Sherlock Holmes

Ein Mann für die Ewigkeit

| Lesedauer: 6 Minuten
Elmar Krekeler

Was hat der arme, dünne Mann nicht alles über sich ergehen lassen müssen, seit er tot ist.

Er ist therapiert worden, musste Jack the Ripper treffen und auch Queen Victoria, durch eine Entziehungskur wurde er geschickt, um ihn von der Nadel weg zu bringen, ins Kino ist er gekommen, wo er zu seiner eigenen Überraschung just gerade aussieht wie Robert Downey Jr., als er jüngst ins Fernsehen kam, trug er drei Nikotinpflaster, statt Pfeife zu rauchen, dachte mit Mikroprozessoren um die Wette und schrieb Mails schneller als sein Schatten. Man gönnt ihm keine Ruhe - Sherlock Holmes, Consulting Detective, wohnhaft Baker Street 221b wird weiter gebraucht. Als Auflagen- und Quotenbringer, als Erinnerung an die Pionierzeit des Kriminalromans und Fluchtpunkt in eine wohlig schauernde Zeit, als Gothic noch Alltag war, der Nebel noch über London hing und alles noch langsamer ging und man mit nichts als einem einzigen brillanten Kopf und perfekter Beobachtungsgabe komplexe Kriminalfälle lösen konnte.

Was noch fehlte bisher, nach all den illegitimen postumen Abenteuern, war ein sozusagen autorisierter Fall, genehmigt durch die Sir Arthur Conan Doyle Literary Estate. Die suchte nach einem passenden Doyle-Erben. Und gab schließlich Anthony Horowitz die Lizenz zum Holmsen. Horowitz ist auf der Insel weltberühmt. Ein Bestsellerautor , berühmt geworden mit seiner auch in Deutschland bestsellenden Jugendthrillerreihe um den pubertierenden Spion Alex Rider, Drehbuchautor (für "Inspector Barnaby" zum Beispiel) und einer, der von sich behauptet, Sherlock Holmes literarisch sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Horowitz ließ sich freie Hand geben fürs Schreiben und las schnell die Holmes-Gesamtausgabe durch. Um seinen Baukasten der in einem Holmes-Roman unabdingbaren Holmsiana zu perfektionieren und Schreib- und Querverweisfehler auszuschließen. War ja kein ungefährliches Unternehmen. Der Club der Sherlock-Freunde versteht, was Fehler angeht, ähnlich wenig Spaß wie der ewige Holmes-Antipode Professor Moriarty.

Der sensationellste Fall

Um möglichst elegant eine Brücke zum letzten, 1927 erschienenen Band mit Holmes-Erzählungen zu schlagen, kramte Horowitz für seinen ersten Holmes-Roman um "Das Geheimnis des weißen Bandes" einen alten, aber immer wieder funktionierenden Erzähltrick aus. Was wir von heute an lesen dürfen, ist ein ganz altes Manuskript. Hundert Jahre hat es nicht erscheinen dürfen, lag sorgfältig verwahrt in einem Safe. Watson, der Biograf und Spurenleser des großen Detektivs, hat es 1915 im Altersheim geschrieben, als Therapie gegen die Trauer um Holmes, der ihn lange schon verlassen hat. Es ist - darunter macht es Horowitz nicht - der sensationellste Fall, den Holmes jemals zu lösen hatte. Und wäre etwas davon zu seiner Zeit an die Öffentlichkeit gelangt, hätte es die ganze britische Gesellschaft zum Explodieren gebracht, schreibt Watson.

Es ist November, als Watson nach einer seiner durchaus nicht unüblichen längeren Vorrede den Vorhang vor dem "Geheimnis des weißen Bandes" hebt. Der Winter des Jahres 1890 hat London fest in seiner eisigen Faust. Es ist neblig. Man sieht die Hand nicht vor Augen. Holmes und Watson sitzen gemütlich bei Tee und Scones mit Veilchenhonig am Kamin. Der persische Pantoffel ist nicht weit, die Kokslösung nicht und auch nicht die Stradivari. Mrs. Hudson rumort irgendwo. Da steht ein nicht mehr ganz junger Mann im Raum. Carstairs heißt er, er fühlt sich von einem Mann verfolgt. Der Mann ist Kunsthändler, und der ihn verfolgt, sagt er, müsse ein gewisser Keelan O'Donaghue sein. Der ist der Überlebende der Bostoner Schiebermützenbande, an deren Zerschlagung Carstairs maßgeblich beteiligt war. Holmes schickt seine Kinderdetektive los, jene Bande aus halbwüchsigen Lumpenermittlern, die er die "Irregulären" nennt.

Ein interessanter Fall entwickelt sich. Holmes bleibt kühl. Bis einer seiner Irregulären gefunden wird. Gefoltert ist er worden, keinen einzigen heilen Knochen hat er mehr im toten Leib. Er trägt ein seidenes Band ums Handgelenk. Als er den kleinen Ross Dixon so sieht, sind zum ersten Mal die Grenzen der Contenance des Consulting Detective überschritten. Und wir wohnen seiner Menschwerdung bei, Horowitz verschafft Holmes, "so unmenschlich wie eine Rechenmaschine" (Conan Doyle), ein Herz. Und schickt ihn, mehr als jemals zuvor in seinem literarischen Leben in die Abgründe der Armen von London.

Ansonsten ist geradezu penibel, aber niemals steril, sehr sorgfältig und enorm spannend alles, wie es sein soll. Horowitz hält sich - von einer sehr modernen Tempoverschärfung am Ende mit einem geradezu schwindelerregenden Wagenrennen - perfekt an den guten Ratschlag seiner Kollegin Dorothy Leigh Sayers. Die meinte nämlich mal, dass eine Holmes-Geschichte geschrieben werden müsse, wie man ein Cricket Match bei den Lords auf dem Land spielt: weihevoll, der leiseste Hauch von Extravaganz und Burleske würde die Atmosphäre ruinieren.

Und alle sind sie dabei, die dabei sein müssen. Holmes' Bruder Mycroft (der sich zum ersten Mal in der Literaturgeschichte sich die 17 Stufen zu Sherlocks Wohnung hochbemüht), Inspektor Lestrade, Moriarty. Es gibt spukige alte Frauen, Wahrsager, Spiegelkabinette, eine Opiumhöhle und die Entdeckung einer ekelerregenden Parallelwelt, die sich die höheren Kreise aus Politik, Polizei und Adel mit viel Plüsch und frischem Menschenfleisch eingerichtet haben.

Könnte man sich gewöhnen an die Horowitzsche Vereinigungsliteratur aus Dickens und Doyle. Könnte so in Serie gehen. Sozusagen als Gegengift gegen die wunderbare Computer-Holmes-Version der BBC mit Benedict Cumberbatch. Vielleicht liegen ja doch noch ein paar vergessene Manuskripte von Watson irgendwo in einem Safe. Anthony Horowitz steht als Urheber allerdings nicht mehr zur Verfügung. Mal schauen, auch Conan Doyle ist ja schon mal wortbrüchig geworden. Der schrieb 1893 "Holmes getötet" in sein Tagebuch und dass, wenn er nicht Sherlock getötet hätte, Sherlock mit Sicherheit ihn getötet hätte. Das hat ja bekanntermaßen nicht sehr lange vorgehalten. Sherlock löste noch 30 Fälle nach seinem angeblichen Tod in den Reichenbachfällen.

Anthony Horowitz: Das Geheimnis des weißen Bandes. A. d. Engl. v. Lutz-W. Wolff. Insel, 360 Seiten, 19,90 Euro