Musik

Paul Simon: Dünnhäutig, selbstmitleidig, kreativ

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Michael Pilz

Bob Dylan würdigen die Biografen mit dickleibigen Büchern über Werk und Leben. Um Paul Simon kümmern sich gelegentlich verständnisvolle Biografinnen. Aus diesem Missverhältnis schöpft Marc Eliot nun 300 Seiten zu Paul Simons Werdegang.

Zu einem Mann ohne Geheimnisse, aber mit Narben auf der Seele. Deshalb handelt das Buch auch von Bob Dylan, "der zugleich Pauls Idol und übergroßer Schatten war", wie Eliot weiß. Während sich Dylan als Wunderkind des Folk im Greenwich Village feiern ließ, irrte Simon wie ein Zaungast durch die Szene. Beide waren Juden aus der Mittelschicht, sie führten erdige Künstlernamen. Simon trat als Jerry Landis auf und schrieb als Antwort auf "The Times They Are A-Changin'" seine "Sounds Of Silence", einen Nachruf auf den Aufbruchsgeist, den John F. Kennedy mit in den Tod nahm. Aber auch Paul Simons Hymne wurde unter Folkfreunden gering geschätzt. Selbst Eliot schreibt, der Song habe im Ohr geklebt "wie ein Werbejingle für Kaugummi".

Geschildert wird ein kleinwüchsiger, dünnhäutiger Musiker. Bei einer Schulaufführung von "Alice im Wunderland" traf er auf Art Garfunkel, der die Grinsekatze spielen durfte, während Simon das Kaninchen zu verkörpern hatte. Danach traten sie als Tom & Jerry auf. "Zwei Comicfiguren" (Eliot), die im Satzgesang des DooWop festhingen, bis sie vom Pop der Sechziger erlöst wurden. Simon pflegte keine Künstlerfreundschaft, sondern seine Konkurrenzgefühle und Komplexe. In den Sechzigern gönnte sich Art Garfunkel eine Spielfilmrolle in "Catch 22", Paul Simon fühlte sich zurück gesetzt. Er schrieb "The Boxer" über sich als Prügelknaben, er verfiel in Depressionen. Simon & Garfunkel liefen auseinander und vereinigten sie regelmäßig wieder zu ihrer verheerenden Symbiose. Bedrängt vom Rock der Jüngeren, von Sängern wie Bruce Springsteen, kämpfte Simon mit schöpferischen Krisen. Er entwickelte ein pathologisches Verhältnis zu Vermögenswerten. Dylan wurde in den 80ern zum Sänger für ergrauende Babyboomer. Für Simon lag die Rettung in Südafrika. Durch Zufall stieß er auf den Afropop und nahm das wegweisende Album "Graceland" auf. Plötzlich war er wieder wer. 1999 sang er sogar "Sounds Of Silence" mit Bob Dylan im Duett. Wer von Paul Simon spricht, darf über Dylan nicht schweigen.

Marc Eliot: Paul Simon Edel, 318 Seiten, 24,95 Euro