The Smiths

Gemeinsam einsam

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Arne Willander

Wer das zweifelhafte Glück hatte, in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts jung gewesen zu sein und manchmal Popmusik zu hören, der ist diesen Liedern irgendwann begegnet. Nachgeborene vernahmen immerhin noch den Nachhall von "Bigmouth Strikes Again", "Meat Is Murder", "How Soon Is Now?", "What Difference Does It Make?", "Girlfriend In A Coma": hier ein Roman von Douglas Coupland, dort ein Song von Oasis. Die Smiths sind niemals dabei, wenn eine "Chart-Show" an "die Achtziger" erinnert.

Und doch waren Stephen Morrissey, Johnny Marr, Andy Rourke und Mike Joyce Zeitgenossen von Michael Jackson, Madonna und Duran Duran. Wenn diese definierten, wie ihre Zeit aussah, dann schrieben die Smiths ihre Songs für ein immer schon patiniertes Kontinuum, ein Museum des Immergrünen, in dem die Gegenwart der 80er-Jahre überhaupt nicht vorkommt: Während sich die Kollegen bei "Live Aid" und anderen Benefiz-Spektakeln für die Dritte Welt, für Amnesty International und die Befreiung von Nelson Mandela engagierten, dachte Morrissey über die Zubereitung britischen Tees nach und Literaturzitate, die er in seine Texte einbauen konnte.

Alle Formen der Liebe

Stephen Morrissey war 24 Jahre alt, als 1983 die erste Single "Hand In Glove" erschien - die Smiths hatten das Stück zunächst der englischen Sängerin Sandie Shaw, einem Idol der 60er-Jahre, geschenkt. Morrissey war ein unglücklicher Jugendlicher in Manchester, er hörte die New York Dolls und tröstete sich mit Leserbriefen an die Pop-Wochenzeitung "New Musical Express" - die Redakteure druckten gern seine eloquenten Invektiven. Der romantische Jüngling lebte angeblich keusch, drückte sich bei Konzerten herum und las John Keats, Oscar Wilde, William Butler Yeats. Punk kam und ging; die Gruppen hießen jetzt ABC, Dexy's Midnight Runners, Aztec Camera, A Flock Of Seagulls, Orange Juice. Ob "New Romantics", "Retro-Soul" oder "Synth-Pop": Die Smiths waren nirgendwo dabei, kein Synthesizer, kein Saxophon störte ihre puristischen Songs. Und deshalb wirken die Lieder heute nicht wie Relikte, sondern wie vom Himmel gefallen.

Morrisseys Glück war ein junger Mann, der die Rickenbacker-Gitarre spielte wie sonst niemand in Manchester und auch noch Melodien schreiben konnte: Johnny Marr wurde sein Partner. Dem Genie Marrs, seiner unbekümmerten Produktivität ist es zu danken, dass die Smiths alle paar Monate wunderbare Singles veröffentlichten, stets mit ikonographischen Cover-Motiven aus Morrisseys Universum: Er liebte James Dean, Elvis Presley, Alain Delon, das britische Kino der 60er-Jahre, das Theaterstück "A Taste Of Honey" von Shelagh Delaney, Lederjacken-Rocker mit Motorrädern. Morrissey zehrte vom glorreichen Britannien seiner Kindheit, der Zeit nach "Britain's finest hour", dem Zweiten Weltkrieg; seine Empathie galt den radikalen Ästhetizisten und gesellschaftlich Geächteten.

Nach ersten Singles erschien 1984 das Debüt-Album "The Smiths". Morrissey beleuchtet in seinen Songs alle Formen der Liebe: die romantische, die altruistische, die egoistische, die physische, die obsessive, die unerwiderte. "Miserable Lie", "I Don't Owe You Anything" heißen die Stücke - nichts klang damals wie diese Musik: Johnny Marrs Gitarrenspiel hatte man bei den Byrds gehört, einer amerikanischen Band der 60er-Jahre, es drängelte und jubilierte und wiegte in den ewigen Schlaf von "Suffer Little Children", dem Lied von den toten Kindern, die im Moor versenkt wurden: "Dig a shallow grave and I lay me down .."

Morrissey könnte Royalist sein, aber er hasst das Königshaus so sehr, wie er die nordenglische Hausfrau und den gemeinen stilbewussten Proletarier liebt. Kaum hatte man sich an die Smiths gewöhnt, da verabschiedeten sie sich im Herbst 1987 mit "Strangeways, Here We Come", einem schmerzlich schönen Schwanengesang: In "Last Night I Dreamed That Somebody Loved Me" zerhackt der Sänger mit dissonanten Klavierkadenzen seinen linden Traum, "I Won't Share You" ist eines der schlichtesten und schönsten Liebeslieder, und in "Paint A Vulgar Picture" nimmt Morrissey das Schicksal der Smiths als Untote der Plattenindustrie vorweg: Sie würden von nun an Manövriermasse in stets neuen Verpackungen sein.

Zum Scheitern verurteilt

Mit der Vermarktung einher geht die kultische Verehrung nicht nur bei den Zeitgenossen, sondern auch bei der nächsten und übernächsten Generation von Musikhörern und Musikern: Der amerikanische Songschreiber Ryan Adams etwa beginnt sein erstes Solo-Album mit einer Diskussion über Morrissey. Die Singles der Band wurden vor drei Jahren als nachgebildete Vinyl-Artefakte noch einmal aufgelegt. Während Morrissey diese Praxis selbstverständlich verabscheut und nichts mehr von der Band hören mag (aber manches alte Lied singt), hat Johnny Marr nun neue Remaster-Versionen der Alben angefertigt. Die vier Studio-Alben plus drei Compilations mit Singles und B-Seiten und eine Live-Platte gibt es als Replikate der ursprünglichen Editionen - als CD sehr viel günstiger denn als Vinyl. Aber bei den Schallplatten kann man die Songtexte auf den Hüllen lesen, wie es sich gehört.

Morrissey kennt da keine Toleranz. Nachdem er zu Beginn der 90er-Jahre das Boxen und den Hooliganismus umarmt, sich in missverständlichen Äußerungen über den Verfall Britanniens und den schädlichen Einfluss von Ausländern beklagt und England schließlich verlassen hatte, um ausgerechnet in Los Angeles fern der Menschen zu schmollen, erlebte er nach 2004 eine sehr produktive und erfolgreiche Phase, in der er faule Ehefrauen, Amerika und Pop-Sänger anprangerte. Heute ist Morrissey ein eifernder Meckerkopf, der den Menschen ihre Würstchen nehmen will. Damals hoffte er, dass mit mehr Bildung mehr Würde käme, mehr Liebe und Geschmack. Aber im Grunde seines Herzens wusste Morrissey immer, dass er zum Scheitern verurteilt war: "Life is very long when you're lonely."