Interview mit Nanni Moretti

"Der Glaube hat mich verlassen"

Das Gespräch beginnt mit einer Irritation. Er möchte nicht geduzt werden, lässt Nanni Moretti den Dolmetscher wissen. Er solle ihn mit "Sie" ansprechen, denn er habe viele Persönlichkeiten. Und dann fügt der italienische Regisseur mit einem ironischen Grinsen hinzu: "Und alle sind negativ."

In seiner Papstkomödie "Habemus Papam" vor, die heute in den deutschen Kinos anläuft, ist Kardinal Melville (Michel Piccoli) zum neuen Papst gewählt worden, doch er fühlt sich von dieser Aufgabe überfordert und weigert sich, auf den berühmten Balkon am Petersdom zu treten und sich der Weltöffentlichkeit zu zeigen. Während der Vatikan nach Ausreden sucht, um das Nicht-Erscheinen des Papstes zu erklären, wird ein Psychotherapeut (Nanni Moretti) geholt, der den Papst von der Couch wieder auf die Beine bringen soll. Thomas Abeltshauser hat mit dem Regisseur gesprochen.

Berliner Morgenpost: In "Die Messe ist aus", mit dem Sie 1986 auf der Berlinale den Silbernen Bären gewonnen haben, spielen Sie einen jungen Priester, der mit den Problemen der Moderne hadert. In Ihrem neuen Film "Habemus Papam" flieht der neu gewählte Papst vor seiner Verantwortung. Was interessiert Sie an diesen Kirchenmännern, die mit Ihren Aufgaben hadern oder gar daran scheitern?

Nanni Moretti: Das frage ich mich auch. Aber die beiden Filme sind doch sehr unterschiedlich. In meinen Filmen geht es oft um Hauptfiguren, die etwas für andere tun, sei es ein Professor, ein Politiker, ein Psychoanalytiker oder jetzt eben ein Papst. Mich interessiert der Kontrast zwischen dem, was man sein wollte, sein sollte und dem, was dann im wirklichen Leben tatsächlich aus einem wird. Meine Beziehung zur katholischen Kirche ist ganz einfach: Es gibt keine.

Berliner Morgenpost: Sie haben als Linker oft die Verhältnisse in Italien kritisiert, auch in Ihren Filmen wie etwa der Berlusconi-Satire "Der Italiener". Viele haben deswegen eine schärfere Auseinandersetzung mit dem Papst erwartet. Warum ist Ihr Film so zahm geworden?

Nanni Moretti: Wenn ich ein Drehbuch schreibe oder einen Film vorbereite, denke ich nicht an ein bestimmtes Publikum, das den Film sehen wird. Ich will mir gar nicht anmaßen, ihren Geschmack zu kennen. Ich habe nur mich selbst vor Augen. Ich bin sozusagen der erste Zuschauer, und ich bin sehr anspruchsvoll. Wenn ich an das wahre Publikum gedacht hätte, wäre mir natürlich klar gewesen, dass es einen völlig anderen Film über den Papst erwartet als "Habemus Papam". Und das ist natürlich ein wunderbarer Anlass, genau diesen Erwartungen nicht zu entsprechen und einen völlig anderen Papst-Film zu machen. Und ich wollte auch keinen realistischen Film. Es sollte in einem realistischen Rahmen spielen, aber in diesen Rahmen habe ich dann meinen Vatikan, meine Kardinäle und meinen Papst gestellt, wie ich sie mir vorstelle. Viele haben sicher eine Kolportage aus Skandalberichten über den Vatikan erwartet, über Wirtschaftsmissbrauch und Pädophilie, aber genau so ein Film hat mich überhaupt nicht interessiert. Ich wollte den aktuellen Nachrichten nicht hinterher rennen. Deswegen gibt es im Film auch keinerlei Anspielungen zur gegenwärtigen Politik.

Berliner Morgenpost: Es ist nicht ganz deutlich, welchen Standpunkt Sie gegenüber der katholischen Kirche haben. Oder zumindest nehmen Sie sich im Film sehr zurück, sind sehr respektvoll.

