Galerie oqbo

Schenkt uns Facebook neue Liebe oder macht es uns zu Sklaven?

| Lesedauer: 3 Minuten
Frédéric Schwilden

Es sei ja schon ein großer Schritt gewesen, dass die FAZ den Sourcecode des Bundestrojaners abgedruckt hat, sagt einer im grauen Mantel mit wenig Haaren zu seiner dunkelhäutigen Begleiterin, die ihn fast um einen Kopf überragt.

"Hmm", antwortet sie. "Klar ist der CCC total subversiv", legt er gleich nach, aber, es könne ja nicht angehen, das die Deutschen nicht lesen können. Er meint damit die Unfähigkeit der meisten den Sourcecode, also die in einer Programmiersprache verfassten Zeilen, die ein Programm zum laufen bringen, zu durchdringen. Beide stehen vor der Tür der Galerie oqbo im Wedding. Drinnen stehen Klapp-Stühle, Modell Jeff, der Philosoph Peter Trawny und der Autor Alexander Pschera diskutieren heute Abend die Frage "Sind die sozialen Medien also revolutionär oder reaktionär?".

Wie sich das für sehr gescheite Menschen gehört, trinken die beiden beim Lesen und Reden Rotwein. Trawny schaut, während er den Abend erklärend beginnt, die ganze Zeit auf den Boden, als suche er dort nach den richtigen Worten. "Es soll kein reiner Dialog zwischen uns beiden werden, er soll flammenartig auf sie übergehen", sagt er mit ernster Begeisterung.

Trawny hat den Essay "Medium und Revolution" verfasst, eine dünne Fibel, in der er, sehr vereinfacht zusammengefasst, behauptet, die Medien sicherten den Status Quo, es ginge keine revolutionäre Kraft von ihnen aus, die sozialen Medien seien reaktionär. Das Kapital sei das größte Medium, und durch die Illusion von grenzenloser Verfügbarkeit, würden sozio-ökonomische Unterschiede verschleiert. Das heißt, weil jeder auf "Gefällt mir!" drückt und googelt, entstehe die Illusion von Gleichheit, egal ob Hartz-IV-Empfänger oder Großunternehmer. Trawny spricht von einer Sklavenhaltergesellschaft, die durch Medien organisiert wird, die grundsätzlich affirmativ sind. Es gibt eben keinen "Gefällt mir nicht!"-Button.

Nachdem Trawny seine Ausführungen beendet, schaut er Pschera fragend an. Dieser liest das Kapitel "Mode und Moderne" aus seiner Apologie "800 Millionen Menschen". 800 Millionen Menschen, so viele Nutzer soll Facebook zurzeit haben. Während Pschera liest, schaut Trawny ziemlich intellektuell an die Decke, Daumen und Zeigefinger streichen die Oberlippe. Manchmal notiert etwas, dann fordert er ein neues Glas Wein.

In seiner Verteidigungsschrift vertritt Pschera die Auffassung, die sozialen Medien brächten bei einigen ihrer Nutzer ganz neue, originelle und kreative Züge ans Licht. Die Unmittelbarkeit, das vermeintliche Ich-Sein, vor dem Computer ist ja nur der Nutzer und nicht die, die ein Posting dann lesen, evoziere eine neue Form von Poesie und Liebe. Liebe in Form von Agape, nicht von Eros. Das heißt Liebe als gemeinschaftliche Wertschätzung. . Vereinfacht, wer sich nicht beobachtet fühlt, traut sich mehr, sowohl in der Selbstdarstellung, als auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Einig werden sich die beiden nicht, sie reden eigentlich gar nicht miteinander, sondern nebeneinander. Am Ende sitzen sie in einer Kneipe am Zionskirchplatz und trinken jeder ein kleines Weißbier. Trawny bestellt eine Brezel und teilt sie mit Pscherer.