotografien sind gleichzeitig Teilnahme und Beobachtung und zeigen das ambivalente Verhältnis zwischen Verfolger und Verfolgten.

Das lächelnde Zulassen steht direkt neben der drohenden Abwehrgeste, die im nächsten Moment zum Angriff ansetzt. Als Galella 1973 vor einem Restaurant in Chinatown ausharrte, um Marlon Brando zu fotografieren, schlug ihm dieser mit der Faust ins Gesicht. Der Paparazzo verlor fünf Zähne, sein Kiefer war gebrochen. Brando musste eine Geldstrafe zahlen. Jackie O. erwirkte einen richterlichen Beschluss gegen den Fotografen. Fortan durfte sich Galella ihr nicht mehr als 50 Meter nähern.

Die Geschichten von damals klingen wie lustige Lausbubenstreiche. Der Faustschlag, die verlorenen Zähne, das passiert bei Popeye, bei Asterix und Obelix, das tut ordentlich weh, aber am Ende sind das irgendwie die Regeln in diesem Geschäft. Irgendwann ist Schluss mit lustig, Galella wusste das. Wenn einer sagte: "Keine Fotos", hielt er sich daran. Davor verschoss er ganze Filme, er hatte aber stets Respekt vor seinen Modellen. Die heutige Paparazzi-Kultur hat damit wenig gemein. Nicht, dass das damals Ehrenmänner waren, so wie in Mafia-Filmen, die Regeln dieser kriminellen Vereinigungen romantisiert dargestellt werden. Zumindest aber war es unüblich, den Müll zu durchwühlen und Telefone abzuhören, nur um das beste Bild, die beste Story abzugreifen.

Die Gier der Leser

"News of the World" wurde dieses Jahr zum Sinnbild der schmutzigsten aller schmutzigen Boulevardzeitungen. Über 5800 Mailboxen wurden abgehört. Angehörige von Mordopfern, Prominente, Politiker, Schauspieler. Ein Schlüpferblitzer beim ungelenken Aussteigen bringt den Paparazzi ein Monatssalär. Die Gier der Leser ist Antrieb für die Gier der Fotografen. Am 31. August 1997 kracht ein Mercedes S 280 gegen einen Pariser Tunnelpfeiler. Die Insassen, der Fahrer Henri Paul, Diana, die Prinzessin von Wales und Dodi Al-Fayed starben durch den Unfall. Nur ein Leibwächter überlebte. Eine Horde von Fotografen verfolgte sie. Der Fahrer stand unter dem Einfluss von Medikamenten und soll getrunken haben, die Passagiere waren nicht angeschnallt. Das ist zwar unvorsichtig und dumm, aber eben nicht skrupellos.

So wie Galella die Gezeigten verärgert und gestört haben mag, seine Fotografien sind betont anders als die kunstlosen, obszönen Bilder von entblößten Schritten, verrutschenden Busen und verdrehten, betrunkenen Augen, die heute gern gesehen werden. Sie zeigen Menschen, die, obwohl sie im Mittelpunkt stehen, immer noch überrascht werden von dem Blitzen einer Kamera, sie zeigen echte Gesichter. Mal schüchtern, mal ärgerlich, aber immer so, wie sind, und nicht wie man es am liebsten hätte. Die Gezeigten haben keine Zeit, sich zu inszenieren, zu posen, der Fotograf bedankt sich dafür mit dem ehrlichsten Blick, den einer haben kann.

Galerie C/O Oranienburger Str. 35/36, Mitte. Täglich 11 - 20 Uhr.

"Als Galella 1973 vor einem Restaurant in Chinatown ausharrte, um Marlon Brando zu fotografieren, schlug ihm dieser mit der Faust ins Gesicht."