Nanni Moretti: In meiner Jugend war ich sehr gläubig, darauf bin ich weder stolz noch schäme ich mich dafür. Aber heute bin ich es nicht mehr, der Glauben hat mich verlassen. Der spanische Filmemacher Luis Buñuel hat einmal gesagt, "Gott sei Dank bin ich ungläubig". Ich bin auch nicht gläubig, ärgere ich mich aber oft darüber, weil ich denke, dass es in vielen Momenten im Leben eine große Hilfe und Stütze sein kann. Aber ich habe eine große Distanz zur katholischen Kirche. Ich bin da ganz anders als viele Ex-Gläubige, die noch immer einen starken Konflikt in sich tragen. Ich habe kein Bedürfnis, mich bloßstellend oder blasphemisch gegenüber der Kirche zu äußern. Ich habe eine Distanz und glaube deswegen mit einer gewissen Menschlichkeit und Verständnis über den Konklave sprechen zu können.

Berliner Morgenpost: Hat der Vatikan oder der Klerus auf den Film reagiert?

Nanni Moretti: Bevor den Film auch nur irgendjemand gesehen hatte, gab es einige kritische Stimmen und auch Polemiken, wie das eben so passiert. Nichts Weltbewegendes, aber es ist eben darüber geredet worden. Im Gegensatz zu früher, als ich alles gelesen habe, was über mich und meine Filme geschrieben wurde, meide ich das heute.

Berliner Morgenpost: Auch die Psychoanalyse wird zum Ziel milden Spotts, ganz anders als etwa in Ihrem Film "Das Zimmer des Sohnes". Hat sich Ihr Verhältnis zur Psychoanalyse geändert?

Nanni Moretti: Als ich damals vor zehn Jahren schon mal einen Psychoanalytiker gespielt habe, waren meine Darstellung und mein Zugang zum Metier viel realistischer. Aber ich war immer selbstironisch in meinen Filmen und habe mich über mich selbst und mein soziales Umfeld immer ein Stück weit lustig gemacht. Auch über die Linke, die ich noch immer wähle, habe ich mich ständig mokiert. In "Mein Liebes Tagebuch" habe ich mich über eine Krebserkrankung lustig gemacht, die ich selbst vor 20 Jahren hatte. Und ich glaube, heute kann ich mir erlauben, auch einen Psychoanalytiker ein bisschen lächerlich zu machen.

Berliner Morgenpost: Angeblich erkennen Sie sich sowohl im Psychoanalytiker, den Sie im Film spielen, als auch im Papst selbst ein Stück weit wieder. Wie meinen Sie das?

Nanni Moretti: Zum Beispiel in der Steifheit und der Präpotenz des Analytikers, der sich einbildet, die Freizeit der Kardinäle zu gestalten, aber auch in diesem Angstzustand des Papstes finde ich mich durchaus wieder.

Berliner Morgenpost: Sie haben sowohl politisch als auch filmisch Berlusconi bekämpft. Nun ist er abgetreten. Was wird aus Italien?

Nanni Moretti: Hätte ein politisches Oberhaupt in einem anderen demokratischen Land nur ein Tausendstel von dem angestellt, was Berlusconi getan hat, wäre er viel früher zum Rücktritt gezwungen worden. Und nicht nur auf öffentlichen Druck, sondern auch von seiner eigenen Partei. Wir haben uns leider in Italien an alles gewöhnt. Ich hoffe, dass sich Italien aus dem Stillstand befreit. Ob wir in Zukunft von Links oder Rechts regiert werden, ist nebensächlich.

Berliner Morgenpost: Sie haben vor Jahren eine Bürgerprotestbewegung gegründet, die mittlerweile wieder aufgelöst ist. Was halten Sie von der derzeitigen Occupy-Bewegung in Europa?

Nanni Moretti: Diese Bewegungen müssen Kontakt zur Politik suchen und umgekehrt. Die Politik kann nicht wie üblich, diese Bewegungen einfach ignorieren.

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