Wolfgang Langhoff

Ein Leben zwischen Kunst und Propaganda

Es gibt Tage, da kommt alles zusammen. Für Wolfgang Langhoff war der 18. Juli 1950 so ein ereignissattes Datum. An diesem Dienstag war der Intendant des Deutschen Theaters auf dem Kurfürstendamm vorübergehend festgenommen worden, weil er sich an einer Unterschriftensammlung zur Ächtung der Atombombe beteiligt hatte.

Auf dem Pressefoto blickt er spöttisch. Ein Reporter war dabei, schließlich war Langhoff ein prominenter Künstler und Kulturpolitiker der DDR. Einer, der wenige Jahre zuvor aus dem Schweizer Exil erst nach Düsseldorf zurückgekehrt und dann - er war bekennender Kommunist - nach Ost-Berlin gezogen war.

Aber selbst dort war sein Status brüchig: West-Emigranten beäugte die Partei kritischer als Moskau-Heimkehrer, sie unterstellte Langhoff Agententätigkeiten im Exil - es war mal wieder eine Zeit des Misstrauens, der Säuberungen. Am Vormittag dieses 18. Juli beschloss die Zentrale Parteikontrollkommission der SED, dass der Genosse Langhoff seine politischen Ämter verlieren sollte: seinen Sitz in der Volkskammer, im Bezirksvorstand der SED und im Präsidialrat des Kulturbundes. Und die Intendanz des Deutschen Theaters. Davon erfährt Langhoff ein paar Tage später, als er mit seiner Familie in den Sommerurlaub an die Ostsee fahren will. Die Partei setzt die Strafe zur Bewährung aus (so kann man Druck ausüben); den Posten des Intendanten darf er noch 13 Jahre behalten. Dann wird er abgesetzt. Und dabei regelrecht demontiert, wie Esther Slevogt in ihrer neuen Biographie über Wolfgang Langhoff schreibt. Ein Buch, das dieses Künstlerleben in dem an Irrungen und Wirrungen reichen 20. Jahrhundert spiegelt.

Haft im KZ Börgermoor

Wolfgang Langhoff (1901-1966) wird in Berlin geboren. Der modisch gekleidete, dazu ziemlich gut aussehende Langhoff kokettiert mit dem Dandytum, wandelt sich vom rechtsorientierten Freikorps-Soldaten (diese nicht ins ideologische Raster passende Episode wird später in der DDR geschönt) zum Kommunisten. Er ist Anfang der 30er Jahre als Schauspieler in Düsseldorf (Typ: Jugendlicher Liebhaber) engagiert, arbeitet aktiv in der KPD, für die er auch Agitprop-Theater inszeniert. Als die Nazis an die Macht kommen, wird Langhoff verhaftet und ins KZ Börgermoor (offizieller Name: Staatlich preußisches Konzentrationslager I) eingeliefert. Nach seiner Entlassung kann er mit seiner Frau Renate in die Schweiz emigrieren, dort erscheint 1935 sein KZ-Buch "Die Moorsoldaten" - eines der ersten Bücher, die über den Nazi-Terror in Deutschland berichten. Es wird ein Bestseller. Langhoff kommt am Züricher Schauspielhaus unter, wo viele in Deutschland Verfolgte arbeiten. In der Schweiz werden schließlich auch die Söhne Thomas und Matthias geboren. Beide treten später in die Fußstapfen des Vaters, Thomas arbeitet nicht nur erfolgreich als Schauspieler und Regisseur in der DDR, er wird nach der Wiedervereinigung sogar Intendant des Deutschen Theaters.

Der 18. Juli 1950 aber, der war für Wolfgang Langhoff noch lange nicht vorbei. Abends hat seine Inszenierung "Ein großer Verrat" am Deutschen Theater Premiere - wenige Tage vor Saisonende. Sie sorgt für einen Eklat. Der (West-)Kritiker Friedrich Luft schreibt darüber in der Neuen Zeitung: "Wenn dies nicht die böseste, radikale ideologische Kriegsvorbereitung ist, was dann?" Und weiter auf den Vorfall am Kudamm anspielend: "Intendant Langhoff geht am Nachmittag in die Westsektoren, um dort die Trojanische Friedenstaube mit arglosem Augenaufschlag zu verkaufen. Abends wird mit allem Aufwand, der in der Schumannstraße zur Verfügung steht, daheim Volksverhetzung betrieben." Für Luft ist mit dieser Inszenierung "der Zeitpunkt gekommen, da zu bedenken ist, ob die Entsendung ernsthafter Theaterkritik in die immer monotoner werdenden Schaustellungen kommunistischer Selbstbefriedigung im Osten unserer Stadt überhaupt noch angängig ist." In einer kleinen Ausstellung in der Akademie der Künste wird dieser Artikel präsentiert. Und auch die Antwort von Wolfgang Langhoff, der den Fehdehandschuh aufnimmt und Luft patzig mitteilt: "Ich hoffe, dass Sie sich (dazu) entschließen, unserer Bühne fernzubleiben."

Brecht riecht nicht gut

Der Kalte Krieg hat auch die Kunst im Griff. Der Westteil der Stadt hatte die sowjetische Blockade überstanden, es existierten bereits zwei deutsche Staaten. Kunst und Politik waren im Ostteil untrennbar miteinander verbunden.

Familie Langhoff wohnt in einer Gründerzeit-Villa am Weißen See, das Haus wird zum Künstler-Treffpunkt: Bertolt Brecht kommt regelmäßig vorbei. Mit dem Auto, aber in Arbeiterkleidung und Schiebermütze. Seine Laxheit in Fragen der Körperpflege liefert Thomas Langhoff ein Argument gegenüber seiner Mutter, wenn die ihren Sohn zum Wannenbad auffordert: "Du solltest mal den Herrn Brecht sehen!"

Dass Wolfgang Langhoff die Parteilinie am Deutschen Theater nicht wunschgemäß durchsetzt, wird ihm immer wieder zum Vorwurf gemacht. Für die Partei bleibt der überzeugte Kommunist ein unsicherer Kantonist. Als er zur feierlichen Wiedereröffnung des Deutschen Theaters nach dreijähriger Renovierungspause am 10. März 1962 ausgerechnet "Wilhelm Tell" auf die Bühne bringt, fühlen sich die Parteibonzen in ihrem Urteil bestätigt. Im Parkett sitzt die Politikerriege, die für den Bau der Mauer verantwortlich ist, einschließlich Walter Ulbricht. Und auf der Bühne wird der Rütlischwur gesprochen: "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, / in keiner Not uns trennen und Gefahr. / Wir wollen frei sein, wie die Väter waren / Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben."

Für Esther Slevogt war Langhoff in seiner großen Treue zu Staat und Partei so geblendet, das er die Brisanz nicht erkannte. Sohn Matthias resümiert: "Man kann sagen, er war eine führende Persönlichkeit. Aber es war ein Scheiß-Leben, das Leben dieser führenden Persönlichkeit."

Esther Slevogt: "Wolfgang Langhoff - ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 494 S., 26,99 Euro.

"Man kann sagen, er war eine führende Persönlichkeit. Aber es war ein Scheiß-Leben, das Leben dieser führenden Persönlichkeit."

Matthias Langhoff über seinen Vater Wolfgang