Szene

Lametta und eiernde Akkorde in der Flittchenbar

In den Neunzigern lud Christiane Rösinger in der Maria am Ostbahnhof zur Flittchenbar. Die Sängerin und Autorin stellte allerlei kuriose Bands vor. Natürlich kein Mainstream und natürlich alles ein wenig verrückt. Nach zehnjähriger Pause fand sie im Südblock am Kottbusser Tor eine neue Heimat.

Mit einer Jubiläumsgala feiert sie das erste Jahr. Der Südblock ist wahrscheinlich der hässlichste Laden in ganz Berlin. Architektonisch harmoniert der Südblock hervorragend mit den Beton-Behausungen der Nachbarschaft. Das Publikum sieht aber aus wie auf allen Szene-Veranstaltungen.

Wohin man blickt, hängt Lametta. Christiane Rösinger eröffnet mit einer Gitarristin den Abend. Zu eiernden Akkorden singt sie: "Eine neue Bar ist wie ein neues Leben." Sie klatscht mit ihrer Art alles, was das langweilige Bürgertum je für gut befand, einfach so an die Wand. Und das, indem sie bürgerlicher nicht tun könnte. Sie sei "Galaistin", sagt sie, und der Abend werde "toll". Dann begrüßt Rösinger die Jolly Goods. Die letzte Platte des Duos wurde von den meisten für unglaublich gut befunden. Die beiden Damen sind obendrein unglaublich feministisch, spielen den schiefen Lärm-Pop, der Musikredakteuren gefällt; besonders weil er von hübschen Damen gespielt wird und weil es progressiv ist, Feminismus-Krach gut zu finden. Beim Singen überschlägt sich die Stimme in lautes Kieksen. Hans Unstern bedient eine elektrisch verstärke Drehorgel, er singt von Paris. Beim Kurbeln rauscht und klackt das wie auf Omas Grammophon. Zwischen all den Künstlern tappst Rösinger immer wieder nach oben, freut sich, kündigt den nächsten Act an. Mal ist es eine Jodel-Queen aus dem Harz, die zu einem Techno-Bob-Dylan-Stück tatsächlich jodelt, dann ist es Jens Friebe am Klavier, der auf die Band schimpft, die sich dauernd verspielt. Irgendwann kommen dann Ja, Panik. Andreas Spechtl, der Sänger der Gruppe, arrangierte das letzte Album von Rösinger. Sie nennt die Burschen liebevoll "ihre Adoptivsöhne".

Rösinger ist eine, die beim Umarmen aufs Bussi verzichtet, die Umarmung aber wirklich so meint. Wenn sie bei den Ankündigungen so ungelenk albert, braucht es etwas, bis man versteht, dass sie gerade einen echt klugen Satz gesagt hat. "Kuratieren, das heißt: Du hast Geburtstag und machst eine Party mit zwei DJs". Zack! Einfach so. Mitten ins Gesicht der Leute, die dann in ihre Bärte und Hemdkrägen lachen. "Voll ironisch, hihi." Rösinger führt sie vor, ohne dass ihr jemand gram ist. Das ist ganz große Kunst. Ja, Panik spielen "Take This Waltz" von Leonard Cohen. Spechtl krächzt am Ende nur noch. Der Walzer riecht nach Brandy.

Zum Schluss gibt es noch "Erkennen Sie die Melodie", ein Quiz, bei dem man von live gespielte Songs erraten soll. Wieder schlägt Rösinger das Bürgertum mit den eigenen Waffen. Man darf nicht einfach reinrufen, die Spieler müssen sich vorher melden, wenn sie meinen, einen Song erkannt zu haben. Der Hauptpreis ist ein Brunch für zwei.