Bryan Ferry

Die Macken eines stilsicheren Mannes

Drei Dinge sollte Bryan Ferry nicht tun. Erstens: Songs von Bob Dylan und Neil Young covern. Zweitens: Frisch vom Konservatorium gecastete Musikerinnen trötige Oboen-Solos in Hotpants spielen lassen. Drittens: Songs covern, die nicht "Let's Stick Together" heißen.

Natürlich tut er das alles im prall überfüllten Admiralspalast, einer denkbar hübschen Kulisse für den großen Popkünstler, und es schmälert das Vergnügen ein wenig. Schließlich hat Bryan Ferry den Ruf des elegantesten und stilsichersten Bühnenperformers alter Edel-Glam-Schule zu verteidigen. Im nachtschwarzen Anzug, erst mit weißem, später schwarzem Hemd und schmaler Krawatte, mit gegen Ende des Abends hübsch aus der Fasson geratender Haartolle und seinen smarten, angedeuteten Tanzschritten, mit zwei äußerst gelenkigen, spärlich bekleideten Tänzerinnen, mit zwei äußerst unterschiedlichen, routinierten Gitarristen (Chris Spedding der eine, der andere unbekannt, aber wie Bobbie Gillespies Sohn aussehend) und mit Filmprojektionen, die einen zwar motivisch eher dümmlichen, aber farblich reizvollen Hintergrund bilden. Vor dem singt er. Seine leicht brüchige, spitz vibrierende, wie auf Seidensocken dahertrippelnde Stimme hat nichts von ihrer Schönheit verloren. Nur hat Bryan Ferry schon immer gern Songs anderer Leute interpretiert, was ihm überraschend selten gut gelingt. Tiefpunkt des Abends ist das wie von der MDR-Showband durchgenudelte "Like A Hurricane", dessen Refrain vier rabiate Backgroundsängerinnen röhren, als wären sie vier Vorstadt-Tina-Turners.

Aber - es geht auch anders. Wenn Bryan Ferry seine 80er-Jahre-Hits singt, stimmt plötzlich alles. "Don't Stop The Dance", "Oh Yeah", "Avalon", da scheint er ganz bei sich, dieser altmodische Mann, der H&M die charmanteste Werbekampagne des Winters beschert hat - auf den Plakaten umarmt ihn sein Sohn Tara (der aus dem Roxy-Music-Song) und beide sehen so authentisch aus, wie "Slave To Love" jetzt klingt. Während die besseren Songs aus Ferrys Soloalben mit denen der späten Roxy Music perfekt ineinanderfließen, umarmen sich auch die Mittvierziger-Pärchen im Publikum: Sie an ihn gelehnt, er die Arme um ihre Schultern verschränkt. Ein bisschen H&M-Welt ist das schon, auch wenn sie sich deutlich glamouröser wähnt. Es gilt als popkulturelles Allgemeingut, dass die frühen kunstschulgeprägten Roxy Music cool und epochal, die späten Roxy Music (ohne Brian Eno) bloß noch hübsch waren. Was nicht ganz falsch, aber auch ungerecht ist. "Oh Yeah" zum Beispiel trägt alles in sich, was die Nach-New-Wave-Ästhetik der Achtzigerjahre definiert. 1980 war es der große Comeback-Hit für Bryan Ferrys Roxy Music und beendete die schreckliche Phase schrecklicher Soloalben mit schrecklichen Coverversionen (siehe oben).

Leider spielt Bryan Ferry auch in Berlin zu viele Dylan-Songs (nämlich zwei). Aber als man schon glaubt, in die verregnete Nacht entlassen zu werden, überrascht der breit und weiß lächelnde Mann mit zwei Stücken, die überhaupt nicht ins Fazit (soll nur noch 80er-Hits spielen) passen: Erst spielt er eine mitreißende Version von "Editions Of You" (1973), anschließend "Let's Stick Together" (1976), den unverwüstlichen Stomper, die einzige seiner Coverversionen, die rundum funktioniert. Das versöhnt. Er hat die 70er nicht weniger geprägt als die 80er. Kennen Sie einen anderen Künstler, von dem man das behaupten darf?