Mailänder Opern-Saison

Ein laues Mozart-Lüftchen

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Manuel Brug

Mag auch Italien an seiner Schuldenlast untergehen, an der Mailänder Scala werden sie bis zuletzt singen und tanzen. Sie ist und bleibt das berühmteste Opernhaus der Welt. Mag auch hier längst nicht alles im Repertoire glänzen, keine Premiere ist global glamouröser als die Saisoneröffnung am 7. Dezember, bei der die Karten bis zu 2400 Euro kosten.

Über 2000 Zuschauer saßen im mit zehn Kameras und 60 Mikrofonen aufgerüsteten Saal, eine weitere Million war per Fernsehen und Kino-Liveübertragung zugeschaltet. Den größten Applaus gab es bereits am Anfang, als Italiens alter Staatspräsident Giorgio Napolitano und der neue Premierminister Mario Monti in der jetzt vergleichsweise sparsam mit Blumen geschmückten Mittelloge Platz nahmen.

Ausgeliehene Inszenierung

"Don Giovanni" als Eröffnungsoper war vergleichsweise spät angesetzt worden. Eigentlich wollte der inzwischen auch offizielle Scala-Musikchef Daniel Barenboim mit Anna Netrebko "Lucia di Lammermoor" herausbringen. Doch dann hat man an der Geburtsstätte des italienischen Romantikbelcanto offenbar doch Angst vor den selbst ernannten Loggione bekommen, den Claqueuren, die in der Scala im sechsten Rang sitzen und sich für positive Reaktionen gerne auch bezahlen lassen. Barenboim hat noch nie Donizetti dirigiert, die Netrebko ist vokal eigentlich über die Partie hinaus. So wurde auf Mozart umgesattelt.

"Don Giovanni" war in Mailand zwar erst vor fünf Jahren mit der Berliner Staatsoper in der steril-banalen Regie von Peter Mussbach koproduziert worden, doch Daniel Barenboim weigert sich inzwischen, die von ihm einst lähmend nachdirigierte Inszenierung noch einmal anzufassen - schließlich hatte er selbst kurz danach Mussbach aus Berlin vertrieben. Da Robert Carsens neue Produktion nächsten Sommer aber mit der Netrebko und dem Scala-Orchester anstelle der anvisierten "Lucia" in Berlin gastieren soll, aber nicht in das Umbauausweichquartier Schiller-Theater passt, leiht man sich jetzt aus Salzburg Claus Guths dort abgespielte Inszenierung aus - zusätzlich zu den drei "Don Giovannis", die an der Spree bereits vorhanden sind.

Bei der letzten Saisoneröffnung hatte Barenboim vor dem ersten "Walküre"-Takt noch einen noblen Appell gegen den Kulturabbau der alten Regierung in die Fernsehkameras gesprochen, jetzt wollte Carsen durchaus die szenische Abrechnung mit den mächtigen, aber dirty old men à la Silvio Berlusconi und Dominique Strauss-Kahn. Die schließlich immer noch im Hintergrund Strippen ziehen. Er ging sehr zahm vor. Wenn Peter Mattei, seit seinem Debüt in Aix-en-Provence vor 13 Jahren der Don Giovanni vom Dienst, zu den lastenden d-moll-Ouvertürentakten im Smoking durch den Mittelgang vorstürmt, über den Orchestergraben hechtet und den (falschen) Scala-Vorhang runterreißt, dann ist er zwar einer von uns, aber er bleibt ein eigentlich sympathischer Freigeist, er mutiert nie zum schmierigen Verführer und skrupellosen Manipulator.

Er ist nur ein Theaterzauberkünstler. Denn Carsen und sein Bühnenbildner Michael Levine spielen und schwelgen einmal mehr mit Kulissenmetaphern, zeigen die Szene als Welt, die Welt als Bühne. Im oftmals angehenden Saallicht reflektieren Riesenspiegel das luxuriöse Publikum, immer neue Vorhänge und Logen, ganze Versatzteilgassen sind nur flächige Fotoreproduktionen des prächtigen ScalaAuditoriums. Die Sänger agieren gern auch im Zuschauerraum. Doch keiner geht darin wirklich verloren, man spielt und spiegelt sich beständig was vor, verkleidet sich, ohne seine Identität zu wechseln. Am Ende sind sie trotz Brigitte Reiffenstuels zwischen rotsamten Rokokoroben für den Maskenball und schwarzer Abendgarderobe alternierenden Kostümen auf rollenden Kleiderständern alle dieselben geblieben. Selbst Giovanni, der mit dem von ihm ermordeten Komtur statt auf dem Friedhof aus der echten Präsidentenloge singendem Untoten konfrontiert wird, taucht nach seiner Höllenfahrt mit dem gesamten Theaterraum wieder auf. Er pafft lachend eine letzte Zigarette, während seine scheinbar triumphierenden Feinde in einer weiteren Versenkung verschwinden.

Man kratzt in einem sparsam möblierten Nicht-Raum ein wenig am Gesellschaftskitt, aber niemandem wird hier mit revolutionärem Deutungsfuror die Mozart-Maske vom Sängergesicht gerissen. Denn sonst kommt dieser "Don Giovanni" ganz konventionell daher, die Beziehungen zwischen Frauen, Verlobten, Bühnenarbeitern/Dienern und dem triebgesteuerten Edelmann bleiben - von Carsen sorgfältig nachgestellt - ganz so, wie sie schon Lorenzo da Ponte nach älteren Vorlagen im Jahre 1787 formuliert hat. Daran ändern auch ein offensichtlich mit Annas Zustimmung in ihren Bettlaken wühlender Don und ein nacktes Zofen-Zimmermädchen nichts.

Ganz im Gestrigen festgetackert

1973 hat Daniel Barenboim die Oper erstmals beim Edinburgh Festival dirigiert und aus solchen Zeiten scheint bis heute sein lähmend langsames, ja langweiliges Mozart-Verständnis zu rühren: Es ist ganz im Gestrigen festgetackert. Dieser "Don Giovanni" glich so einer eigentlich ungenießbaren Mischung aus altem Hausschuh und aufgekochtem Teebeutel: völlig formlos und muffig.

Am Start waren zudem vorwiegend Mozart-Veteranen. Neben der leicht schrillen Barbara Frittoli (Elvira) zauberte - fast zehn Jahre nach ihrem internationalen Salzburger Durchbruch - Anna Netrebko noch einmal mit dunklen Farben und schwerer gewordener, aber edler Donna-Anna-Koloratur. Peter Mattei Giovani und Bryn Terfels gustiöser Leporello sind ein bewährtes Comedy-Team, doch Funken versprühten sie nicht mehr. Kwangchul Youns Komtur beschränkte sich auf Bassroutine, Giuseppe Filanotis Ottavio blieb kleinstimmig und verzierungssteif. Nur die sopranzierliche Anna Prohaska und der sich so für Gewichtigeres empfehlende Stefan Kocán sorgten als Zerlina und Masetto in dieser insgesamt enttäuschenden Scala-Prima für mehr als nur laue Mozart-Lüftchen.